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Lur Farbenlehre.
diesem Falle genöthigt werde, drei Hauptfarben anzunehmen,ist schon früher von den Beobachtern bemerkt worden.
61 .
Wenn in der Totalität die Elemente, woraus sie zusammen-wächst, noch bemerklich sind, nennen wir sie billig Harmonie,und ivie die Lehre von der Harmonie der Farben sich aus diesenPhänomenen herleite, wie nur durch diese Eigenschaften dieFarbe fähig sey, zu ästhetischem Gebrauch angewendet zu werden,muß sich in der Folge zeigen, wenn wir den ganzen Kreis derBeobachtungen durchlaufen haben und auf den Punkt, wovonwir ausgegangen sind, zurückkehren.
VI.
Farbige Schatten.
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Ehe wir jedoch weiter schreiten, haben wir noch höchst merk-würdige Fälle dieser lebendig geforderten, neben einander be-stehenden Farben zu beobachten, und zwar indem wir unsereAufmerksamkeit auf die farbigen Schatten richten. Um zu diesenüberzugehen, wenden wir uns vorerst zur Betrachtung der farb-losen Schatten.
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Ein Schatten, von der Sonne auf eine weiße Fläche ge-worfen, giebt uns keine Empfindung von Farbe, so lange dieSonne in ihrer völligen Kraft wirkt. Er scheint schwarz, oderwenn ein Gegenlicht hinzudringen kann, schwächer, halberhellt,grau.
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Zu den farbigen Schatten gehören zwei Bedingungen, erst-lich daß das wirksame Licht auf irgend eine Art die weiße Flächefärbe, zweitens daß ein Gegenlicht den geworfenen Schattenauf einen gewissen Grad erleuchte.
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Man setze bei der Dämmerung auf ein weißes Papier eineniedrig brennende Kerze; zwischen sie und das abnehmendeTageslicht stelle man einen Bleistift aufrecht, so daß der Schatten,welchen die Kerze wirst, von dem schwachen Tageslicht erhellt,aber nicht aufgehoben werden kann, und der Schatten wird vondem schönsten Blau erscheinen.
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Daß dieser Schatten blau sey, bemerkt man alsobalo; aberman überzeugt sich nur durch Aufmerksamkeit, daß das weißePapier als eine röthlich gelbe Fläche wirkt, durch welchen Scheinjene blaue Farbe im Auge gefordert wird.
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Bei allen farbigen Schatten daher muß man auf derFläche, auf welche er geworfen wird, eine erregte Farbe ver-muthen , welche sich auch bei aufmerksamer Betrachtung wohlerkennen läßt. Doch überzeuge man sich vorher durch folgen-den Versuch.
68 .
Man nehme zur Nachtzeit zwei brennende Kerzen und stellesie gegen einander auf eine weiße Fläche, man halte einen dünnenStab zwischen beiden aufrecht, so daß zwei Schatten entstehen;man nehme ein farbiges Glas und halte es vor das eine Licht,also daß die weiße Fläche gefärbt erscheine, und in demselben
Augenblick wird der von dem nunmehr färbenden Lichte gewor-fene und von dem farblosen Lichte beleuchtete Schatten die ge-forderte Farbe anzeigen.
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Es tritt hier eine wichtige Betrachtung ein, auf die wirnoch öfters zurückkommen werden. Die Farbe ist ein Schat-tiges deßwegen Kircher vollkommen Recht hat, sie
lumen oxncntum zu nennen; und wie sie mit dem Schattenverwandt ist, so verbindet sie sich auch gern mit ihm, sie erscheintuns gern in ihm und durch ihn, sobald der Anlaß nur gegebenist; und so müssen wir bei Gelegenheit der farbigen Schattenzugleich eines Phänomens erwähnen, dessen Ableitung und Ent-wicklung erst später vorgenommen werden kann.
70 .
Man wähle in der Dämmerung den Zeitpunkt, wo daseinfallende Himmelslicht noch einen Schatten zu werfen imStande ist, der von dem Kerzenlicht nicht ganz aufgehoben wer-den kann, so daß vielmehr ein doppelter fällt, einmal vomKerzenlicht gegen das Himmelslicht, und sodann vom Himmels-licht gegen das Kerzenlicht. Wenn der erstere blau ist, so wirdder letztere hochgelb erscheinen. Dieses hohe Gelb ist aber eigent-lich nur der über das ganze Papier von dem Kerzenlicht ver-breitete gelbröthliche Schein, der im Schatten sichtbar wird.
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Hiervon kann man sich bei dem obigen Versuche mit zweiKerzen und farbigen Gläsern am besten überzeugen, so wie dieunglaubliche Leichtigkeit, womit der Schatten eine Farbe an-nimmt, bei der nähern Betrachtung der Widerscheine und sonstmehrmals zur Sprache kommt.
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Und so wäre denn auch die Erscheinung der farbigenSchatten, welche den Beobachtern bisher so viel zu schaffengemacht, bequem abgeleitet. Ein jeder, der künftighin farbigeSchatten bemerkt, beobachte nur, mit welcher Farbe die helleFläche, worauf sie erscheinen, etwa tingirt seyn möchte. Jaman kann die Farbe des Schattens als ein Chromatoskop derbeleuchteten Fläche ansehen, indem man die der Farbe desSchattens entgegenstehende Farbe auf der Fläche vermuthenund bei näherer Aufmerksamkeit in jedem Falle gewahr werdenkann.
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Wegen dieser nunmehr bequem abzuleitenden farbigenSchatten hat man sich bisher viel gequält und sie, weil siemeistentheils unter freiem Himmel beobachtet wurden, undvorzüglich blau erschienen, einer gewissen heimlich blauen undblaufärbenden Eigenschaft der Luft zugeschrieben. Man kannsich aber bei jenem Versuche mit dem Kerzenlicht im Zimmerüberzeugen, daß keine Art von blauem Schein oder Widerscheindazu nöthig ist, indem man den Versuch an einem grauentrüben Tag, ja hinter zugezogenen weißen Vorhängen anstellenkann, in einem Zimmer, wo sich auch nicht das mindeste Blauebefindet, und der blaue Schatten wird sich nur um desto schönerzeigen.
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Saussure sagt in der Beschreibung seiner Reise auf denMontblanc:
„Eine zweite nicht uninteressante Bemerkung betrifft dieFarben der Schatten, die wir trotz der genauesten Beobachtung