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Zur Farbenlehre.
zum Gemeinen herabgezogen fühlten, so führt uns das Be-dürfniß nach Totalität, welches unserm Organ eingeboren ist,aus dieser Beschränkung heraus; es setzt sich selbst in Freiheit,indem es den Gegensatz des ihm aufgedrungenen einzelnen undsomit eine befriedigende Ganzheit hervorbringt.
813 .
So einfach also diese eigentlich harmonischen Gegensätzesind, welche uns in dem engen Kreise gegeben werden, sowichtig ist der Wink, daß uns die Natur durch Totalität zurFreiheit herauszuheben angelegt ist, und daß wir dicßmal eineNaturerscheinung zum ästhetischen Gebrauch unmittelbar über-liefert erhalten.
814 .
Indem wir also aussprechen können, daß der Farbenkreis,wie wir ihn angegeben, auch schon dem Stoff nach eine ange-nehme Empfindung hervorbringe, ist es der Ort zu gedenken,daß man bisher den Regenbogen mit Unrecht als ein Beispielder Farbentotalität angenommen: denn es fehlt demselben dieHauptfarbe, das reine Roth, der Purpur, welcher nicht ent-stehen kann, da sich bei dieser Erscheinung so wenig als bei demhergebrachten prismatischen Bilde das Gelbroth und Blaurothzu erreichen vermögen.
815 .
Ueberhaupt zeigt uns die Natur kein allgemeines Phänomen,wo die Farbentotalität völlig beisammen wäre. Durch Versucheläßt sich ein solches in seiner vollkommenen Schönheit hervor-bringen. Wie sich aber die völlige Erscheinung im Kreise zu-sammenstellt, machen wir uns am besten durch Pigmente aufPapier begreiflich, bis wir, bei natürlichen Anlagen und nachmancher Erfahrung und Uebung, uns endlich von der Ideedieser Harmonie völlig penetrirt und sie uns im Geiste gegen-wärtig fühlen.
Charakteristische Zusammenstellungen.
816 .
Außer diesen rein harmonischen, aus sich selbst entspringen-den Zusammenstellungen, welche immer Totalität mit sichführen, giebt es noch andere, welche durch Willkür hervor-gebracht werden, und die wir dadurch am leichtesten bezeichnen,daß sie in unserm Farbcnkreise nicht nach Diametern, sondernnach Chorden aufzufinden sind, und zwar zuerst dergestalt, daßeine Mittelfarbe übersprungen wird.
817 .
Wir nennen diese Zusammenstellungen charakteristisch, weilsie sämmtlich etwas Bedeutendes haben, das sich uns mit einemgewissen Ausdruck aufdringt, aber uns nicht befriedigt, indemjenes Charakteristische nur dadurch entsteht, daß es als ein Theilaus dem Ganzen heraustritt, mit welchem es ein Verhältnißhat, ohne sich darin aufzulösen.
818 .
Da wir die Farben in ihrer Entstehung, so wie deren har-monische Verhältnisse kennen, so läßt sich erwarten, daß auchdie Charakter« der willkürlichen Zusammenstellungen von derverschiedensten Bedeutung seyn werden. Wir wollen sie ein-zeln durchgehen.
Gelb und Blau.
819 .
Dieses ist die einfachste von solchen Zusammenstellungen.Man kann sagen, es sey zu wenig in ihr: denn da ihr jedeSpur von Roth fehlt, so geht ihr zu viel von der Totalität ab.In diesem Sinne kann man sie arm und, da die beiden Poleauf ihrer niedrigsten Stufe stehen, gemein nennen. Doch hatsie den Vortheil, daß sie zunächst am Grünen, und also an derrealen Befriedigung steht.
Gelb und Purpur.
820 .
Hat etwas Einseitiges, aber Heiteres und Prächtiges. Mansieht die beiden Enden der thätigen Seite neben einander, ohnedaß das stetige Werden ausgedrückt sey. Da man aus ihrerMischung durch Pigmente das Gelbrothe erwarten kann, sostehen sie gewifsermaaßen anstatt dieser Farbe.
Blau und Purpur.
821 .
Die beiden Enden der passiven Seite mit dem Uebergewichtder obern Endes nach dem activen zu. Da durch Mischungbeider das Blaurothe entsteht, so wird der Effect dieser Zu-sammenstellung sich auch gedachter Farbe nähern.
Gelbroth und Blauroth.
822 .
Haben, zusammengestellt, als die gesteigerten Enden derbeiden Seiten, etwas Erregendes, Hohes. Sie geben uns dieVorahnung des Purpurs, der bei physikalischen Versuchen ausihrer Vereinigung entsteht.
823 .
Diese vier Zusammenstellungen haben also das Gemein-same, daß sie, vermischt, die Zwischenfarben unseres Farben-kreises hervorbringen würden; wie sie auch schon thun, wenndie Zusammenstellung aus kleinen Theilen besteht und aus derFerne betrachtet wird. Eine Fläche mit schmalen blau undgelben Streifen erscheint in einiger Entfernung grün.
824 .
Wenn nun aber das Auge Blau und Gelb neben einandersieht, so befindet es sich in der sonderbaren Bemühung, immerGrün hervorbringen zu wollen, ohne damit zu Stande zukommen, und ohne also im einzelnen Ruhe oder im GanzenGefühl der Totalität bewirken zu können.
825 .
Man sieht also, daß wir nicht mit Unrecht diese Zusammen-stellungen charakteristisch genannt haben, so wie denn auch derCharakter einer jeden sich auf den Charakter der einzelnenFarben, woraus sie zusammengestellt ist, beziehen muß.