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Zur Farbenlehre.
angesehen wird; die zweite beruht auf der abgeleiteten, ent-wickelten und dargestellten Totalität.
709.
Jede einzelne Gegeneinanderstellung, die harmonisch seynsoll, muß Totalität enthalten. Hiervon werden wir durch diePhysiologischen Versuche belehrt. Eine Entwicklung der sämmt-lichen möglichen Entgegcnstellungen um den ganzen Farbenkreiswird nächstens geleistet.
Wie leicht die Farbe von einer Seite auf die anderezu wenden?
710.
Die Beweglichkeit der Farbe haben wir schon bei der Stei-gerung und bei der Durchwanderung des Kreises zu bedenkenUrsache gehabt; aber auch sogar hinüber und herüber werfensie sich nothwendig und geschwind.
711.
Physiologische Farben zeigen sich anders auf dunkelm alsauf Hellem Grund. Bei den physischen ist die Verbindung desobjectiven und subjectiven Versuchs höchst merkwürdig. Dieepoptischen Farben sollen beim durchscheinenden Licht und beimaufscheinenden entgegengesetzt seyn. Wie die chemischen Farbendurch Feuer und Alkalien umzuwenden, ist seines Orts hin-länglich gezeigt worden.
Wie leicht die Farbe verschwindet?
712.
Was seit der schnellen Erregung und ihrer Entscheidungbisher bedacht worden, die Mischung, die Steigerung, dieVerbindung, die Trennung, so wie die harmonische Forderung,alles geschieht mit der größten Schnelligkeit und Bereitwillig-keit; aber eben so schnell verschwindet auch die Farbe wiedergänzlich.
713.
Die physiologischen Erscheinungen sind auf keine Weise fest-zuhalten; die physischen dauern nur so lange, als die äußereBedingung währt; die chemischen selbst haben eine große Be-weglichkeit, und sind durch entgegengesetzte Reagentien herüber-und hinüberzuwerfen, ja sogar aufzuheben.
Wie fest die Farbe bleibt?
714.
Die chemischen Farben geben ein Zeugniß sehr langerDauer. Die Farben, durch Schmelzung in Gläsern fixirt, sowie durch Natur in Edelsteinen, trotzen aller Zeit und Gegen-wirkung.
715.
Die Färberei fixirt von ihrer Seite die Farben sehr mächtig,und Pigmente, welche durch Reagentien sonst leicht herüber-und hinübergeführt werden, lasten sich durch Beizen zur größtenBeständigkeit an und in Körper übertragen.
Fünfte Abtheilung.Nachbarliche Verhältniße.
Verhältniß zur Philosophie.
716.
Man kann von dem Physiker nicht fordern, daß er Philo-soph sey; aber man kann von ihm erwarten, daß er so vielphilosophische Bildung habe, um sich gründlich von der Weltzu unterscheiden, und mit ihr wieder im höhern Sinne zu-sammenzutreten. Er soll sich eine Methode bilden, die demAnschauen gemäß ist; er soll sich hüten, das Anschauen in Be-griffe, den Begriff in Worte zu verwandeln, und mit diesenWorten, als wären es Gegenstände, umzugehen und zu ver-fahren; er soll von den Bemühungen des Philosophen Kenntnißhaben, um die Phänomene bis an die philosophische Regionhinanzuführen.
717.
Man kann von dem Philosophen nicht verlangen, daß erPhysiker sey; und dennoch ist seine Einwirkung auf den Physi-schen Kreis so nothwendig und so wünschenswerth. Dazu bedarfes nicht des einzelnen, sondern nur der Einsicht in jene End-punkte , wo das einzelne zusammentrifft.
718.
Wir haben früher (175 fs.) dieser wichtigen Betrachtung imVorbeigehen erwähnt, und sprechen sie hier, als am schicklichenOrte, nochmals aus. Das Schlimmste, was der Physik, sowie mancher andern Wissenschaft, widerfahren kann, ist, daßman das Abgeleitete für das Ursprüngliche hält, und da mandas Ursprüngliche aus'Abgeleitetem nicht ableiten kann, dasUrsprüngliche aus dem Abgeleiteten zu erklären sucht. Dadurchentsteht eine unendliche Verwirrung, ein Wortkram und einefortdauernde Bemühung, Ausflüchte zu suchen und zu finden,wo das Wahre nur irgend hervortritt und mächtig werden will.
719.
Indem sich der Beobachter, der Naturforscher auf dieseWeise abquält, weil die Erscheinungen der Meinung jederzeitwidersprechen, so kann der Philosoph mit einem falschen Re-sultate in seiner Sphäre noch immer operiren, indem keinResultat so falsch ist, daß es nicht, als Form ohne allen Gehalt,auf irgend eine Weise gelten könnte.
720.
Kann dagegen der Physiker zur Erkenntniß desjenigen ge-langen, was wir ein Urphänomen genannt haben, so ister geborgen, und der Philosoph mit ihm. Er: denn er über-zeugt sich, daß er an die Gränze seiner Wissenschaft gelangtsey, daß er sich auf der empirischen Höhe befinde, wo er rück-wärts die Erfahrung in allen ihren Stufen überschauen, undvorwärts in das Reich der Theorie, wo nicht eintreten, docheinblicken könne. Der Philosoph ist geborgen: denn er nimmtaus des Physikers Hand ein Letztes , das bei ihm nun ein Ersteswird. Er bekümmert sich nun mit Recht nicht mehr um dieErscheinung, wenn man darunter das Abgeleitete versteht, wieman es entweder schon wissenschaftlich zusammengestellt findetoder wie es gar in empirischen Fällen zerstreut und verworrenvor die Sinne tritt. Will er ja auch diesen Weg durchlaufen,und einen Blick in's einzelne nicht verschmähen, so thut er es