Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

154

Zur Farbenlehre,

Schatten über einander führen und völlig sondern lassen. BeiTage kann es durch zwei Oeffnungen am Fensterladen geschehen,bei Nacht durch zwei Kerzen; ja es giebt manche Zufälligkeitenin Gebäuden beim Auf- und Zuschlagen von Läden, wo mandiese Erscheinungen besser beobachten kann als bei dem sorg-fältigsten Apparate. Jedoch lassen sich alle und jede znm Ver-such erheben, wenn man einen Kasten einrichtet, in den manoben hineinsehen kann, und dessen Thüre man sachte znlehnt,nachdem man vorher ein Doppellicht einfallen lassen. Daß hier-bei die von uns unter den Physiologischen Farben abgehandeltenfarbigen Schatten sehr leicht eintreten, läßt sich erwarten.

413.

Ueberhaupt erinnere man sich, was wir über die Naturder Doppclschatten, Halblichter und dergleichen früher aus-geführt haben; besonders aber mache man Versuche mit ver-schiedenen neben einander gestellten Schattirungen von Grau,wo jeder Streif an seinem dunkeln Nachbar hell, am hellendunkel erscheinen wird. Bringt man Abends mit drei odermehrern Lichtern Schatten hervor, die sich stufenweise decken,so kann man dieses Phänomen sehr deutlich gewahr werden,und man wird sich überzeugen, daß hier der physiologische Falleintritt, den wir oben weiter ausgeführt haben (38).

414.

In wiefern nun aber alles, was von Erscheinungen dieparoptischen Farben begleitet, aus der Lehre vom gemäßigtenLichte, von Halbschatten und von Physiologischer Bestimmungder Retina sich ableiten lasse, oder ob wir genöthigt seyn werden,zu gewissen innern Eigenschaften des Lichts unsere Zuflucht zunehmen, wie man es bisher gethan, mag die Zeit lehren. Hiersey es genug, die Bedingungen angezeigt zu haben, unterwelchen die paroptischen Farben entstehen, so wie wir dennauch hoffen können, daß unsere Winke auf den Zusammenhangmit dem bisherigen Vertrag von Freunden der Natur nichtunbeachtet bleiben werden.

415.

Die Verwandtschaft der paroptischen Farben mit den diop-irischen der zweiten Elaste wird sich auch jeder Denkende gernausbilden. Hier wie dort ist von Rändern die Rede; hier wiedort von einem Lichte, das an dem Rande herschcint. Wienatürlich ist es also, daß die paroptischen Wirkungen durch diediopirischen erhöht, verstärkt und verherrlicht werden können!Doch kann hier nur von den objectiven Refractionsfällen dieRede seyn, da das leuchtende Bild wirklich durch das Mitteldurchscheint; denn diese sind eigentlich mit den paroptischenverwandt. Die subjektiven Refractionssälle, da wir die Bilderdurch'« Mittel sehen, stehen aber von den paroptischen völligab, und sind auch schon wegen ihrer Reinheit von uns gepriesenworden.

416.

Wie die paroptischen Farben mit den katoptrischen zusam-menhänge», läßt sich aus den: Gesagten schon vermuthen: dennda die katoptrischen Farben amr an Ritzen, Punkten, Stahl-saiten, zarten Fäden sich zeigen, so ist es ungefähr derselbeFall, als wenn das Licht an einem Rande herschicuc. Es mußjeder Zeit von einem Rande zurückscheinen, damit unser Augeeine Farbe gewahr werde. Wie auch hier die Beschränkung desleuchtenden Bildes, so wie die Mäßigung des Lichtes, zu be-trachten sey, ist oben schon angezeigt worden.

417 .

Von den subjektiven paroptischen Farben führen wir nurnoch weniges an, weil sie sich theils mit den physiologischentheils mit den diopirischen der zweiten Classe in Verbindungsetzen lassen, und sie größtenteils kaum hierher zu gehörenscheinen, ob sie gleich, wenn man genau aufmerkt, über dieganze Lehre und ihre Verknüpfung ein erfreuliches Licht ver-breiten.

. 418.

Wenn man ein Lineal dergestalt vor die Augen hält, daßdie Flamme des Lichts über dasselbe hervorschcint, so sieht mandas Lineal gleichsam cingeschnitten und schartig an der Stelle,wo das Licht hervorragt. Es scheint sich dieses aus der aus-dehnenden Kraft des Lichtes auf der Retina ableiten zu lassen (18).

419.

Dasselbigc Phänomen im großen zeigt sich beim Aufgangder Sonne, welche, wenn sie rein, aber nicht allzu mächtig,aufgeht, also daß man sie noch anblicken kann, jederzeit einenscharfen Einschnitt in den Horizont macht.

420.

Wenn man bei grauem Himmel gegen ein Fenster tritt,so daß das dunkle Kreuz sich gegen denselben abschneidet, wennman die Augen alsdann auf das horizontale Holz richtet, fernerden Kopf etwas vorzubiegen, zu blinzen und aufwärts zu sehenanfängt, so wird man bald unten an dem Holze einen schönengclbrothen Saum, oben über demselben einen schönen hellblauenentdecken. Je dunkelgraucr und gleicher der Himmel, je däm-mernder das Zimmer, und folglich je ruhiger das Auge, destolebhafter wird sich die Erscheinung zeigen, ob sie sich gleicheinem aufmerksamen Beobachter auch bei Hellem Tage darstellenwird.

421.

Man biege nunmehr den Kopf zurück und blinzle mit denAugen dergestalt, daß man den horizontalen Fensterstab untersich sehe, so wird auch das Phänomen umgekehrt erscheinen.Man wird Mämlich die obere Kante gelb und die untere blausehen.

422.

In einer dunkeln Kammer stellen sich die Beobachtungenam besten an. Wenn man vor die Oeffnung, vor welche mangewöhnlich das Sonnenmikroskop schraubt, ein weißes Papierheftet, wird man den untern Rand des Kreises blau, den oberngelb erblicken, selbst indem man die Augen ganz offen hat odersie nur in sofern zublinzt, daß kein Hof sich mehr um das Weißeherum zeigt. Biegt man den Kopf zurück, so sieht man dieFarben umgekehrt.

423.

Diese Phänomene scheinen daher zu entstehen, daß dieFeuchtigkeiten unseres Auges eigentlich nur in der Mitte, wodas Sehen vorgeht, wirklich achromatisch sind, daß aber gegendie Peripherie zu, und in unnatürlichen Stellungen, als Auf-und Niederbiegen des Kopfes, wirklich eine chromatische Eigen-schaft, besonders wenn scharf absetzende Bilder betrachtet wer-den , übrig bleibe. Daher diese Phänomene zu jenen gehörenmögen, welche mit den diopirischen der zweiten Classe verwandtsind.

424.

Aehnliche Farben erscheinen, wenn man gegen schwarzei und weiße Bilder durch den Nadelstich einer Karte sieht. Statt