Didattischrr Theil.
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156.
Eben so scheinen uns auch die Berge blau: denn indem wirsie in einer solchen Ferne erblicken, daß wir die Localfarbennicht mehr sehen, und kein Licht von ihrer Oberflache mehr aufunser Auge wirkt, so gelten sie als ein reiner finsterer Gegen-stand, der nun durch die dazwischen tretenden trüben Dünsteblau erscheint.
157.
Auch sprechen wir die Schattentheile näherer Gegenständefür blau an, wenn die Luft mit feinen Dünsten gesättigt ist.
158.
Die Eisberge hingegen erscheinen in großer Entfernungnoch immer weiß, und eher gelblich, weil sie immer noch alshell durch den Dunstkreis auf unser Auge wirken.
159.
Die blaue Erscheinung an dem untern Theil des Kerzen-lichtes gehört auch hierher. Man halte die Flamme vor einenweißen Grund, und man wird nichts Blaues sehen; welcheFarbe hingegen sogleich erscheinen wird, wenn man die Flammegegen einen schwarzen Grund hält. Dieses Phänomen erscheintam lebhaftesten bei einem angezündeten Löffel Weingeist. Wirkönnen also den untern Theil der Flamme für einen Dunstansprechen, welcher, obgleich unendlich fein, doch vor derdunkeln Fläche sichtbar wird: er ist so sein, daß man bequemdurch ihn lesen kann; dahingegen die Spitze der Flamme, welcheuns die Gegenstände verdeckt, als ein selbstleuchtender Körperanzusehen ist.
160.
Uebrigens ist der Rauch gleichfalls als ein trübes Mittelanzusehen, das uns vor einem hellen Grunde gelb oder röthlich,vor einem dunkeln aber blau erscheint.
161.
Wenden wir uns nun zu den flüssigen Mitteln, so findenwir, daß ein jedes Wasser, auf eine zarte Weise getrübt, den-selben Effect hervorbringe.
162.
Die Infusion des nephritischen Holzes (der Ouilnuckin»Innunei), welche früher so großes Aufsehen machte, ist nurein trüber Liquor, der im dunkeln hölzernen Becher blau aus-sehen, in einem durchsichtigen Glase aber gegen die Sonne ge-halten, eine gelbe Erscheinung hervorbringen muß.
163.
Einige Tropfen wohlriechender Wasser, eines Weingeist-firnisses , mancher metallischen Solutionen können das Wasserzu solchen Versuchen in allen Graden trübe machen. Seifen-spiritus thut fast die beste Wirkung.
164.
Der Grund des Meeres erscheint den Tauchern bei HellemSonnenschein purpurfarben, wobei das Mecrwasser als eintrübes und üefes Mittel wirkt. Sie bemerken bei dieser Ge-legenheit die Schatten grün, welches die geforderte Farbeist (78).
165.
Unter den festen Mitteln begegnet uns in der Natur zuerstder Opal, dessen Farben wenigstens zum Theil daraus zu er-klären sind, daß er eigentlich ein trübes Mittel sey, wodurchbald helle, bald dunkle Unterlagen sichtbar werden.
166.
Zu allen Versuchen aber ist das Opalglas (vitruna nstrot-äes, Airnsols) der erwünschteste Körper. Es wird auf ver-schiedene Weise verfertigt, und seine Trübe durch Metallkalkehervorgebracht. Auch trübt man das Glas dadurch, daß mangepülverte und calcinirte Knochen mit ihm zusammenschmelzt,deßwegen man es auch Beinglas nennt; doch geht dieses garzu leicht in's Undurchsichtige über.
167.
Man kann dieses Glas zu Versuchen aus vielerlei Weisezurichten: denn entweder man macht es nur wenig trüb, daman denn durch mehrere Schichten über einander das Licht vomhellsten Gelb bis zum tiefsten Purpur führen kann, oder mankann auch stark getrübtes Glas in dünnern und stärker» Schei-ben anwenden. Auf beide Arten lassen sich die Versuche an-stellen; besonders darf man aber, um die hohe blaue Farbe zusehen, das Glas weder allzutrüb noch allzustark nehmen: dennda es natürlich ist, daß das Finstere nur schwach durch dieTrübe hindurch wirke, so geht die Trübe, wenn sie zu dichtwird, gar schnell in das Weiße hinüber.
168.
Fensterscheiben durch die Stellen, an welchen sie blind ge-worden sind, werfen einen gelben Schein auf die Gegenstände,und eben diese Stellen sehen blau aus, wenn wir durch sienach einem dunklen Gegenstände blicken.
169.
Das angerauchte Glas gehört auch hierher, und ist gleich-falls als ein trübes Mittel anzusehen. Es zeigt uns die Sonnemehr oder weniger rubinroth; und ob man gleich diese Erschei-nung der schwarzbraunen Farbe des Rußes zuschreiben konnte,so kann man sich doch überzeugen, daß hier ein trübes Mittelwirke, wenn man ein solches mäßig angerauchtes Glas, aufder vordem Seite durch die Sonne erleuchtet, vor einen dun-keln Gegenstand hält, da wir denn einen bläulichen Scheingewahr werden.
170.
Mit Pergamentblättern läßt sich in 'der dunkeln Kammerein auffallender Versuch anstellen. Wenn man vor die Oeff-nung des eben von der Sonne beschienenen Fensterladens einStück Pergament befestigt, so wird es weißlich erscheinen; fügtman ein zweites hinzu, so entsteht eine gelbliche Farbe, dieimmer zunimmt, und endlich bis in's Rothe übergeht, je mehrman Blätter nach und nach hinzufügt.
171.
Einer solchen Wirkung der getrübten Krystalllinse beimgrauen Staar ist schon oben gedacht (132).
172.
Sind wir nun auf diesem Wege schon bis zu der Wirkungeines kaum noch durchscheinenden Trüben gelangt, so bleibtuns noch übrig, einer wunderbaren Erscheinung augenblick-licher Trübe zu gedenken.
Das Porträt eines angesehenen Theologen war von einem- Künstler, welcher praktisch besonders gut mit der Farbe umzu-gehen wußte, vor mehrern Jahren gemalt worden. Der hoch-würdige Mann stand in einem glänzenden Sammetrocke da,welcher fast mehr als das Gesicht die Augen der Anschauer aufsich zog und Bewunderung erregte. Indessen hatte das Bildnach und nach durch Lichterdampf und Staub von seiner ersten