Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Didaktischer Shell.

139

durch Zusammenstellen des Verwandten entsteht nach und nacheine Totalität, die sich selbst ausspricht und keiner wettern Er-klärung bedarf.

229.

Wir erinnern uns also hier, daß bei gewissen Fällen Re-fraktion unleugbare Doppelbilder hervorbringt, wie es bei demsogenannten Isländischen Krystalle der Fall ist. DergleichenDoppelbilder entstehen aber auch bei Refraction durch großeBergkrystalle und sonst Phänomene, die noch nicht genug-sam beobachtet sind.

230.

Da nun aber in gedachtem Falle (227) nicht von Doppel-,sondern von Nebenbildern die Rede ist, so gedenken wir einervon uns schon dargelegten, aber noch nicht vollkommen ausge-führten Erscheinung. Man erinnere sich jener frühern Er-fahrung, daß ein Helles Bild mit einem dunkeln Grunde, eindunkles mit einem hellen Grunde schon in Absicht auf unsereRetina in einer Art von Conflict stehe (16). Das Helle erscheintin diesem Falle größer, das Dunkle kleiner.

231.

Bei genauer Beobachtung dieses Phänomens läßt sich be-merken, daß die Bilder nicht scharf vom Grunde abgeschnitten,sondern mit einer Art von grauem, einigermaaßen gefärbtemRande, mit einem Nebenbild erscheinen. Bringen nun Bilderschon in dem nackten Auge solche Wirkungen hervor, was wirderst geschehen, wenn ein dichtes Mittel dazwischen tritt? Nichtdas allein, was uns im höchsten Sinne lebendig erscheint, übtWirkungen aus und erleidet sie, sondern auch alles, was nurirgend einen Bezug auf einander hat, ist wirksam aus einander,und zwar oft in sehr hohem Maaße.

232.

Es entsteht also, wenn die Refraction auf ein Bild wirkt,an dem Hauptbilde ein Nebenbild, und zwar scheint es, daßdas wahre Bild einigermaaßen zurückbleibe und sich dem Ver-rücken gleichsam widersetze. Ein Nebenbild aber in der Rich-tung , wie das Bild durch Refraction über sich selbst und überden Grund hin bewegt wird, eilt vor, und zwar schmäler oderbreiter, wie oben schon ausgeführt worden (212216).

233.

Auch haben wir bemerkt (224), daß Doppelbilder als halbirtcBilder, als eine Art von durchsichtigem Gespenst erscheinen, sowie sich die Doppelschatten jedesmal als Halbschatten zeigenmüssen. Diese nehmen die Farbe leicht an und bringen sieschnell hervor (69); jene gleichfalls (80). Und eben der Falltritt auch bei den Nebenbildern ein, welche zwar von dem Haupt-bilde nicht ab-, aber auch als halbirte Bilder aus demselbenhervortreten, und daher so schnell, so leicht und energisch ge-färbt erscheinen können.

234.

Daß nun die prismatische Farbenerscheinung ein Nebenbildsey, davon kann man sich auf mehr als eine Weise überzeugen.Es entsteht genau nach der Form des HauptbildeS. Dieses seynun gerade oder im Bogen begränzt, gezackt oder wellenförmig,durchaus hält sich das Nebenbild genau an den Umriß desHauptbildes.

235.

Aber nicht allein die Form des wahren Bildes, sondernauch andere Bestimmungen desselben theilen sich dem Nebenbilde

mit. Schneidet sich das Hauptbild scharf vom Grunde ab, wieWeiß auf Schwarz, so erscheint das farbige Nebenbild gleich-falls in seiner höchsten Energie; es ist lebhaft, deutlich undgewaltig. Am allermächtigsten aber ist es, wenn ein leuchten-des Bild sich auf einem dunkeln Grunde zeigt, wozu man ver-schiedene Vorrichtungen machen kann.

236.

Stuft sich aber das Hauptbild schwach von dem Grunde ab,wie sich graue Bilder gegen Schwarz und Weiß oder gar gegeneinander verhalten, so ist auch das Nebenbild schwach, und kannbei einer geringen Differenz von Tinten beinahe unmerklichwerden.

237.

So ist es ferner höchst merkwürdig, was an farbigen Bildernant Hellem, dunkelm oder farbigem Grunde beobachtet wird.Hier entsteht ein Zusammentritt der Farbe des Nebenbildes mitder realen Farbe des Hauptbildes, und es erscheint daher einezusammengesetzte, entweder durch Uebereinstimmung begünstigteoder durch Widerwärtigkeit verkümmerte Farbe.

238.

Ueberhaupt aber ist das Kennzeichen des Doppel- undNebenbildes die Halbdurchsichtigkeit. Man denke sich daherinnerhalb eines durchsichtigen Mittels, dessen innere Anlage,nur halbdurchsichtig, nur durchscheinend zu werden, schon obenausgeführt ist (147); man denke sich innerhalb desselben einhalbdurchsichtiges Scheinbild, so wird man dieses sogleich fürein trübes Bild ansprechen.

239.

Und so lassen sich die Farben bei Gelegenheit der Refractionaus der Lehre von den trüben Mitteln gar bequem ableiten.Denn wo der »ereilende Saum des trüben Nebenbildes sichvom Dunkeln über das Helle zieht, erscheint das Gelbe; um-gekehrt, wo eine helle Gränze über die dunste Umgebung hinaus-tritt, erscheint das Blaue (150 f.).

240.

Die voreilende Farbe ist immer die breitere. So greift diegelbe über das Licht mit einem breiten Saume; da wo sie aberan das Dunste gränzt, entsteht, nach der Lehre der Steigerungund Beschattung, das Gelbrothe als ein schmälerer Rand.

241.

An der entgegengesetzten Seite hält sich das gedrängte Blauan der Gränze, der verstrebende Saum aber, als ein leichtesTrübes über das Schwarze verbreitet, läßt uns die violetteFarbe sehen, nach eben denselben Bedingungen, welche obenbei der Lehre von den trüben Mitteln angegeben worden, undwelche sich künftig in mehrern andern Fällen gleichmäßig wirk-sam zeigen werden.

242.

Da eine Ableitung wie die gegenwärtige sich eigentlich vordem Anschauen des Forschers legitimiren muß, so verlangenwir von jedem, daß er sich nicht auf eine flüchtige, sonderngründliche Weise mit dem bisher Vorgeführten bekannt mache.Hier werden nicht willkürliche Zeichen, Buchstaben, und wasman sonst belieben möchte, statt der Erscheinungen hingestellt;hier werden nicht Redensarten überliefert, die man hundertmalwiederholen kann, ohne etwas dabei zu denken, noch jemandetwas dadurch denken zumachen; sondern es ist von Erschei-nungen die Rede, die man vor den Augen des Leibes und des