Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

Didaktischer Theil. 155

des weißen Bildes kann man auch den lichten Punkt im Blechedes Ladens der Camera obscura wählen, wenn die Verrichtungzu den paroptischen Farben gemacht ist.

425 .

Wenn man durch eine Röhre durchsieht, deren untere Oeff-nung verengt oder durch verschiedene Ausschnitte bedingt ist,erscheinen die Farben gleichfalls.

426 .

An die paroptischen Erscheinungen aber schließen sich meinesBedünkeus folgende Phänomene näher an. Wenn mau eineNadelspitze nah vor das Auge hält, so entsteht in demselbenein Doppelbild. Besonders merkwürdig ist aber, wenn mandurch die zu paroptischen Versuchen eingerichteten Messerklingenhindurch und gegen einen grauen Himmel sieht. Man blicktnämlich wie durch einen Flor, und es zeigen sich im Auge sehrviele Fäden, welches eigentlich nur die wiederholten Bilder derKlingenschärfen sind, davon das eine immer von dem folgendensuccessiv, oder wohl auch von dem gegenüber wirkenden paral-laktisch bedingt und in eine Fadengestalt verwandelt wird.

427 .

So ist denn auch noch schließlich zu bemerken, daß, wennman durch die Klingen nach einem lichten Punkt im Fenster-laden hinsieht, auf der Retina dieselben farbigen Streifen undHöfe wie aus dem Papiere entstehen.

428 .

Und so sey dieses Capitel gegenwärtig um so mehr geschlossen,als ein Freund übernommen hat, dasselbe nochmals genaudurchzuexperimentiren, von dessen Bemerkungen wir, bei Ge-legenheit der Revision der Tafeln und des Apparats, in derFolge weitere Rechenschaft zu geben hoffen.

XXXIII.

Epoptische Farben.

429 .

Haben wir bisher uns mit solchen Farben abgegeben, welchezwar sehr lebhaft erscheinen, aber auch, bei aufgehobener Be-dingung, sogleich wieder verschwinden, so machen wir nun dieErfahrung von solchen, welche zwar auch als vorübergehendbeobachtet werden, aber unter gewissen Umständen sich der-gestalt fixiren, daß sie, auch nach aufgehobenen Bedingungen,welche ihre Erscheinung hervorbrachten, bestehen bleiben, undalso den Ucbergang von den physischen zu den chemischen Farbenausmachen.

430 .

Sie entspringen durch verschiedene Veranlassungen auf derOberfläche eines farblosen Körpers, ursprünglich, ohne Mit-theilung, Färbe, Taufe und wir werden sie nun von

ihrer leisesten Erscheinung bis zu ihrer hartnäckigsten Dauerdurch die verschiedenen Bedingungen ihres Entstehens hindurchverfolgen, welche wir zu leichterer Uebersicht hier sogleich sum-marisch anführen.

431 .

Erste Bedingung. Berührung zweier glatten Flächen harter,durchsichtiger Körper.

Erster Fall. Wenn Glasmassen, Glastafeln, Linsen aneinander gedrückt werden.

Zweiter Fall. Wenn in einer soliden Glas-, Krystall- oderEismasse ein Sprung entsteht.

Dritter Fall. Indem sich Lamellen durchsichtiger Steinevon einander trennen.

Zweite Bedingung. Wenn eine Glasfläche oder ein geschlif-fener Stein angehaucht wird.

Dritte Bedingung. Verbindung von beiden obigen, daßman nämlich die Glastafcl anhaucht, eine andere darauf legt,die Farbe» durch den Druck erregt, dann das Glas abschiebt,da sich denn die Farben nachziehen und mit dem Hauche ver-fliegen.

Vierte Bedingung. Blasen verschiedener Flüssigkeiten, Seife,Chocolade, Bier, Wein, feine Glasblasen.

Fünfte Bedingung. Sehr feine Häutchen und Lamellenmineralischer und metallischer Auflösungen; das Kalkhäntche»,die Oberfläche stehender Wasser, besonders eisenschüssiger; in-gleichen Häutchen von Oel auf dem Wasser, besonders vonFirniß auf Scheidewasser.

Sechste Bedingung. Wenn Metalle erhitzt werden. An-laufen des Stahls und anderer Metalle.

Siebente Bedingung. Wenn die Oberfläche des Glasesangegriffen wird.

432 .

Erste Bedingung, erster Fall. Wenn zwei convexeGläser, oder ein Convex- und Planglas, am besten ein Convex-und Hohlglas, sich einander berühren, so entstehen concen-trische farbige Kreise. Bei dem gelindesten Druck zeigt sichsogleich das Phänomen, welches nach und nach durch verschie-dene Stufen geführt werden kann. Wir beschreiben sogleich dievollendete Erscheinung, weil wir die verschiedenen Grade, durchwelche sie durchgeht, rückwärts alsdann desto besser werdeneinsehen lernen.

433 .

Die Mitte ist farblos; daselbst, wo die Gläser durch denstärksten Druck gleichsam zu Einem vereinigt sind, zeigt sich eindunkelgrauer Punkt, um denselben ein silberweißer Raum;alsdann folgen in abnehmenden Entfernungen verschiedeneisolirte Ringe, welche sämmtlich aus drei Farben, die unmittel-bar mit einander verbunden sind, bestehen. Jeder dieser Ringe,deren etwa drei bis vier gezählt werden können, ist inwendiggelb, in der Mitte purpurfarben und auswendig blau. Zwischenzwei Ringen findet sich ein silberweißer Zwischenraum. Dieletzten Ringe gegen die Peripherie des Phänomens stehenimmer enger zusammen. Sie wechseln mit Purpur und Grün,ohne einen dazwischen bemerklichen silberweißen Raum.

434 .

Wir wollen nunmehr die successive Entstehung des Phäno-mens vom gelindesten Druck an beobachten.

435 .

Beim gelindesten Druck erscheint die Mitte selbst grün ge-färbt. Darauf folgen bis an die Peripherie sämmtlicher concen-trischen Kreise purpurne und grüne Ringe; sie sind verhältniß-mäßig breit, und man sieht keine Spur eines silberweißenRaums zwischen ihnen. Die grüne Mitte entsteht durch dasBlau eines unentwickelten Cirkels, das sich mit dem Gelb desersten Kreises vermischt. Alle übrigen Kreise sind bei diesergelinden Berührung breit; ihre gelben und blauen Ränder ver-mischen sich, und bringen das schöne Grün hervor. Der Purpuy