Didaktisch,! Theil.
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Charakterlose Zusammenstellungen.
826 .
Wir wenden uns nun zu der letzten Art der Zusammen-stellungen, welche sich aus dem Kreise leicht herausfinden lassen.Es sind nämlich diejenigen, welche durch kleinere Chorden ange-deutet werden, wenn man nicht eine ganze Mittelfarbe, sondernnur den Uebergang aus einer in die andere überspringt.
827 .
Man kann diese Zusammenstellungen wohl die charakter-losen nennen, indem sie zu nahe an einander liegen, als daßihr Eindruck bedeutsam werden könnte. Doch behaupten diemeisten immer noch ein gewisses Recht, da sie ein Fortschreitenandeuten, dessen Verhältniß aber kaum fühlbar werden kann.
828 .
So drücken Gelb und Gelbroth, Gelbroth und Purpur,Blau und Blauroth, Blauroth und Purpur die nächsten Stufender Steigerung und Culmination aus, und können in gewissenVerhältnissen der Massen keine üble Wirkung thun.
829 .
Gelb und Grün hat immer etwas Gemeinheiteres, Blauund Grün aber immer etwas Gemeinwiderliches; deßwegenunsere guten Vorfahren jene Zusammenstellung auch Narren-farbe genannt haben.
Bezug der Zusammenstellungen zu Hell und Dunkel.
830 .
Diese Zusammenstellungen können sehr vermannichfaltigtwerden, indem man beide Farben hell, beide Farben dunkel,eine Farbe hell, die andere dunkel zusammenbringen kann;wobei jedoch, was im allgemeinen gegolten hat, in jedem be-sondern Falle gelten muß. Von dem unendlich Mannich-faltigen, was dabei stattfindet, erwähnen wir nur folgendes.
831 .
Die active Seite, mit dem Schwarzen zusammengestellt,gewinnt an Energie; die passive verliert. Die active, mit demWeißen und Hellen zusammengebracht, verliert an Kraft; diePassive gewinnt an Heiterkeit. Purpur und Grün mit Schwarzsieht dunkel und düster, mit Weiß hingegen erfreulich aus.
832 .
Hierzu kommt nun noch, daß alle Farben mehr oder wenigerbeschmutzt, bis auf einen gewissen Grad unkenntlich gemacht,und so theils unter sich selbst, theils mit reinen Farben zusam-mengestellt werden können, wodurch zwar die Verhältnisseunendlich variirt werden, wobei aber doch alles gilt, was vondem Reinen gegolten hat.
Historische Betrachtungen.
833 .
Wenn in dem Vorhergehenden die Grundsätze der Farben-Harmonie vorgetragen worden, so wird es nicht zweckwidrigseyn, wenn wir das dort Ausgesprochene in Verbindung mitErfahrungen und Beispielen nochmals wiederholen.
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Jene Grundsätze waren aus der menschlichen Natur undaus den anerkannten Verhältnissen der Farbenerscheinungen
abgeleitet. In der Erfahrung begegnet uns manches, was jenenGrundsätzen gemäß, manches, was ihnen widersprechend ist.
835 .
Naturmenschen, rohe Völker, Kinder haben große Neigungzur Farbe in ihrer höchsten Energie, und also besonders zu demGelbrothen. Sie haben auch eine Neigung zum Bunten. DasBunte aber entsteht, wenn die Farben in ihrer höchsten Energieohne harmonisches Gleichgewicht zusammengestellt werden.Findet sich aber dieses Gleichgewicht durch Jnstinct oder zu-fällig beobachtet, so entsteht eine angenehme Wirkung. Icherinnere mich, daß ein Hessischer Officicr, der aus Amerikakam, sein Gesicht nach der Art der Wilden mit reinen Farbenbemalte, wodurch eine Art von Totalität entstand, die keineunangenehme Wirkung that.
836 .
Die Völker des südlichen Europas tragen zu Kleidern sehrlebhafte Farben. Die Seidenwaaren, welche sie leichten Kaufshaben, begünstigen diese Neigung. Auch sind besonders dieFrauen mit ihren lebhaftesten Miedern und Bändern immermit der Gegend in Harmonie, indem sie nicht im Stande sind,den Glanz des Himmels und der Erde zu überscheinen.
837 .
Die Geschichte der Färberei belehrt uns, daß bei denTrachten der Nationen gewisse technische Bequemlichkeiten undVortheile sehr großen Einfluß hatten. So sieht man dieDeutschen viel in Blau gehen, weil es eine dauerhafte Farbedes Tuches ist; auch in manchen Gegenden alle Landleute ingrünem Zwillich, weil dieser gedachte Farbe gut annimmt.Möchte ein Reisender hierauf achten, so würden ihm bald an-genehme und lehrreiche Beobachtungen gelingen.
838 .
Farben, wie sie Stimmungen hervorbringen, fügen sichauch zu Stimmungen und Zuständen. Lebhafte Nationen,z. B. die Franzosen, lieben die gesteigerten Farben, besondersder activen Seite; gemäßigte, als Engländer und Deutsche,das Stroh- oder Ledergelb, wozu sie Dunkelblau wagen. NachWürde strebende Nationen, als Jtaliäner und Spanier, ziehendie rothe Farbe ihrer Mäntel auf die passive Seite hinüber.
839 .
Man bezieht bei Kleidungen den Charakter der Farbe ausden Charakter der Person. So kann man das Verhältniß dereinzelnen Farben und Zusammenstellungen zu Gesichtsfarbe,Alter und Stand beobachten.
840 .
Die weibliche Jugend hält auf Rosenfarb und Meergrün,das Alter auf Violett und Dunkelgrün. Die Blondine hat zuViolett und Hellgelb, die Brünette zu Blau und GelbrothNeigung, und sämmtlich mit Recht.
Die Römischen Kaiser waren auf den Purpur höchst eifer-süchtig. Die Kleidung des Chinesischen Kaisers ist Orange,mit Purpur gestickt. Citronengelb dürfen auch seine Bedientenund die Geistlichen wagen.
841 .
Gebildete Menschen haben einige Abneigung vor Farben.Es kann dieses theils aus Schwäche des Organs, theils ausUnsicherheit des Geschmacks geschehen, die sich gern in dasvöllige Nichts flüchtet. Die Frauen gehen nunmehr fast durch-gängig weiß und die Männer schwarz.