Didaktischer Theil.
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„Halt man dem Stier ein rothes Tuch vor, so wird er wüthend;aber der Philosoph, wenn man nur überhaupt von Farbe spricht,fängt an zu rasen."
Sollen wir jedoch nunmehr von unserm Vertrag, auf denwir uns berufen, einige Rechenschaft geben, so müssen wir vorallen Dingen anzeigen, wie wir die verschiedenen Bedingungen,unter welchen die Farbe sich zeigen mag, gesondert. Wir fandendreierlei Erscheinungsweisen, dreierlei Arten von Farben oder,wenn man lieber will, dreierlei Ansichten derselben, derenUnterschied sich aussprechen läßt.
Wir betrachteten also die Farben zuerst, in sofern sie demAuge angehören, und auf einer Wirkung und Gegenwirkungdesselben beruhen; ferner zogen sie unsere Aufmerksamkeit ansich, indem wir sie an farblosen Mitteln oder durch deren Bei-hülfe gewahrten; zuletzt aber wurden sie uns merkwürdig, in-dem wir sie als den Gegenständen angehörig denken konnten.Die ersten nannten wir physiologische, die zweiten phy-sische, diedrittcnchemischeFarben. Jene sind unaufhaltsamflüchtig, die andern vorübergehend, aber allenfalls verweilend,die letzten festzuhalten bis zur spätesten Dauer.
Indem wir sie nun in solcher naturgemäßen Ordnung, zumBehuf eines didaktischen Vertrags, möglichst sonderten und auseinander hielten, gelang es uns zugleich, sie in einer stetigenReihe darzustellen, die flüchtigen mit den verweilenden, unddiese wieder mit den dauernden zu verknüpfen, und so die erstsorgfältig gezogenen Abtheilungen für ein höhere? Anschauenwieder aufzuheben.
Hieraus haben wir in einer vierten Abtheilung unsererArbeit, was bis dahin von den Farben unter mannichfaltigenbesondern Bedingungen bemerkt worden, im allgemeinen aus-gesprochen, und dadurch eigentlich den Abriß einer künftigenFarbenlehre entworfen. Gegenwärtig sagen wir nur so vielvoraus, daß zur Erzeugung der Farbe Licht und Finsterniß,Helles und Dunkles oder, wenn man sich einer allgemeinernFormel bedienen will, Licht und Nichtlicht gefordert werde.Zunächst am Licht entsteht uns eine Farbe, die wir Gelbnennen, eine andere zunächst an der Finsterniß, die> wir mitdem Worte Blau bezeichnen. Diese beiden, wenn wir sie inihrem reinsten Zustand dergestalt vermischen, daß sie sich völligdas Gleichgewicht halten, bringen eine dritte hervor, welchewir Grün heißen. Jene beiden ersten Farben können aberauch jede an sich selbst eine neue Erscheinung hervorbringen,indem sie sich verdichten oder verdunkeln. Sie erhalten einröthliches Ansehen, welches sich bis auf einen so hohen Gradsteigen! kann, daß man das ursprüngliche Blau und Gelb kaumdarin mehr erkennen mag. Doch läßt sich das höchste und reineRoth, vorzüglich in physischen Fällen, dadurch hervorbringen,daß man die beiden Enden des Gelbrwthen und Blau-rothen vereinigt. Dieses ist die lebendige Ansicht der Farben-Erscheinung und Erzeugung. Man kann aber auch zu demspeeificirt fertigen Blauen und Gelben ein fertiges Roth an-nehmen , und rückwärts dnrch Mischung hervorbringen, waswir vorwärts durch Jntensiren bewirkt haben. Mit diesen dreioder sechs Farben, welche sich bequem in einen Kreis einschließenlassen, hat die elementare Farbenlehre allein zu thun. Alleübrigen in's Unendliche gehenden Abänderungen gehören mehrin das Angewandte, gehören zur Technik des Malers, des Fär-bers, überhaupt in's Leben.
