Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Auswärtige Literatur und Volkspoesie.

Ich versuche nun, ob mir gelingen möchte, zu den von mirübersetzten zwölf Liedern noch mehrere von gleichem Werthhinzuzuthun; das aber darf ich jetzt schon aussprechen, daß mirneuerlich keins vor die Seele getreten, das sich an dichterischemWerth dem Charon vergleichen könnte.

Schließlich nur noch Eines zu erwähnen, die Eiuleitungs-formel durch verkündende oder theilnehmende Vögel wiederholtsich bis zur Monotonie, und zuletzt ohne Wirkung; denn ganzanders ist es mit jenem Falle beschaffen, wo der Adler das Haupteines Klephten davongetragen hat, und mit demselben, ehe er esaufspeis't, eine Unterhaltung beginnt. Auch haben die einzelnenGefechte viel zu wenig Unterscheidendes in den Vorfällen, umder Einbildungskraft wirkliche Gestalten und Thaten vorführenzu können.

Dainos oöer Litthamsche Volkslieder,

herausgegeben von L. I. Rhesa.

Königsberg 1825.

1825.

Durch diese Sammlung ist abermals einer meiner Wünscheerfüllt. Schon Herder liebte die Lettischen Volkslieder gar sehr;in mein kleines Drama die Fischerin sind einige von seinenUebersetzungen geflossen. Außerdeyi liegt bereits seit mehrernJahren eine starke Sammlung solcher wohlverdeutschter Ge-dichte bei mir, die ich wie so manches andere, in Hoffnungdessen, was gegenwärüg geschieht, im Stillen ruhen ließ.

In dem gegenwärtigen Band erhalten wir eine Sammlungvon Lithauischen Liedern, begleitet von wenigen Anmerkungen,um Eigenthümlichkeiten, bezeichnende Ausdrücke zu verdeutlichen.In einer angefügten Betrachtung giebt der Sammler wünschens-werthe Ausschlüsse über Inhalt und Rhythmus; auch theilt erNotizen über jene Literatur mit, und drückt sich im Allgemeinenüber diese Dichtart folgendermaaßen aus:Die LithauischenVolkslieder, Dainos, sind größtentheils erotischer Gattung; siebesingen die Empfindungen der Liebe und der Freude, schilderndas Glück des häuslichen Lebens und stellen die zarten Verhält-nisse zwischen Familiengliedern und Verwandten auf eine höchsteinfache Weise vor Augen. In dieser Hinsicht bildet die ganzeSammlung gleichsam einen Cyclus der Liebe von ihrer erstenVeranlassung, durch die verschiedensten Abstufungen, bis zu ihrerVollendung im ehelichen Leben. Eine ernste Wehmuth, einesanfte Melancholie verbreitet über diese Lieder einen sehr wohl-thätigen Trauerflor. Die Liebe ist hier nicht eine ausschweifendeLeidenschaft, sondern jene ernste, heilige Empfindung der Natur,die den unverdorbenen Menschen anläßt, daß etwas Höheresund Göttliches in dieser wundervollen Seelenneigung liegt."

Die Uebersetzung so wie die beigefügten Anmerkungen undBetrachtungen sind schätzbar; nur wäre dem Ganzen ein weitgrößerer Werth verliehen, wenn die Lieder nach ihrer innernVerwandtschaft wären ausgestellt worden, vom Spinnermädchenund Webermädchen, durch Natürliches und Phantastisches, biszu Krieg und Kriegsgeschrei. Wie sie jetzt unter einander stehen,zerstreuen sie Gefühl und Einbildungskraft, und zerstören zu-letzt beide, weil Sensationen aller Art sich doch am Ende nacheiner gewissen Einheit zurücksehnen.

Als merkwürdig würde man sodann gefunden haben, daßder eigentliche Lebensbeginn, das Verhältniß der Eltern zu den

Kindern, hier ganz und gar fehle, und kaum eins Spur zuentdecken sey, daß man jemals darauf sittlich und dichterischaufgemerkt. Die Mädchen, sogleich wie sie erscheinen, wollenheirathen, die Knaben zu Pferde steigen.

Da es so viele Rubriken giebt, unter welche man die Ge-dichte vertheilt, so möchte ich diese mit dem Namen Zustands-gedichte bezeichnen: denn sie drücken die Gefühle in einemgewissen entschiedenen Zustande aus; weder unabhängige Em-pfindungen noch eine freie Einbildungskraft waltet in denselben;das Gemüth schwebt elegisch über dem beschränktesten Raum.

Und so sind denn diese Lieder anzusehen als unmittelbarvom Volke ausgegangen, welches der Natur, und also derPoesie, viel näher ist als die gebildete Welt.

Die Dichtergabe ist viel häufiger, als man glaubt; ob abereiner wirklich ein Dichter sey, sieht man am sichersten bei Ge-legenheit«- und solchen Zustandsgedichten: das erste faßt einenvorübergehenden Zeitmoment glücklich auf, das andere beschränktsich mit zarter Neigung in einen engen Raum, und spielt mitden Bedingungen, innerhalb deren man sich unauflöslich be-schränkt sieht. Beide nehmen ihren Werth von dem prägnantenStoff, den sie ergreifen, dem sie sich widmen, und verlangenvon ihren Fähigkeiten nicht mehr, als sie leisten können.

Daß der Herausgeber sich mit einsichtiger Wahl auf dieHälfte der in seinem Besitz befindlichen Lieder beschränkt hat,ist sehr zu loben. Sollen die Volkslieder einen integrirendenTheil der ächten Literatur machen, so müssen sie mit Maaßund Ziel vorgelegt werden. Ist die Gelegenheit, ist der Zu-stand erschöpft, so begnügeinan sich in diesem Kreise, wie derSammler hier sehr löblich gethan hat.

Es kommt mir, bei stiller Betrachtung, sehr oft wundersamvor, daß man die Volkslieder so sehr anstaunt und sie so hocherhebt. Es giebt nur eine Poesie, die ächte, wahre; allesandere ist nur Annäherung und Schein. Das poetische Talentist dem Bauer so gut gegeben als dem Ritter; es kommt nurdarauf an, ob jeder seinen Zustand ergreift und ihn nachWürden behandelt, und dahaben denn die einfachsten Verhält-nisse die größten Vortheile; daher denn auch die höhern, ge-bildeten Stände meistens wieder, in sofern sie sich zur Dichtungwenden, die Statur in ihrer Einfalt aufsuchen.

Spanische KomanM,

übersetzt von Beaurezard Pandin.

182Z.

Sie wurden mir zuerst durch des Gesellschafters No-vemberheft 1832 bekannt. Die dort aufgeführten sind sämmtlichhumoristischen Inhalts, deren wohlgelungene Uebertragungmich um so mehr ergetzte, als ich unter dem etwas fremd-klingenden Namen einen Nachbarsmann voriger Zeiten zu ent-decken glaubte. Sogleich wurden, da ich mich mit ähnlichenGegenständen beschäftigte, folgende Gedanken aufgeregt undniedergeschrieben.

Man spricht sooft den Namen Volkslieder aus, undweiß nicht immer ganz deutlich, was man sich dabei denken