Didaktischer Theil,
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in dem Meridian des am besten gelegenen Zimmers. Unterdem Beobachten weicht sie; man muß mit dem Apparat nach-rücken, wodurch in manchen Fällen die Versuche unsicher wer-den. Wenn die Sonne durch'« Prisma scheint, so offenbartsie alle Ungleichheiten, innere Fäden und Bläschen des Glases,wodurch die Erscheinung verwirrt, getrübt und mißsärbig ge-macht wird.
304.
Doch müssen die Versuche beider Arten gleich genau bekanntseyn. Sie scheinen einander entgegengesetzt und gehen immermit einander parallel; was die einen zeigen, zeigen die andernauch, und doch hat jede Art wieder ihre Eigenheiten, wodurchgewisse Wirkungen der Natur auf mehr als Eine Weise offen-bar werden.
305.
Sodann giebt es bedeutende Phänomene, welche man durchVerbindung der subjectiven und objectiven Versuche hervor-bringt. Nicht weniger gewähren uns die objectiven den Vor-theil, daß wir sie meist durch Linearzeichnungen darstellen unddie innern Verhältnisse des Phänomens auf unsern Tafeln vorAugen legen können. Wir säumen daher nicht, die objectivenVersuche sogleich dergestalt vorzutragen, daß die Phänomenemit den subjectiv vorgestellten durchaus gleichen Schritt halten;deßwegen wir auch neben der Zahl eines jeden Paragraphendie Zahl der frühern in Parenthese unmittelbar anfügen. Dochsetzen wir im ganzen voraus, daß der Leser sich mit den Tafeln,der Forscher mit dem Apparat bekannt mache, damit dieZwillingsphänomene, von denen die Rede ist, auf eine oderdie andere Weise dem Liebhaber vor Augen seyen.
XXI.
Refraction ohne Farbenerscheinung.
306 (195 f.).
Daß die Refraction ihre Wirkung äußere, ohne eine Farben-erscheinung hervorzubringen, ist bei objectiven Versuchen nichtso vollkommen als bei subjectiven darzuthun. Wir haben zwarunbegränzte Räume, nach welchen wir durch's Prisma schauen,und uns überzeugen können, daß ohne Gränze keine Farbe ent-stehe; aber wir haben kein unbegränzt Leuchtendes, welches wirkönnten auf's Prisma wirken lassen. Unser Licht kommt unsvon begränzten Körpern, und die Sonne, welche unsere meistenobjectiven prismatischen Erscheinungen hervorbringt, ist ja selbstnur ein kleines, begränzt leuchtendes Bild.
307.
Indessen können wir jede größere Oeffnung, durch welchedie Sonne durchscheint, jedes größere Mittel, wodurch dasSonnenlicht aufgefangen und aus seiner Richtung gebrachtwird, schon in sofern als unbegränzt ansehen, indem wir bloßdie Mitte der Flächen, nicht aber ihre Gränzen betrachten.
308 (197).
Man stelle ein großes Wasserprisma in die Sonne, undein Heller Raum wird sich in die Höhe gebrochen an einer ent-gegengesetzten Tafel zeigen, und die Mitte dieses erleuchtetenRaumes farblos seyn. Eben dasselbe erreicht man, wenn manmit Glasprismen, welche Winkel von wenigen Graden haben,
Goethe, Werke. VI.
den Versuch anstellt. Ja diese Erscheinung zeigt sich selbst beiGlasprismen, deren brechender Winkel 60 Grad ist, wenn mannur die Tafel nahe genug heranbringt.
XXII.
Bedingungen der Farbenerscheinung.
309 (198).
Wenn nun gedachter erleuchteter Raum zwar gebrochen vonder Stelle gerückt, aber nicht gefärbt erscheint, so sieht manjedoch an den horizontalen Gränzen desselben eine farbige Er-scheinung. Daß auch hier die Farbe bloß durch Verrückungeines Bildes entstehe, ist umständlicher darzuthun.
Das Leuchtende, welches hier wirkt, ist ein Begränztes, unddie Sonne wirkt hier, indem sie scheint und strahlt, als ein Bild.Man mache die Oeffnung in dem Laden der Camera obscura soklein, als man kann, immer wird das ganze Bild der SonneHereindringen. Das von ihrer Scheibe herströmende Licht wirdsich in der kleinsten Oeffnung kreuzen, und den Winkel machen,der ihrem scheinbaren Diameter gemäß ist. Hier kommt einConus mit der Spitze außen an, und inwendig verbreitert sichdiese Spitze wieder, bringt ein durch eine Tafel aufzufassendesrundes, sich durch die Entfernung der Tafel auf immer ver-größerndes Bild hervor, welches Bild nebst allen übrigen Bil-dern der äußern Landschaft auf einer weißen gegengehaltenenFläche im dunkeln Zimmer umgekehrt erscheint.
310.
Wie wenig also hier von einzelnen Sonnenstrahlen oderStrahlenbündeln und Büscheln, von Strahlencylindern, Stäben,und wie man sich das alles vorstellen mag, die Rede seyn kann,ist auffallend. Zu Bequemlichkeit gewisser Lineardarstellungennehme man das Sonnenlicht als parallel einfallend an; aberman wisse, daß dieses nur eine Ficüon ist, welche man sich garwohl erlauben kann, da wo der zwischen die Fiction und diewahre Erscheinung fallende Bruch unbedeutend ist. Man hütesich aber diese Fiction wieder zum Phänomen zu machen, undmit einem solchen fingirten Phänomen weiter fort zu operiren.
311.
Man vergrößere nunmehr die Oeffnung in dem Fenster-laden, so weit man will, man mache sie rund oder viereckt, jaman öffne den Laden ganz, und lasse die Sonne durch denvölligen Fensterraum in das Zimmer scheinen; der Raum, densie erleuchtet, wird immer so viel größer seyn, als der Winkel,den ihr Durchmesser macht, verlangt; und also ist auch selbstder ganze, durch das größte Fenster von der Sonne erleuchteteRaum nur das Sonnenbild plus der Weite der Oeffnung.Wir werden hierauf zurückzukehren künftig Gelegenheit finden.
' 312 (199).
Fangen wir nun das Sonnenbild durch convexe Gläseraus, so ziehen wir es gegen den Focus zusammen. Hier muß,nach den oben ausgeführten Regeln, ein gelber Saum und eingelbrother Rand entstehen, wenn das Bild auf einem weißenPapier aufgefangen wird. Weil aber dieser Versuch blendendund unbequem ist, so macht er sich am schönsten mit dem Bildedes Vollmonds. Wenn man dieses durch ein convexes Glaszusammenzieht, so erscheint der farbige Rand in der größtenSchönheit; denn der Mond sendet an sich schon ein gemäßigtes
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