Auswärtige Literatur und Volkepoesie.
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der Römischen Christenheit. Die Oberrichterstelle des ganzenReiches war der ersten Würde anhängig, und so, unter wenigabweichenden Umständen, gestaltete sich ein Analogen jenerVerhältnisse, wie solches in einem jeden großen Reiche sichnothwendig bilden muß.
Erinnert man sich der bei vorfallenden Wahlen eintretendenmannichfaltigen Verhältnisse, an die Intriguen, die Bestechun-gen, das Hin- und Wiedermarkten, Gewinnen und Abspannender Stimmen und Zusagen, so wird man denen, die in einemabgelegenen Quartier von Byzanz Recht und Einfluß ihrerKaste unter einem despotischen Oberhaupte zu sichern alleUrsache hatten, gar wohl verzeihen, sich derjenigen Künstebedient zu haben,-welche durchaus der klugen und selbstsüchtigenMenschheit, ohne tadelnswerthzuseyn, jederzeit angehörten.
Indessen wir nun das Weitere aufzuklären der Zeit über-lasten, kommen uns die Aeußerungen eines reisenden Englän-ders zu Statten, welcher kurz vor der gewaltigen, im Stillenvorbereiteten Explosion jene um den Patriarchen von Constan-tinopel noch immer versammelte hohe Aristokratie aus der InselTherapia, ihrem Sommeraufenthalt, besuchte, wo auch unserRizo noch, den Beginn der großen Epoche erwartend undvoraussehend, scheinbar mit Alterthümern sich abgebend, gegen-wärtig war und mit klarem, scharfem Blick jene Zuständedurchschaute. Wir setzen die hierher sich beziehende Stelle,deren Lakonismus kaum zu verstehen, unmöglich aber zu über-setzen wäre, im Original hier bei, und lasten eine Paraphrasederselben als Entwicklung des Textes darauf erfolgen.
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„Die Fanarioten hat man schon längst als Erben allerLaster ihrer Byzantinischen Vorfahren angeklagt, auch diese Be-schuldigung zuversichtlich und oft übertrieben wiederholt. Wiesollten aber auch die Griechen überhaupt jene schönen, edelnEigenschaften, weßhalb ihre freien Urvater so hoch geschätztsind, durch eine Reihe höchst bedrängender Jahre rein undlebendig bewahrt haben? Wie konnte die Nation, die Hohen wiedie Geringen, beim Verfall des morgenländischen Kaiserthumsden Einflüssen eines verdorbenen Hofes, theologisch-verworrener
Parteiungen, einer eigensinnig willkürlichen Gesetzgebung wider-stehen? Mußten sie nicht, in diese Verworrenheiten verschlungen,alle Freiheit des Geistes, alles Rechtliche des Handelns aufgeben ?
„Unter einem solchen, durch Türkische Despotie täglichvermehrten Druck aber bildete sich in dem Griechischen Cha-rakter eine Fruchtbarkeit von Ausflüchten, eine Art von Schief-blick in sittlichen Dingen, woraus sich denn, bei fortdauernderSklaverei, eine gewohnt-hinterlistige Zweideutigkeit entwickelte,welche dem Fremden beim ersten Antritt auffällt.
„Diese Laster und Mangel können nicht augenblicklich ver-schwinden, und nur das edelste Beginnen, die gewaltsamstenZuckungen konnten so altherkömmliche Verwöhnungen besiegenund dem erniedrigten Charakter der Nation einen neuen Auf-schwung nach dem Bessern hin verleihen."
I-eukotLea,
von Dr. Carl Jken.
Leipzig, 1827. 2 Bände.
1828.
Dieses Werk wird einem jeden, der sich mit den HellenischenAngelegenheiten näher beschäftigt, willkommen und brauchbarseyn. Aus dem Neugriechischen übersetzte Briefe über die Zeit-ereignisse bilden einen gehaltreichen Text, der durch Beilagen,begleitet mit Anmerkungen, umständlich ausgelegt wird. Mankann daher dieses Werk als Compendium, Commentar undSammlung von Collectaneen betrachten, woran man sich viel-seitig unterrichten wird.
Der meiste Stoff ist aus Französischen und EnglischenWerken zusammengetragen, ein Verzeichniß NeugriechischerSchriftsteller der letzten Hälfte des achtzehnten Jahrhundertshinzugefügt, und das Ganze durch den Versuch eines Personen-,Sachen- und Wörterverzeichnisses zugänglicher gemacht.
Aus dem Gesagten erhellt nun schon, daß man diese sämmt-lichen Materialien mit Vorsicht und Kritik zu brauchen habe,indem sie uns von den Händen eines erklärten Philhellenendargeboten sind, dem man nicht zumuthen kann, seinen Lieb-lingen irgend wehe zu thun.
Neugriechische Volkslieder,
herausgegeben von Kind.
Grimma 1827.
1828.
Ein Vorwort behandelt Eigenheiten und Prosodie des Neu-griechischen. Hierauf werden vierundzwanzig, mehr oder weni-ger moderne Lieder mitgetheilt, denen sodann Anmerkungenund Worterklärungen in alphabetischer Ordnung folgen.
Ein sehr willkommenes, brauchbares Büchlein, wodurchwir abermals einen Vorschritt in den Kenntnissen der VerdiensteNeugriechischer Nationalpoesie thun. Denn freilich werden wirnach und nach immer mehr zu sichten haben, was denn eigent-lich an diesen Gedichten das Schätzenswertste sey. Keine Nationhat noch zu keiner Zeit das Vorrecht erhalten, nur gute undgrundwürdige Poesieen hervorzubringen. Und so möchte dennauch mancher dieser Gesänge einen patriotisch-historischen Werthhaben, ohne wegen des poetischen hervorgezogen zu werden.