Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

172

Zur Farbenlehre.

chemischen Wirkungen zu gedenken, welche sich bei Färbungder Federn auf eine uns nun schon hinlänglich bekannte Weisezu äußern Pflegen.

65S.

Das Gefieder ist allfarbig, doch im ganzen das gelbe, dassich zum Rothen steigert, häufiger als das blaue.

660.

Die Einwirkung des Lichts auf die Federn und ihre Farbenist durchaus bemerklich. So ist z. B. auf der Brust gewisserPapageien die Feder eigentlich gelb. Der schuppenartig hervor-tretende Theil, den das Licht bescheint, ist aus dem Gelbenin's Rothe gesteigert. So sieht die Brust eines solchen Thiershochroth aus; wenn man aber in die Federn bläs't, erscheintdas Gelbe.

66l.

So ist durchaus der unbedeckte Theil der Federn von demim ruhigen Zustand bedeckten höchlich unterschieden, so daßsogar nur der unbedeckte Theil, z. B. bei Raben, bunte Farbenspielt, der bedeckte aber nicht; nach welcher Anleitung man dieSchwanzfedern, wenn sie durch einander geworfen sind, sogleichwieder zurecht legen kann.

llV.

Säugethiere und Menschen.

662.

Hier fangen die Elementarfarben an, uns ganz zu verlassen.Wir sind auf der höchsten Stufe, auf der wir nur flüchtig ver-weilen.

663.

Das Säugethier steht überhaupt entschieden auf der Lebens-seite. Alles, was sich an ihm äußert, ist lebendig. Von demInnern sprechen wir nicht; also hier nur einiges von der Ober-fläche. Die Haare unterscheiden sich schon dadurch von denFedern, daß sie der Haut mehr angehören, daß sie einfach,fadenartig, nicht geästet sind. An den verschiedenen Theilendes Körpers sind sie aber auch, nach Art der Federn, kürzer,länger, zarter und stärker, farblos oder gefärbt, und dieß allesnach Gesetzen, welche sich aussprechen lassen.

664.

Weiß und Schwarz, Gelb, Gelbroth und Braun wechselnauf mannichfaltige Weise, doch erscheinen sie niemals auf einesolche Art, daß sie uns an die Elementarfarben erinnerten.Sie sind alle vielmehr gemischte, durch organische Kochung be-zwungene Farben, und bezeichnen mehr oder weniger dieStufenhöhe des Wesens, dem sie angehören.

665.

Eine von den wichtigsten Betrachtungen der Morphologie,in sofern sie Oberflächen beobachtet, ist diese, daß auch bei denvierfüßigen Thieren die Flecken der Haut auf die innern Theile,über welche sie gezogen ist, einen Bezug haben. So willkürlichübrigens die Natur dem flüchtigen Anblick hier zu wirken scheint,so konsequent wird dennoch ein tiefes Gesetz beobachtet, dessenEntwicklung und Anwendung freilich nur einer genauen Sorg-falt und treuen Theilnehmung vorbehalten ist.

666 .

Wenn bei Affen gewisse nackte Theile bunt, mit Elementar-sarben erscheinen, so zeigt dieß die weite Entfernung eines

solchen Geschöpfs von der Vollkommenheit an: denn man kannsagen, je edler ein Geschöpf ist, je mehr ist alles Stoffartigein ihm verarbeitet; je wesentlicher seine Oberfläche mit demInnern zusammenhängt, desto weniger können auf derselbenElementarfarben erscheinen. Denn da, wo alles ein vollkom-menes Ganzes zusammen ausmachen soll, kann sich nicht hieund da etwas Specifisches absondern.

667.

Von dem Menschen haben wir wenig zu sagen: denn ertrennt sich ganz von der allgemeinen Naturlehre los, in derwir jetzt eigentlich wandeln. Auf des Menschen Inneres ist soviel verwandt, daß seine Oberfläche nur sparsamer begabtwerden konnte.

668 .

Wenn man nimmt, daß schon unter der Haut die Thieremit Jntercutanmuskeln mehr belastet als begünstigt sind, wennman sieht, daß gar manches Ueberflüssige nach außen strebt,wie z. B. die großen Ohren und Schwänze, nicht weniger dieHaare, Mähnen, Zotten, so sieht man wohl, daß die Naturvieles abzugeben und zu verschwenden hatte.

669.

Dagegen ist die Oberfläche des Menschen glatt und rein,und läßt, bei den vollkommensten, außer wenigen mit Haarmehr gezierten als bedeckten Stellen, die schöne Form sehen;denn im Vorbeigehen sey es gesagt, ein Ueberfluh der Haarean Brust, Armen, Schenkeln deutet eher auf Schwäche alsaus Stärke; wie denn wahrscheinlich nur die Poeten, durch denAnlaß einer übrigens starken Thiernatur verführt, mituntersolche haarige Helden zu Ehren gebracht haben.

670.

Doch haben wir hauptsächlich an diesem Ort von der Farbezu reden. Und so ist die Farbe der menschlichen Haut, in allenihren Abweichungen, durchaus keine Elementarsarbe, sonderneine durch organische Kochung höchst bearbeitete Erscheinung.

671.

Daß die Farbe der Haut und Haare auf einen Unterschiedder Charaktere deute, ist wohl keine Frage, wie wir ja schoneinen bedeutenden Unterschied an blonden und braunen Men-schen gewahr werden; wodurch wir auf die Vermuthung ge-leitet werden, daß ein oder das andere organische Systemvorwaltend eine solche Verschiedenheit hervorbringe. Ein gleichesläßt sich wohl auf Nationen anwenden; wobei vielleicht zu be-merken wäre, daß auch gewisse Farben mit gewissen Bildungenzusammentreffen, worauf wir schon durch die Mohrenphysiog-nomien aufmerksam geworden.

672.

Uebrigens wäre wohl hier der Ort, der Zweislerfrage zubegegnen, ob denn nicht alle Menschenbildung und Farbe gleichschön, und nur durch Gewohnheit und Eigendünkel eine derandern vorgezogen werde? Wir getrauen uns aber in Gefolgalles dessen, was bisher vorgekommen, zu behaupten, daß derweiße Mensch, d. h. derjenige, dessen Oberfläche vom Weißenin's Gelbliche, Bräunliche, Nöthliche spielt, kurz dessen Ober-fläche am gleichgültigsten erscheint, am wenigsten sich zu irgendetwas Besondern: hinneigt, der schönste sey. Und so wird auchwohl künftig, wenn von der Form die Rede seyn wird, einsolcher Gipfel menschlicher Gestalt sich vor das Anschauenbringen lassen; nicht als ob diese alte Streitfrage hierdurch für