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Zur Farbenlehre.
Blau
Purpur
Gelb.
Welche Erscheinung am schönsten sich an Fensterstäben zeigt,die einen grauen Himmel zum Hintergründe haben.
217 .
Bei allem diesem lasten wir niemals aus dem Sinne, daßdiese Erscheinung nie als eine fertige, vollendete, sondern im-mer als eine werdende, zunehmende, und in manchem Sinnbestimmbare Erscheinung anzusehen sey. Deßwegen sie auchbei Negation obiger fünf Bedingungen (210) wieder nach undnach abnimmt, und zuletzt völlig verschwindet.
XV.
Ableitung der angezeigten Phänomene.
218.
Ehe wir nun weiter gehen, haben wir die erstgedachten,ziemlich einfachen Phänomene aus dem Vorhergehenden abzu-leiten, oder wenn man will, zu erklären, damit eine deutlicheEinsicht in die folgenden mehr zusammengesetzten Erscheinungendem Liebhaber der Natur werden könne.
219.
Vor allen Dingen erinnern wir uns, daß wir im Reicheder Bilder wandeln. Beim Sehen überhaupt ist das begränztGesehene immer das, worauf wir vorzüglich merken; und indem gegenwärtigen Falle, da wir von Farbenerscheinung beiGelegenheit der Refraction sprechen, kommt nur das begränztGesehene, kommt nur das Bild in Betrachtung.
220 .
Wir können aber die Bilder überhaupt zu unsern chroma-tischen Darstellungen in primäre und secundäre Bildereintheilen. Die Ausdrücke selbst bezeichnen, was wir darunterverstehen, und Nachfolgendes wird unsern Sinn noch deutlichermachen.
221 .
Man kann die Primären Bilder ansehen, erstlich als ur-sprüngliche, als Bilder, die von dem anwesenden Gegen-stände in unserm Auge erregt werden, und die uns von seinemwirklichen Daseyn versichern. Diesen kann man die secundärenBilder entgegensetzen, als abgeleitete Bilder, die, wennder Gegenstand weggenommen ist, im Auge zurückbleiben, jeneSchein, und Gegenbilder, welche wir in der Lehre von physio-logischen Farben umständlich abgehandelt haben.
222 .
Man kann die Primären Bilder zweitens auch als directeBilder ansehen, welche, wie jene ursprünglichen, unmittelbarvon dem Gegenstände zu unserm Auge gelangen. Diesen kannman die secundären als indirecte Bilder entgegensetzen,welche erst von einer spiegelnden Fläche aus der zweiten Handuns überliefert werden. Es sind dieses die katoptrischen Bilder,welche auch in gewissen Fällen zu Doppelbildern werdenkönnen.
223.
Wenn nämlich der spiegelnde Körper durchsichtig ist, undzwei hinter einander liegende parallele Flächen hat, so kannvon jeder Fläche ein Bild in's Auge kommen, und so entstehen
Doppelbilder, in sofern das obere Bild das untere nicht ganzdeckt, welches auf mehr als Eine Weise der Fall ist.
Man halte eine Spielkarte nahe vor einen Spiegel. Manwird alsdann zuerst das starke lebhafte Bild der Karte erscheinensehen, allein den Rand des ganzen sowohl als jedes einzelnendarauf befindlichen Bildes mit einem Saume verbrämt, welcherder Anfang des zweiten Bildes ist. Diese Wirkung ist bei ver-schiedenen Spiegeln, nach Verschiedenheit der Stärke des Glasesund nach vorgekommenen Zufälligkeiten beim Schleifen, gleich-falls verschieden. Tritt man mit einer weißen Weste aufschwarzen Unterkleidern vor manchen Spiegel, so erscheint derSaum sehr stark, wobei man auch sehr deutlich die Doppel-bilder der Metallknöpfe auf dunkelm Tuche erkennen kann.
224.
Wer sich mit andern, von uns früher angedeutete^ Ver-suchen (80) schon bekannt gemacht hat, der wird sich auch hiereher zurecht finden. Die Fensterstäbe, von Glastafeln zurück-geworfen, zeigen sich doppelt, und lassen sich, bei mehrererStärke der Tafel und vergrößertem Zurückwerfungswinkelgegen das Auge, völlig trennen. So zeigt auch ein Gefäß vollWasser mit flachem spiegelndem Boden die ihm vorgehaltenenGegenstände doppelt, und nach Verhältniß mehr oder wenigervon einander getrennt, wobei zu bemerken ist, daß da, wobeide Bilder einander decken, eigentlich das vollkommen lebhafteBild entsteht, wo es aber aus einander tritt und doppelt wird,sich nun mehr schwache, durchscheinende und gespensterhafteBilder zeigen.
225.
Will man wissen, welches das untere und welches dasobere Bild sey, so nehme man gefärbte Mittel, da denn einHelles Bild, das von der untern Fläche zurückgeworfen wird,die Farbe des Mittels, das aber von der obern zurückgeworfenwird, die geforderte Farbe hat. Umgekehrt ist es mit dunkelnBildern; weßwegen man auch hier schwarze und weiße Tafelnsehr wohl brauchen kann. Wie leicht die Doppelbilder sich Farbemittheilen lassen, Farbe hervormfen, wird auch hier wiederauffallend seyn.
226.
Drittens kann man die primären Bilder auch als Haupt-bilder ansehen und ihnen die secundären als Nebenbildergleichsam anfügen. Ein solches Nebenbild ist eine Art vonDoppelbild, nur daß es sich von dem Hauptbilde nicht trennenläßt, ob es sich gleich immer von demselben zu entfernen strebt.Von solchen ist nun bei den prismatischen Erscheinungen dieRede.
227.
Das unbegränzt durch Refraction Gesehene zeigt keineFarbenerscheinung (195). Das Gesehene muß begränzt seyn.Es wird daher ein Bild gefordert; dieses Bild wird durchRefraction verrückt, aber nicht vollkommen, nicht rein, nichtscharf verrückt, sondern unvollkommen, dergestalt daß einNebenbild entsteht.
228.
Bei einer jeden Erscheinung der Natur, besonders aber beieiner bedeutenden, auffallenden, muß man nicht stehen bleiben,man muß sich nicht an sie heften, nicht an ihr kleben, sie nichtisolirt betrachten, sondern in der ganzen Natur umhersehen,wo sich etwas Aehnliches, etwas Verwandtes zeigt. Denn nur