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3>lr Farbenlehre.
515.
Die Erregungen auf der Minusseite find seltener. Einwenig gesäuertes Kupfer erscheint blau. Bei Bereitung desBerlinerblan sind Alkalien im Spiele.
516.
Ueberhaupt aber find diese Farbencrscheinungen von so be-weglicher Art, daß die Chemiker selbst, sobald sie in's Feineregehen, sie als trügliche Kennzeichen betrachten. Wir aber könnenzu unsern Zwecken diese Materie nur im Durchschnitt behandeln,und wollen nur so viel bemerken, daß man vielleicht die metal-lischen Farbenerscheinungen, wenigstens zum didaktischen Behuf,einstweilen ordnen könne, wie sie durch Säuerung, Aufsäue-rung, Absäuerung und Entsäuerung entstehen, sich auf mannich-faltige Weise zeigen und verschwinden.
XXXVIII.
Steigerung.
517.
Die Steigerung erscheint uns als eine in sich selbst Drän« ^gung, Sättigung, Beschattung der Farben. So haben wir ^schon oben bei farblosen Mitteln gesehen, daß wir durch Ver« -Mehrung der Trübe einen leuchtenden Gegenstand vom leisesten sGelb bis zum höchsten Rubinroth steigern können. Umgekehrtsteigert sich das Blau in das schönste Violett, wenn wir eine >e.leuchtete Trübe vor der Finsterniß verdünnen und vermindern !(150 s.).
518. l
Ist die Farbe specificnt, so tritt ein ähnliches hervor. Man
laste nämlich Stufcngefäße aus weißeni Porcellan machen, undfülle das eine mit einer reinen gelben Feuchtigkeit, so wirddiese von oben herunter bis auf den Boden stufenweise immer >röther und zuletzt orange erscheinen. In das andere Gefäß !gieße man eine blaue reine Solntion; die obersten Stufen werden ^ein Himmelblau, der Grund des Gefäßes ein schönes Violettzeigen. Stellt man das Gesäß in die Sonne, so ist die Schatten- sfeite der obern Stufen auch schon violett. Wirft man mit der sHand oder einem andern Gegenstände Schatten über den er- sleuchteten Theil des Gegenstandes, so erscheint dieser Schattengleichfalls röthlich.
519.
Es ist dieses eine der wichtigsten Erscheinungen in derFarbenlehre, indem wir ganz greiflich erfahren, daß ein qnan- !titatives Verhältniß einen qualitativen Eindruck auf unsereSinne hervorbringe. Und indem wir schon früher, bei Gelegen-heit der letzten epoptischen Farben (485), unsere Vermuthungeneröffnet, wie man das Anlaufen des Stahls vielleicht aus derLehre von trüben Mitteln herleiten könnte, so bringen wir dieseshier abermals in's Gedächtniß.
520.
Uebrigens folgt alle chemische Steigerung unmittelbar aufdie Erregung. Sie geht unaufhaltsam und stetig fort; wobeiman zu bemerken hat, daß die Steigerung auf der Plusseitedie gewöhnlichste ist. Der gelbe Eisenocher steigert sich sowohldurch's Feuer als durch andere Operationen zu einer sehr hohen sNöthe. Massicot wird in Mennige, Lurbith in Zinnober ge- ssteigert; welcher letztere schon auf eine sehr hohe Stufe des §
Gelbrothen gelangt. Eine innige Durchdringung des Metallsdurch die Säure, eine Theilung desselben in's empirisch Unend-liche geht hierbei vor.
521.
Die Steigerung auf der Minusseite ist seltener, ob wir gleichbemerken, daß je reiner und gedrängter das Berlinerblau oderdas Kobaltglas bereitet wird, es imnier einen röthlichen Scheinannimmt und mehr in's Violette spielt.
522.
Für diese unmcrkliche Steigerung des Gelben und Blauenin's Rothe haben die Franzosen einen artigen Ausdruck, indemsie sagen, die Farbe habe einen Osil cks rou§e, welches wirdurch einen röthlichen Blick ausdrücken könnten.
XXXIX.
Kulmination.
523.
Sie erfolgt bei fortschreitender Steigerung. Das Rothe,worin weder Gelb noch Blau zu entdecken ist, macht hier denZenith.
524.
Suchen wir ein auffallendes Beispiel einer Culmination vonder Plusseite her, so finden wir es abermals beim anlaufendenStahl, welcher bis in den Purpnrzenith gelangt und auf diesemPunkte festgehalten werden kann.
525.
Sollen wir die vorhin (516) angegebene Terminologie hieranwenden, so würden wir sagen, die erste Säuerung bringedas Gelbe hervor, die Aussäuerung das Gelbrothe; hier entsteheein gewisses Summum, da denn eine Absäuerung und endlicheine Entsäuerung eintrete.
526.
Hohe Punkte von Säuerung bringen eine Purpurfarbehervor. Gold, aus seiner Auflösung durch Zinnanflösung ge-fallt, erscheint purpurfarben. Das Oxyd des Arseniks, mitSchwefel verbunden, bringt eine Rubinfarbe hervor.
527.
Wiefern aber eine Art von Absäuerung bei mancher Culmi-nation mitwirke, wäre zu untersuchen: denn eine Einwirkungder Alkalien auf das Gelbroth scheint auch die Culminationhervorzubringen, indem die Farbe gegen das Minus zu i» denZenith genöthigt wird.
528.
Aus dem besten Ungarischen Zinnober, welcher das höchsteGelbroth zeigt, bereiten die Holländer eine Farbe, die manBermillon nennt. Es ist auch nur ein Zinnober, der sichaber der Purpurfarbe nähert, und es läßt sich vermuthen, daßman durch Alkalien ihn der Culmination näher zu bringen sucht.
529.
Vegetabilische Säfte sind, auf diese Weise behandelt, einin die Augen fallendes Beispiel. Curcuma, Orlean, Safflor,und andere, deren färbendes Wesen man mit Weingeist aus-gezogen, und nun Tincturen von gelber, gelb- und hyacinth-rother Farbe vor sich hat, gehen durch Beimischung vonAlkalien in den Zenith, ja drüber hinaus nach dem Blau-rothen zu.