Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Didaktischer Theil.

127

nie dunkelblau fanden, ob es gleich in der Ebene häufig der !Fall gewesen war. Wir sahen sie im Gegentheil von nenn- 'undfunfzigmal einmal gelblich, sechsmal blaßbläulich, achtzehn- !mal farblos oder schwarz und vierunddreitzigmal blaßviolett. ^Wenn also einige Physiker annehmen, daß diese Farben mehr !von zufälligen, in der Lust zerstreuten, den Schatten ihre eigen-thümlichen Nuancen mittheilenden Dünsten herrühren, nicht ^aber durch eine bestimmte Luft-oder reflectirte Himmelsfarbe 'verursacht werden, so scheinen jene Beobachtungen ihrer Meinunggünstig zu seyn."

Die von Saussure angezeigten Erfahrungen werden wirnun bequem einrangiren können.

Aus der großen Höhe war der Himmel meistentheils reinvon Dünsten. Die Sonne wirkte in ihrer ganzen Kraft aufden weißen Schnee, so daß er dem Auge völlig weiß erschien,und sie sahen bei dieser Gelegenheit die Schatten völlig farblos.War die Luft mit wenigen Dünsten geschwängert und entstanddadurch ein gelblicher Ton des Schnees, so folgten violetteSchatten, und zwar waren diese die meisten. Auch sahen sie ^bläuliche Schatten, jedoch seltener; und daß die blauen und !violetten nur blaß waren, kam von der hellen und heitern !Umgebung, wodurch die Schattenstärke gemindert wurde. Nur >einmal sahen sie den Schatten gelblich, welches, wie wir oben(70) gesehen haben, ein Schatten ist, der von einem farblosen !Gegenlichte geworfen und von dem färbenden Hauptlichte er- ^leuchtet worden.

75. !

Auf einer Harzreise im Winter stieg ich gegen Abend vom !

Brocken herunter: die weiten Flächen auf- und abwärts waren !beschneit, die Heide von Schnee bedeckt, alle zerstreut stehenden !Bäume und vorragenden Klippen, auch alle Baum- und Felsen- !Massen völlig bereift, die Sonne senkte sich eben gegen die Oder- !leiche hinunter. !

Waren den Tag über, bei dem gelblichen Ton des Schnees,schon leise violette Schatten bemerklich gewesen, so mußte mansie nun für hochblan ansprechen, als ein gesteigertes Gelb vonden beleuchteten Theilen widerschien.

Als aber die Sonne sich endlich ihrem Niedergang näherte,und ihr durch die stärkern Dünste höchst gemäßigter Strahl dieganze mich umgebende Welt mit der schönsten Purpurfarbeüberzog, da verwandelte sich die Schattenfarbe in ein Grün,das nach seiner Klarheit einem Meergrün, nach seiner Schönheiteinem Smaragdgrün verglichen werden konnte. Die Erschei-nung ward immer lebhafter; man glaubte sich in einer Feenwcltzu befinden: denn alles hatte sich in die zwei lebhaften und soschön übereinstimmenden Farben gekleidet, bis endlich mit demSonnenuntergang die Prachterscheinung sich in eine graueDämmerung, und nach und nach in eine mond- und sternhelleNacht verlor.

76.

Einer der schönsten Fälle farbiger Schatten kann bei demLollmonde beobachtet werden. Der Kerzen- und Mondcnschcinlassen sich völlig in's Gleichgewicht bringen. Beide Schattenkönnen gleich stark und deutlich dargestellt werden, so daßbeide Farben sich vollkommen balanciren. Man setzt die Tafeldem Scheine des Vollmondes entgegen, das Kerzenlicht einwenig an die Seite, in gehöriger Entfernung; vor die Tafelhält man einen undurchsichtigen Körper: alsdann entsteht ein

doppelter Schatten, und zwar wird derjenige, den der Mondwirft und das Kerzenlicht bescheint, gewaltig rothgelb, undumgekehrt der, den das Licht wirft und der Mond bescheint,vom schönsten Blau gesehen werden. Wo beide Schattenzusammentreffen und sich zu einem vereinigen, ist er schwarz.Der gelbe Schatten läßt sich vielleicht auf keine Weise auffal-lender darstellen. Die unmittelbare Nähe des blauen, der da-zwischen tretende schwarze Schatten machen die Erscheinungdesto angenehmer. Ja, wenn der Blick lange auf der Tafelverweilt, so wird das geforderte Blau das fordernde Gelbwieder gegenseitig fordernd steigern und in's Gelbrothe treiben,welches denn wieder seinen Gegensatz, eine Art von Meergrün,hervorbringt.

77:

Hier ist der Ort, zu bemerken, daß es wahrscheinlich einesZeitmomentes bedarf, um die geforderte Farbe hervorzubringen.Die Retina muß von der fordernden Farbe erst recht afficirtseyn, ehe die geforderte lebhaft bemerklich wird.

78.

Wenn Taucher sich unter dem Meere befinden und dasSonnenlicht in ihre Glocke scheint, so ist alles Beleuchtete, wassie umgiebt, purpurfarbig, wovon künftig die Ursache anzugebenist; die Schatten dagegen sehen grün aus. Eben dasselbe Phä-nomen, was ich aus einem hohen Berge gewahr wurde (75),bemerken sie in der Tiefe des Meers, und so ist die Natur mitsich selbst durchaus übereinstimmend.

79.

Einige Erfahrungen und Versuche, welche sich zwischen dieCapitel von farbigen Bildern und von farbigen Schatten gleich-sam einschieben, werden hier nachgebracht.

Man habe an einem Winterabende einen weißen Papier-laden inwendig vor dem Fenster eines Zimmers; in diesemLaden sey eine Oeffnung, wodurch man den Schnee eines etwabenachbarten Daches sehen könne; es sey draußen noch einiger-maaßen dämmerig und ein Licht komme in das Zimmer: sowird der Schnee durch die Oeffnung vollkommen blau erschei-nen, weil nämlich das Papier durch das Kerzenlicht gelb gefärbtwird. Der Schnee, welchen man durch die Oeffnung sieht,tritt hier an die Stelle eines durch ein Gegenlicht erhelltenSchattens oder, wenn man will, eines grauen Bildes aufgelber Fläche.

80.

Ein anderer sehr interessanter Versuch mache den Schluß.

Nimmt man eine Tafel grünen Glases von einiger Stärkeund läßt darin die Fensterstäbe sich spiegeln, so wird man siedoppelt sehen, und zwar wird das Bild, das von der unternFläche des Glases kommt, grün seyn, das Bild hingegen, dassich von der obern Fläche herleitet und eigentlich farblos seynsollte, wird purpurfarben erscheinen.

An einem Gefäß, dessen Boden spiegelartig ist, welchesman mit Wasser füllen kann, läßt sich der Versuch sehr artiganstellen, indem man bei reinem Wasser erst die farblosenBilder zeigen, und durch Färbung desselben sodann die farbigenBilder produciren kann.