Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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148

Zur Farbenlehre.

XXV.

Abnahme der farbigen Erscheinung.

339 (243).

Haben wir pns bei Darstellung der Abnahme unserer far-bigen Erscheinung in subjektiven Fällen kurz fassen können, sowird es uns erlaubt seyn, hier noch kürzer zu verfahren, indemwir uns auf jene deutliche Darstellung berufen. Nur Einesmag wegen seiner großen Bedeutung, als ein Hauptmomentdes ganzen Vertrags, hier dem Leser zur besondern Aufmerk-samkeit empfohlen worden.

340 (244247).

Der Abnahme der prismatischen Erscheinung muß erst eineEntfaltung derselben vorangehen. Aus dem gefärbten Sonnen-bilde verschwinden, in gehöriger Entfernung der Tafel vomPrisma, zuletzt die blaue und gelbe Farbe, indem beide übereinander greifen, völlig, und man sieht nur Gelbroth, Grünund Blauroth. Nähert man die Tafel dem brechenden Mittel,so erscheinen Gelb und Blau schon wieder, und man erblicktdie fünf Farben mit ihren Schattiruugen. Rückt man mit derTafel noch näher, so treten Gelb und Blau völlig aus einander,das Grüne verschwindet und zwischen den gefärbten Rändernund Säumen zeigt sich das Bild farblos. Je näher mau mitder Tafel gegen das Prisma zurückt, desto schmäler werdengedachte Ränder und Säume, bis sie endlich an und auf demPrisma null werden.

XXVI.

Graue Bilder.

341 (248).

Wir haben die grauen Bilder als höchst wichtig bei subjek-tiven Versuchen dargestellt. Sie zeigen uns durch die Schwächeder Nebenbilder, daß eben diese Nebenbilder sich jederzeit vondem Hauptbilde Herschreiben. Will man nun die objectivenVersuche auch hier parallel durchführen, so könnte dieses auf einebequeme Weise geschehen, wenn man ein mehr oder wenigermatt geschliffenes Glas vor die Oeffnung hielte, durchweichedas Sonnenbild hereinfällt. Es würde dadurch ein gedämpftesBild hervorgebracht werden, welches nach der Refraktion vielmattere Farben, als das von der Sonnenscheibe unmittelbarabgeleitete, auf der Tafel zeigen würde; und so würde auchvon dem höchst energischen Sonnenbilde nur ein schwaches, derDämpfung gemäßes Nebenbild entstehen; wie denn freilichdurch diesen Versuch dasjenige, was uns schon genugsam be-kannt ist, nur noch aber- und abermals bekräftigt wird.

XXVII.

Farbige Bilder.

342 (260).

. Es giebt mancherlei Arten, farbige Bilder zum Behuf ob-jectiver Versuche hervorzubringen. Erstlich kann man farbigesGlas vor die Oeffnung halten, wodurch sogleich ein farbigesBild hervorgebracht wird. Zweitens kann man das Wasser-prisma mit farbigen Liquoren füllen. Drittens kann mau dievon einem Prisma schon hervorgebrachten emphatischen Farben

durch proportionirte kleine Oeffnungeu eines Bleches durch-lassen, und also kleine Bilder zu einer zweiten Refraktion vor-bereiten. Diese letzte Art ist die beschwerlichste, indem, beidem beständigen Fortrücken der Sonne, ein solches Bild nichtfest gehalten, noch in beliebiger Richtung bestätigt werden kann.Die zweite Art hat auch ihre Unbequemlichkeiten, weil nichtalle farbigen Liquoren schön hell und klar zu bereiten sind.Daher die erste um so mehr den Vorzug verdient, als die Phy-siker schon bisher die von dem Sonnenlicht durch's Prismahervorgebrachten Farben, diejenigen, welche durch Liquorenund Gläser erzeugt werden, und die, welche schon auf Papierober Tuch fixirt sind, bei der Demonstration als gleichwirkendgelten lassen.

343.

Da es nun also bloß darauf ankommt, daß das Bild ge-färbt werde, so gewährt uns das schon eingeführte große Wasser-prisma hierzu die beste Gelegenheit: denn indem maü vor seinegroßen Flächen, welche das Licht ungefärbt durchlassen, einePappe vorschieben kann, in welche man Oeffnungeu von ver-schiedener Figur geschnitten, um unterschiedene Bilder und alsoauch unterschiedene Nebenbilder hervorzubringen, so darf mannur vor die Oeffnungeu der Pappe farbige Gläser befestigen,um zu beobachten, welche Wirkung die Refraktion im objec-tiven Sinne auf farbige Bilder hervorbringt.

344.

Man bediene sich nämlich jener schon beschriebenen Tafel(284) mit farbigen Gläsern, welche man genau in der Größeeingerichtet, daß sie in die Falzen des großen Wasserprismaöeingeschoben werden kann. Man lasse nunmehr die Sonnehindurchscheinen, so wird man die hinaufwärts gebrochenenfarbigen Bilder, jedes nach seiner Art gesäumt und gerändertsehen, indem sich diese Säume und Ränder an einigen Bildernganz deutlich zeigen, an andern sich mit der specifischen Farbedes Glases vermischen, sie erhöhen oder verkümmern; undjedermann wird sich überzeugen können, daß hier abermals nurvon diesem von uns subjektiv uud objectiv so umständlich vor-getragenen einfachen Phänomen die Rede sey.

XXVIII.

Achromasie und Hyperchromasie.

345 (285290).

Wie man die hyperchromatischen und achromatischen Ver-suche auch objectiv anstellen könne, dazu brauchen'wir nur,nach allem, was oben weitläufig ausgeführt worden, einekurze Anleitung zu geben, besonders da wir voraussetzen kön-nen, daß jenes erwähnte zusammengesetzte Prisma sich in denHänden des Naturfreundes befinde.

346.

Man lasse durch ein spitzwinkeliges Prisma von wenigenGraden, aus Crownglas geschliffen, das Sonnenbild der-gestalt durchgehen, daß es auf der entgegengesetzten Tafel indie Höhe gebrochen werde: die Ränder werden nach dem be-kannten Gesetz gefärbt erscheinen, das Violette und Blauenämlich oben und außen, das Gelbe und Gelbrothe unten undinnen. Da nun der brechende Winkel dieses Prismas sichunten befindet, so setze man ihm ein anderes proportionirtes