Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Didaktischer Theil.

137

befindlichen weißen Scheibe in e, so wird die Scheibe nach kerhoben und nach dem obigen Gesetz gefärbt seyn. Man hebedieß Prisma weg, und schaue durch ein vertikales o ä nacheben dem Bilde, so wird es in 1r erscheinen, und nach ebendemselben Gesetze gefärbt. Man bringe nun beide Prismenüber einander, so erscheint die Scheibe, nach einem allgemeinenNaturgesetz, in der Diagonale verrückt und gefärbt, wie es dieRichtung e A mit sich bringt.

206.

Geben wir auf diese entgegengesetzten Farbenränder derScheibe wohl Acht, so finden wir, daß sie nur in der Richtungihrer scheinbaren Bewegung entstehen. Ein rundes Bild läßtuns über dieses Verhältniß einigermaaßen ungewiß; ein vier-ecktes hingegen belehrt uns klärlich darüber.

207.

Das viereckte Bild s, in der Richtung s d oder n ä ver-rückt, zeigt uns an den Seiten, die mit der Richtung parallelgehen, keine Farben; in der Richtung n e hingegen, da sichdas Quadrat in seiner eigenen Diagonale bewegt, erscheinenalle Gränzen des Bildes gefärbt.

208.

Hier bestätigt sich also jener Ausspruch (203 f.), ein Bildmüsse dergestalt verrückt werden, daß seine helle Gränze überdie dunkle, die dunkle Gränze aber über die helle, das Bildüber seine Begränzung, die Begränzung über das Bild scheinbarhingeführt werde. Bewegen sich aber die geradlinigen Gränzeneines Bildes durch Refraktion immerfort, daß sie nur nebeneinander, nicht aber über einander ihren Weg zurücklegen, soentstehen keine Farben, und wenn sie auch bis in's Unendlichefortgeführt würden.

XIV.

^Bedingungen, unter welchen die Farbenerscheiuuugzunimmt.

209.

Wir haben in dem Vorigen gesehen, daß alle Farben«erscheinung bei Gelegenheit der Refraction darauf beruht, daßder Rand eines Bildes gegen das Bild selbst oder iiber denGrund gerückt, daß das Bild gleichsam über sich selbst oderüber den Grund hingeführt werde. Und nun zeigt sich auch,bei vermehrter Verrückung des Bildes, die Farbenerscheinungin einem breitern Maaße, und zwar bei subjectiven Versuchen,bei denen wir immer noch verweilen, unter folgenden Be-dingungen.

210 .

Erstlich wenn das Auge gegen parallele Mittel eine schiefereRichtung annimmt.

Zweitens wenn das Mittel aufhört parallel zu seyn, undeinen mehr oder weniger spitzen Winkel bildet.

Drittens durch das verstärkte Maaß des Mittels, es seynun, daß parallele Mittel am Volumen zunehmen oder dieGrade des spitzen Winkels verstärkt werden, doch so daß siekeinen rechten Winkel erreichen.

Viertens durch Entfernung des mit brechenden Mittelnbewaffneten Auges von dem zu verrückenden Bilde.

Fünftens durch eine chemische Eigenschaft, welche demGlase mitgetheilt, auch in demselben erhöht werden kann.

211 .

Die größte Verrückung des Bildes, ohne daß desselbenGestalt bedeutend verändert werde, bringen wir durch Prismenhervor, und dieß ist die Ursache, warum durch so gestalteteGläser die Farbenerscheinung höchst mächtig werden kann. Wirwollen uns jedoch bei dem Gebrauch derselben von jenen glän-zenden Erscheinungen nicht blenden lassen, vielmehr die obenfestgesetzten einfachen Anfänge ruhig im Sinne behalten.

212 .

Diejenige Farbe, welche bei Verrückung eines Bildes vor-ausgeht, ist immer die breitere, und wir nennen sie einenSaum; diejenige Farbe, welche an der Gränze zurückbleibt,ist die schmälere, und wir nennen sie einen Rand.

213.

ß Bewegen wir eine dunkle Gränze gegen das Helle, so gehtder gelbe breitere Saum voran, und der schmälere gelbrotheRand folgt mit der Gränze. Rücken wir eine helle Gränzegegen das Dunkle, so geht der breitere violette Saum voraus,und der schmälere blaue Rand folgt.

214.

Ist das Bild groß, so bleibt dessen Mitte ungefärbt; sie istals eine unbegränzte Fläche anzusehen, die verrückt, aber nichtverändert wird. Ist es aber so schmal, daß unter abgedachtenvier Bedingungen der gelbe Saum den blauen Rand erreichenkann, so wird die Mitte völlig durch Farben zugedeckt. Manmache diesen Versuch mit einem weißen Streifen auf schwarzemGrunde; über einem solchen werden sich die beiden Extremebald vereinigen, und das Grün erzeugen. Man erblickt als-dann folgende Reihe von Farben:

Gelbroth

Gelb

Grün

Blau

Blauroth.

215.

Bringt man auf weiß Papier einen schwarzen Streifen, sowird sich der violette Saum darüber Hinbreiten, und den gelb-rothen Rand erreichen. Hier wird das dazwischen liegendeSchwarz, so wie vorher das dazwischen liegende Weiß aufge-hoben, und an seiner Stelle ein Prächtig reines Roth erscheinen,das wir oft mit dem Namen Purpur bezeichnet haben. Nun-mehr ist die Farbenfolge nachstehende:

Blau

Blauroth

Purpur

Gelbroth

Gelb.

216.

Nach und nach können in dem ersten Falle (214) Gelb undBlau dergestalt über einander greifen, daß diese beiden Farbensich völlig zu Grün verbinden, und das farbige Bild folgender-maaßen erscheint:

Gelbroth

Grün

Blauroth.

Im zweiten Falle (215) sieht man unter ähnlichen Um-ständen nur: