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Zur Farbenlehre.
chemische Behandlung hervorgebracht werden kann; das Mehrwird nämlich durch Säuren, das Weniger durch Alkalien be-stimmt. Bringt man unter eine gemeine Glasmasse Metall-oxyde, so wird die Farbenerscheinung solcher Gläser, ohne daßdie Refraction merklich verändert werde, sehr erhöht. Daß dasMindere hingegen auf der alkalischen Seite liege, kann leichtvermuthet werden.
291.
Diejenigen Glasartcn, welche nach der Entdeckung zuerstangewendet werden, nennen die Engländer Flint- und Crown-glas, und zwar gehört jenem ersten die stärkere, diesem zweitendie geringere Farbenerscheinung an.
292.
Zu unserer gegenwärtigen Darstellung bedienen wir unsdieser beiden Ausdrücke als Kunstwörter, und nehmen an, daßin beiden die Refraction gleich sey, das Flintglas aber dieFarbenerscheinung um ein Drittel stärker als das Crownglashervorbringe; wobei wir unserm Leser eine gewifsermaaßensymbolische Zeichnung zur Hand geben.
293.
Man denke sich auf einer schwarzen Tafel, welche hier,des bequemem Vertrags wegen, in Lasen getheilt ist, zwischenden Parallellinien n d und e cl fünf weiße Vierecke. DasViereck Nr. 1 stehe vor dem nackten Auge unverrllckt auf sei-nem Platz.
294.
Das Viereck Nr. 2 aber sey, durch ein vor das Auge ge-haltenes Prisma von Crownglas (g), um drei Casen ver-rückt, und zeige die Farbensäume in einer gewissen Breite;ferner sey das Viereck Nr. 3, durch ein Prisma von Flintglas(ll), gleichfalls um drei Casen heruntergerückt, dergestalt daßes die farbigen Säume nunmehr um ein Drittel breiter alsNr. 2 zeige.
295.
Ferner stelle man sich vor, das Viereck Nr. 4 sey eben, wiedas Nr. 2, durch ein Prisma von Crownglas, erst drei Casenverrückt gewesen, dann sey es aber, durch ein entgegenstelltesPrisma von Flintglas (ll), wieder auf seinen vorigen Fleck,wo man es nun sieht, gehoben worden.
296.
Hier hebt sich nun die Refraction zwar gegen einanderauf; allein da das Prisma ll bei der Verrückung durch dreiCasen um ein Drittel breitere Farbensäume, als dem PrismaZ eigen sind, hervorbringt, so muß, bei aufgehobener Refraction,noch ein Ueberschuß von Farbensaum übrig bleiben, und zwarim Sinne der scheinbaren Bewegung , welche das Prisma irdem Bilde ertheilt, und folglich umgekehrt, wie wir die Farbenan den herabgedrückten Nummern 2 und 3 erblicken. DiesesUeberschießende der Farben haben wir Hyperchromasie ge-nannt, woraus sich denn die Achromasie unmittelbar fol-gern läßt.
297.
Denn gesetzt, es wäre das Viereck Nr. 5 von seinem erstensupponirten Platze, wie Nr. 2, durch ein Prisma von Crown-glas (x) um drei Casen heruntergerückt worden, so dürfte mannur den Winkel eines Prismas von Flintglas (ll) verkleinern,solches im umgekehrten Sinne an das Prisma ^ anschließen,um das Viereck Nr. 5 zwei Casen scheinbar hinauszuheben;
wobei die 'Hyperchromasie des vorigen Falles wegfiele, dasBild nicht ganz an seine erste Stelle gelangte, und doch schonfarblos erschiene. Man sieht auch an den fortpunktirten Liniender zusammengesetzten Prismen unter Nr. 5, daß ein wirk-liches Prisma übrig bleibt, und also auch auf diesem Wege,so bald man sich die Linien krumm denkt, ein Ocularglas ent-stehen kann; wodurch denn die achromatischen Ferngläser ab-geleitet sind.
298.
Zu diesen Versuchen, wie wir sie hier vortragen, ist einkleines, aus drei verschiedenen Prismen zusammengesetztesPrisma, wie solche in England verfertigt werden, höchst ge-schickt. Hoffentlich werden künftig unsere inländischen Künstlermit diesem nothwendigen Instrumente jeden Naturfreundversehen.
XX.
Vorzüge der subjektiven Versuche. Uebergang zu denobjectiven.
299.
Wir haben die Farbenerscheinungen, welche sich bei Ge-legenheit der Refraction sehen lassen, zuerst durch subjektiveVersuche dargestellt, und das Ganze in sich dergestalt abge-schlossen, daß wir auch schon jene Phänomene aus der Lehrevon den trüben Mitteln und Doppelbildern ableiteten.
300.
Da bei Vortragen, die sich auf die Natur beziehen, dochalles auf Sehen und Schauen ankommt, so sind diese Versucheum desto erwünschter, als sie sich leicht und bequem anstellenlassen. Jeder Liebhaber kann sich den Apparat ohne große Um-stände und Kosten anschaffen, ja wer mit Papparbeiten einiger-maaßen umzugehen weiß, einen großen Theil selbst verfertigen.Wenige Tafeln, auf welche schwarze, weiße, graue und farbigeBilder auf Hellem und dunkelm Grunde abwechseln, sind dazuhinreichend. Man stellt sie unverrückt vor sich hin, betrachtetbequem und anhaltend die Erscheinungen an dem Rande derBilder; man entfernt sich, man nähert sich wieder, und beob-achtet genau den Stufengang des Phänomens.
301.
Ferner lassen sich auch durch geringe Prismen, die nicht vondem reinsten Glase sind, die Erscheinungen noch deutlich genugbeobachten. Was jedoch wegen dieser Glasgeräthschaften nochzu wünschen seyn möchte, wird in dem Abschnitt, der denApparat abhandelt, umständlich zu finden seyn.
302.
Ein Hauptvortheil dieser Versuche ist sodann, daß man siezu jeder Tageszeit anstellen kann, in jedem Zimmer, es seynach einer Weltgegend gerichtet, nach welcher es wolle; manbraucht nicht aus Sonnenschein zu warten, der einem nordischenBeobachter überhaupt nicht reichlich gewogen ist.
Die objectiven Versuche
303.
verlangen hingegen nothwendig den Sonnenschein, der, wenner sich auch einstellt, nicht immer den wünschenswerthen Bezugauf den ihm entgegengestellten Apparat haben kann. Bald stehtdie Sonne zu hoch, bald zu tief, und doch auch nur kurze Zeit