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AuSwLriigc Literatur und Volkspoeste.
Nationen zusammentreffend, in fremden Sprachen sich zu üben,an fremden Eigenheiten, Politik und Interesse Theil zu nehmenhatten.
Der Geschichtskundige wird diesem stillen, gewissermaaßengeheimen Ggng durch zwei Jahrhunderte zu folgen wissen, umnicht für ein Wunder zu halten, daß dieses niedergebeugte Ge-schlecht, diese von einem abgelegenen Quartier benamsetenFanarioten, zn Anfang des achtzehnten Jahrhunderts aufeinmal vom Hofe höchlich begünstigt, an den ersten Stellen desReichs, als Dolmetscher der Pforte, ja als Fürsten der Moldauund Walachei hervortreten.
Hier nun glauben wir unserer Einleitung, nach oben aus-gesprochener Absicht, genuggethan zu haben, und dürfen wohldem Leser auf Seite 25 deuten, wo er die drei Epochen derNeugriechischen Literatur angezeigt und sodann ausgeführt zufinden hat. Die erste, von 1700 bis 1750, bezeichnet sogleichentschiedenere Schritte zu einer freiern Bildung. Der Einflußjener bedeutenden Männer verbesserte das Geschick der Nationin hohem Grad. Unter solchem Schutz und Leitung fing einfrisches Licht sich an zu verbreiten, und man suchte besondersdas Altgriechische gründlich und reiner zu studiren.
Die zweite Periode von 1750—1800 zeichnet sich besondersaus durch Einführung Europäischer wissenschaftlicher Kenntnisse.Man übersetzte eine Menge fremder Werke, der Wissenschaft,der Geschichte, der Philosophie angehörig; die Schulen verviel-fältigten sich, mehrere derselben verwandelten sich in Lyceen undUniversitäten. Eine große Anzahl Griechen hatten in Europastudirt, kamen in ihr Vaterland zurück und übernahmen willigdas ehrenvolle Geschäft öffentlichen Unterrichts; daher denndieser Zeitraum als den Wissenschaften gewidmet erscheint.
I>ie dritte Epoche, datirt vom Anfang des Jahrhunderts,ist ganz modern; der öffentliche Unterricht gewann eine philo-sophische Richtung, besonders aber studirte man die Sprache,die überlieferte sowohl als die lebendige, methodischer undgründlicher. Vorzügliche Männer, ihr Vaterland wieder auf-zurichten gesinnt, brachten freiere Begriffe in die Unterweisung,und das Lesen der alten Schriftsteller gab Gelegenheit, großeund erhabene Gedanken in der Jugend zu erregen: auf dieSprachbildung wirkte der Einfluß Körens' vorzüglich, und alleswar bemüht, die Nation eines Platzes unter den civilisirtenEuropas würdig zu machen.
Gar mannichfaltige Betrachtungen werden sich dem Lesen-den dabei aufdrängen, und wir behalten uns vor, auch dieunsrigen mitzutheilen, wenn wir erleben, daß die Besten derGriechen sich nun um ihre neue Leuchte, um den edlenGouverneur versammeln, daß die Unterrichteten, Weisen undKlugen mit Rath, die Tapfern mit That, besonders aber dieGeistlichen mit rein menschlich-apostolischem Einfluß in seinePlane, in seine Ueberzeugungen eingreifen und als Fana-rioten im höhern Sinne, nach dem Wunsche der ganzenChristenheit, sich erweisen und betragen mögen.
Eben als wir in Begriff sind, Vorstehendes dem Druck zuübergeben, erhalten wir durch die Freundlichkeit des HerrnDr. Christian Müller zu Genf die Uebersetzung vorgemel-deter Schrift, wohlgerathen, wie sich's von einem so vorzüg-lichen Literator denken läßt.
Da ich so viel Antheil an dem Original genommen, so warnichts natürlicher, als daß ich mich sogleich der Stelle zuwen-dete, die mich zu vorstehendem Aufsatz veranlaßt hatte. Damußte ich denn merkwürdig finden, daß der dem Verfassersonst günstig gesinnte Uebersetzer Seite 72 und 77 in beige-fügten Noten auf einmal als dessen Gegner auftritt, indem erdie Fanarioten, deren Herkommen und Wirken wir historischzu entwickeln getrachtet, feindselig behandelt.
Widerspruch gegen meine Ueberzeugung ist mir in einemhohen Alter inimer willkommen, indem ich ja dadurch ohnebesondere Bemühung erfahre, wie andere denken, ohne daß ichvon meiner Denkweise im mindesten abzuweichen genöthigt werde.
Und so gestehe ich denn aufrichtig, daß ich einen Mann wieJacovaky Rizo NLroulos, der sich noch jetzt ehemaligenPremierminister der Griechischen Hospodare in der Moldauund Walachei nennt und unterschreibt, höchlich bedauerte undbeklagte, wenn ich ihn in dem erbärmlichen Zustande sah, wieer als Vortragender, Vorlesender, Belehrender genöthigt ist,seine Darstellung unmethodisch zu beginnen und den Haupt-punkt, worauf alles Verständniß beruht, als Parenthese zugeben; wie er sich in dem unglücklichen Fall befindet, vor Zu-hörern, die sich Freunde nennen, seinem Adel zu entsagen,seine fürstlichen Vorfahren zu verleugnen, die langjährigenedeln, stillen und öffentlichen Einwirkungen seines Geschlechtsnur im Vorübergehen zu berühren, ihres Märtyrerthums alseines gleichgültigen Geschicks zu gedenken und die stillen Thrä-nen, die er ihrem Grabe zollt, vor seinen Zuhörern beschämtzu verbergen. Diese jammervollen Zustände, die wir aus demOriginal schon herausahnten, werden durch die Noten deswerthen Uebersetzers ganz offenbar. Denn der wackere Nörou-los mußte Angesichts der Versammlung empfinden und wissen,vaß die Gesinnungen, die sich hier gedruckt aussprechen, inseinen Zuhörern durchaus obwalteten, daß man an ihm denGeruch einer abgeschiedenen Fürstlichkeit kaum erträglich fand,ja daß er fürchten mußte, er werde, da man an seine frei-willige Erniedrigung nicht einmal recht glaubte, von der Mengesogar als Heuchler verachtet werden. Wie unter solchen Um-ständen dem edlen Manne nur ein Wort durch den „Zaun derZähne" durchbrechen konnte, bleibt ein Räthsel, das wir nurdurch ein inniges Bedauern beseitigen können.
Man verzeihe diese gewissermaaßen abgenöthigte Aeuße-rung einem gemäßigten Philhellenen; ihm hat sich durch eineReihe vieler Jahre ein historisches Menschengefühl entwickelt,d. h. ein dergestalt gebildetes, daß es, bei Schätzung gleich-zeitiger Verdienste und Verdienstlichkeiten, auch die Vergangen-heit mit in Anschlag bringt. Und so ist denn auch Vorstehendesnicht der Gegenwart, sondern der Zukunft, nicht dem Tages-blatt, sondern der Geschichte gewidmet.
Wenn wir die Vorwürfe, die man den Fanarioten zumachen Pflegt, mit Klarheit und Billigkeit beurtheilen wollen,so dürfen wir uns nur an die Zustände unserer hohen Dom-capitel erinnern, deren altherkömmliche Glieder sämmtlichfürstenmäßig geboren wurden. Sie waren im eigentlichstenSinne die Barmekiden, die Fanarioten von Deutschland. Umden geistlichen Mittelpunkt versammelt, nahmen sie die Bestim-mung ihrer höchsten Würde aus den Händen des Patriarchen