Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

120

Zur Farbenlehre.

trügliches Kennzeichen bei chemischen Operationen anzusehen.Doch hoffen wir sie durch unsere Darstellung und durch dievorgeschlagene Nomenclatur wieder zu Ehren zu bringen, unddie Ueberzeugung zu erwecken, daß ein Werdendes, Wachsen-des, ein Bewegliches, der Umwendung Fähiges nicht betrüglichseh, vielmehr geschickt, die zartesten Wirkungen der Natur zuoffenbaren.

Blicken wir jedoch weiter umher, so wandelt uns eineFurcht an, dem Mathematiker zu mißfallen. Durch eine sonder-bare Verknüpfung von Umständen ist die Farbenlehre in dasReich, vor den Gerichtsstuhl des Mathematikers gezogen wor-den, wohin sie nicht gehört. Dieß geschah wegen ihrer Ver-wandtschaft mit den übrigen Gesetzen des Sehens, welche derMathematiker zu behandeln eigentlich berufen war. Es geschahferner dadurch, daß ein großer Mathematiker die Farbenlehrebearbeitete, und da er sich als Physiker geirrt hatte, die ganzeKraft seines Talents aufbot, um diesem Irrthum Consistenzzu verschaffen. Wird beides eingesehen, so muß jedes Mißver-ständniß bald gehoben seyn, und der Mathematiker wird gernbesonders die Physische Abtheilung der Farbenlehre mit bear-beiten helfen.

Dem Techniker, dem Färber hingegen muß unsere Arbeitdurchaus willkommen seyn. Denn gerade diejenigen, welcheüber die Phänomene der Färberei nachdachten, waren am we-nigsten durch die bisherige Theorie befriedigt; sie waren dieersten, welche die Unzulänglichkeit der Newtonschen Lehre ge-wahr wurden; denn es ist ein großer Unterschied, von welcherSeite man sich einem Wissen, einer Wissenschaft nähert, durchwelche Pforte man hereinkommt. Der ächte Praktiker, derFabrikant, dem sich die Phänomene täglich mit Gewalt auf-drängen, welcher Nutzen oder Schaden von der Ausübungseiner Ueberzeugungen empfindet, dem Geld- und Zeitverlustnicht gleichgültig ist, der vorwärts will, von andern Gelei-stetes erreichen, übertreffen soll er empfindet viel geschwinderdas Hohle, das Falsche einer Theorie als der Gelehrte, demzuletzt die hergebrachten Worte für baare Münze gelten, alsder Mathematiker, dessen Formel immer noch richtig bleibt,wenn auch die Unterlage nicht zu ihr Paßt, auf die sie ange-wendet worden. Und so werden auch wir, da wir von derSeite der Malerei, von der Seite ästhetischer Färbung derOberflächen in die Farbenlehre hereingekommen, für den Malerdas Dankenswertheste geleistet haben, wenn wir in der sechstenAbtheilung die sinnlichen und sittlichen Wirkungen der Farbezu bestimmen gesucht, und sie dadurch dem Kunstgebrauch an-nähern wollen. Ist auch hierbei, wie durchaus, manches nurSkizze geblieben, so soll ja alles Theoretische eigentlich nur dieGrundzüge andeuten, auf welchen sich nachher die That lebendigergehen und zu gesetzlichem Hervorbringen gelangen mag.

Erste Abtheilung.Physiologische Farben.

i.

Diese Farben, welche wir billig obenan setzen, weil sie demSubject, weil sie dem Auge, theils völlig theils größtens zu-gehören, diese Farben, welche das Fundament der ganzen Lehre

machen, und uns die chromatische Harmonie, worüber so vielgestritten wird, offenbaren, wurden bisher als außerwesentlich,zufällig, als Täuschung und Gebrechen betrachtet. Die Erschei-nungen derselben sind von frühern Zeiten her bekannt, aberweil man ihre Flüchtigkeit nicht haschen konnte, so verbannteman sie in das Reich der schädlichen Gespenster, und bezeich-nete sie in diesem Sinne gar verschiedentlich.

2 .

Also heißen sie eolores ackventicii nach Boyle, imagi-uarü und püuutsstioi nach Rizetti, nach Bussen eouleursaeoiclentölleo, nach Scherffer Scheinfarben; Augen täu-schungen und Gesichtsbetrug nach mehrern, nach Ham-berger vitia luZitivu, nach Darwin oculsr sxeotrs.

3 .

Wir haben sie physiologische genannt, weil sie dem gesundenAuge angehören, weil wir sie als die nothwendigen Bedin-gungen des Sehens betrachten, auf dessen lebendiges Wechsel-wirken in sich selbst und nach außen sie hindeuten.

4 .

Wir fügen ihnen sogleich die pathologischen hinzu,welche, wie jeder abnorme Zustand auf den gesetzlichen, so auchhier auf die physiologischen Farben eine vollkommenere Einsichtverbreiten.

I.

Licht und Finsterniß zum Auge.

5 .

Die Retina befindet sich, je nachdem Licht oder Finsternißauf sie wirken, in zwei verschiedenen Zuständen, die einandervöllig entgegenstehen.

6 .

Wenn wir die Augen innerhalb eines ganz finstern Raumsoffen halten, so wird uns ein gewisser Mangel empfindbar.Das Organ ist sich selbst überlassen, es zieht sich in sich selbstzurück; ihm fehlt jene reizende, befriedigende Berührung, durchdie es mit der äußern Welt verbunden und zum Ganzen wird.

7 .

Wenden wir das Auge gegen eine stark beleuchtete weißeFläche, so wird es geblendet und für eine Zeit lang unfähig,mäßig beleuchtete Gegenstände zu unterscheiden.

8 .

Jeder dieser äußersten Zustände nimmt auf die angegebeneWeise die ganze Netzhaut ein, und in sofern werden wir nureinen derselben auf einmal gewahr. Dort (6) fanden wir dasOrgan in der höchsten Abspannung und Empfänglichkeit, hier(7) in der äußersten Ucberspannung und Uncmpfänglichkeit.

9 .

Gehen wir schnell aus einem dieser Zustände in den andernüber, wenn auch nicht von einer äußersten Gränze zur andern,sondern etwa nur aus dem Hellen in's Dämmernde, so ist derUnterschied bedeutend, und wir können bemerken, daß die Zu-stände eine Zeit lang dauern.

10 .

Wer aus der Tageshelle in einen dämmerigen Ort über-geht, unterscheidet nichts in der ersten Zeit; nach und nachstellen sich die Augen zur Empfänglichkeit wieder her, starke