Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

Didaktischer Theil/

173

immer entschieden seyn sollte denn es giebt Menschen ge-nug , welche Ursache haben, diese Deutsamkeit des Aeußern inZweifel zu setzen sondern daß dasjenige ausgesprochen werde,was aus einer Folge von Beobachtung und Urtheil einemSicherheit und Beruhigung suchenden Gemüthe hervorspringt.Und so fügen wir zum Schluß noch einige auf die elementar-chemische Farbenlehre sich beziehende Betrachtungen bei.

I.V.

Physische und chemische Wirkungen farbiger Beleuchtung.

673.

Die physischen und chemischen Wirkungen farbloser Be-leuchtung sind bekannt, so daß es hier »»nöthig seyn dürfte, sieweitläufig auseinanderzusetzen. Das farblose Licht zeigt sichunter verschiedenen Bedingungen, als Wärme erregend, alsein Leuchten gewissen Körpern mittheilend, als auf Säuerungund Entsäuerung wirkend. In der Art und Stärke dieser Wir-kungen findet sich wohl mancher Unterschied, aber keine solcheDifferenz, die auf einen Gegensatz hinwiese, wie solche beifarbigen Beleuchtungen erscheint, wovon wir nunmehr kürzlichRechenschaft zu geben gedenken.

674.

Von der Wirkung farbiger Beleuchtung als Wärme er-regend wissen wir folgendes zu sagen: An einem sehr sensibelnsogenannten Luftthermometer beobachtete man die Temperaturdes dunkeln Zimmers. Bringt man die Kugel darauf in dasdirect hereinscheinende Sonnenlicht, so ist nichts natürlicher,als daß die Flüssigkeit einen viel Hähern Grad der Wärme an-zeige. Schiebt man alsdann farbige Gläser vor, so folgt auchganz natürlich, daß sich der Wärmegrad vermindere, erstlichweil die Wirkung des direkten Lichtes schon durch das Glasetwas gehindert ist, sodann aber vorzüglich weil ein farbigesGlas, als ein Dunkles, ein wenigeres Licht hindurchläßt.

675.

Hierbei zeigt sich aber dem aufmerksamen Beobachter einUnterschied der Wärmeerregung, je nachdem diese oder jeneFarbe dem Glase eigen ist. Das gelbe und gelbrothe Glasbringt eine höhere Temperatur als das blaue und blaurothehervor, und zwar ist der Unterschied von Bedeutung.

676.

Will man diesen Versuch mit dem sogenannten prisma-tischen Spectrum anstellen, so bemerke man am Thermometererst die Temperatur des Zimmers, lasse alsdann das blau-färbige Licht auf die Kugel fallen, so wird ein etwas höhererWärmegrad angezeigt, welcher immer wächst, wenn man dieübrigen Farben nach und nach auf die Kugel bringt. In dergelbrothen ist die Temperatur am stärksten, noch stärker aberunter dem Gelbrothen.

Macht man die Vorrichtung mit dem Wasserprisma, sodaß man das weiße Licht in der Mitte vollkommen haben kann,so ist dieses zwar gebrochene, aber noch nicht gefärbte Lichtdas wärmste; die übrigen Farben verhalten sich hingegen, wievorher gesagt.

677.

Da es hier nur um Andeutung, nicht aber um Ableitungund Erklärung dieser Phänomene zu thun ist, so bemerken wir

! nur im Vorbeigehen, daß sich am Spektrum unter deni Rothenkeineswegs das Licht vollkommen abschneidet, sondern daßimmer noch ein gebrochenes, von seinem Wege abgelenktes,sich hinter dem prismatischen Farbenbilde gleichsam herschlei-chendes Licht zu bemerken ist, so daß man bei näherer Betrach-tung wohl kaum nöthig haben wird, zu unsichtbaren Strahlenund deren Brechung seine Zuflucht zu nehmen.

678.

Die Mittheilung des Lichtes durch farbige Beleuchtung zeigtdieselbige Differenz. Den Bononischen Phosphoren theilt sichdas Licht mit durch blaue und violette Gläser, keineswegs aberdurch gelbe und gelbrothe; ja man will sogar bemerkt haben,daß die Phosphoren, welchen man durch violette und blaueGläser den Glühschein mitgetheilt, wenn man solche nachherunter die gelben und gelbrothen Scheiben gebracht, früherverlöschen als die, welche man im dunkeln Zimmer ruhigliegen läßt.

679.

Man kann diese Versuche wie die vorhergehenden auchdurch das prismatische Spektrum machen, und es zeigen sichimmer dieselben Resultate.

680.

Von der Wirkung farbiger Beleuchtung auf Säuerungund Entsäuerung kann man sich folgendermaaßen unterrichten.Man streiche feuchtes, ganz weißes Hornsilber auf einen Papier-streifen; man lege ihn in's Licht, daß er einigermaaßen grauwerde, und schneide ihn alsdann in drei Stücke. Das einelege man in ein Buch, als bleibendes Muster, das andereunter ein gelbrothes, das dritte unter ein blaurothes Glas.Dieses letzte Stück wird immer dunkelgrauer werden und eineEntsäuerung anzeigen; das unter dem Gelbrothen befindlichewird immer hellew grau, tritt also dem ersten Zustand voll-kommenerer Säuerung wieder näher. Von beidem kann mansich durch Vergleichung mit dem Musterstücke überzeugen.

68l.

Man hat auch eine schöne Vorrichtung gemacht, diese Ver-suche mit dem prismatischen Bilde anzustellen. Die Resultatesind den bisher erwähnten gemäß, und wir werden das Näheredavon späterhin vortragen, und dabei die Arbeiten eines ge-nauen Beobachters benutzen, der sich bisher mit diesen Ver-suchen sorgfältig beschäftigte.

4.VI.

Chemische Wirkung bei der dioptrischen Achromasie.

682.

Zuerst ersuchen wir unsere Leser, dasjenige wieder nach-zusehen, was wir oben (285298) über diese Materie vor-getragen, damit es hier keiner weitern Wiederholung bedürfe.

683.

Man kann also einem Glase die Eigenschaft geben, daß es,ohne viel stärker zu refrangiren als vorher, d. h. ohne dasBild um ein sehr Merkliches weiter zu verrücken, dennoch vielbreitere Farbensäume hervorbringt.

684.

Diese Eigenschaft wird dem Glase durch Metallkalke mit-getheilt. Daher Mennig, mit einem reinen Glase innig