Sollen wir sodann noch eine allgemeine Eigenschaft aus-sprechen, so sind die Farben durchaus als Halblichter, alsHalbschatten anzusehen, weßhalb sie denn auch, wenn sie zu-sammengemischt ihre specifischen Eigenschaften wechselseitig auf-heben , ein Schattiges, ein Graues hervorbringen.
In unserer fünften Abtheilung sollten sodann jene nachbar-lichen Verhältnisse dargestellt werden, in welchen unsere Farben-lehre mit dem übrigen Wissen, Thun und Treiben zu stehenwünschte. So wichtig diese Abtheilung ist, so mag sie vielleichtgerade eben deßwegen nicht zum besten gelungen seyn. Dochwenn man bedenkt, daß eigentlich nachbarliche Verhältnisse sichnicht eher aussprechen lasten, als bis sie sich gemacht haben, sokann man sich über das Mißlingen eines solchen ersten Ver-suchs wohl trösten. Denn freilich ist erst abzuwarten, wie die-jenigen, denen wir zu dienen suchten, denen wir etwas Gefäl-liges und Nützliches zu erzeigen dachten, das von uns möglichstGeleistete aufnehmen werden, ob sie sich es zueignen. ob sie esbenutzen und weiter führen, oder ob sie es ablehnen, wegdrän-gen und nothdürftig für sich bestehen lassen? Indessen dürfenwir sagen, was wir glauben und was wir hoffen.
Lom Philosophen glauben wir Dank zu verdienen, daßwir gesucht, die Phänomene bis zu ihren Urquellen zu ver-folgen, bis dorthin, wo sie bloß erscheinen und sind, und wosich nichts weiter an ihnen erklären läßt. Ferner wird ihmwillkommen seyn, daß wir die Erscheinungen in eine leichtübersehbare Ordnung gestellt, wenn er diese Ordnung selbstauch nicht ganz billigen sollte.
Den Arzt, besonders denjenigen, der das Organ des Augeszu beobachten, es zu erhalten, dessen Mangeln abzuhelfen unddessen Uebel zu heilen berufen ist, glauben wir uns vorzüglichzum Freunde zu machen. In der Abtheilung von den Physio-logischen Farben, in dem Anhange, der die pathologischen an-deutet, findet er sich ganz zu Hause. Und wir werden gewißdurch die Bemühungen jener Männer, die zu unserer Zeitdieses Fach mit Glück behandeln, jene erste, bisher vernach-lässigte, und man kann wohl sagen, wichtigste Abtheilung derFarbenlehre ausführlich bearbeitet sehen.
Am freundlichsten sollte der Physiker uns entgegenkommen,da wir ihm die Bequemlichkeit verschaffen, die Lehre von denFarben in der Reihe aller übrigen elementaren Erscheinungenvorzutragen, und sich dabei einer übereinstimmenden Sprache,ja fast derselbigen Worte und Zeichen, wie unter den übrigenRubriken, zu bedienen. Freilich machen wir ihm, in sofern erLehrer ist, etwas mehr Mühe: denn das Capitel von denFarben läßt sich künftig nicht wie bisher mit wenig Paragraphenund Versuchen abthun; auch wird sich der Schüler nicht leichtso frugal, als man ihn sonst bedienen mögen, ohne Murrenabspeisen lassen. Dagegen findet sich späterhin ein andererVortheil; denn wenn die Newtonsche Lehre leicht zu lernenwar, so zeigten sich bei ihrer Anwendung unüberwindlicheSchwierigkeiten; unsere Lehre ist vielleicht schwerer zu fassen,aber alsdann ist auch alles gethan; denn sie führt ihre Anwen-dung init sich.
Der Chemiker, welcher auf die Farben als Kriterien achtet,um die geheimern Eigenschaften körperlicher Wesen zu entdecken,hat bisher bei Benennung und Bezeichnung der Farben manchesHinderniß gefunden; ja man ist nach einer nähern und feinernBetrachtung bewogen worden, die Farbe als ein unsicheres und