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Zur Farbenlehre.
müsse. Wird nicht hiedurch alle charakteristische Abwechslungaufgehoben, und ist das Porträt von Leo X. deßhalb wenigertrefflich, weil aus diesem Bilde Sammt, Atlaß und Mohrneben einander nachgeahmt ward?
876 .
Bei Naturproducten erscheinen die Farben mehr oder weni-ger modificirt, specificirt, ja individualisirt; welches beiSteinen und Pflanzen, bei den Federn der Vögel und denHaaren der Thiere wohl zu beobachten ist.
877 .
Die Hauptkunst des Malers bleibt immer, daß er dieGegenwart des bestimmten Stoffes nachahme und das Allge-meine , Elementare der Farbenerscheinung zerstöre. Die höchsteSchwierigkeit findet sich hier bei der Oberfläche des menschlichenKörpers.
878 .
Das Fleisch steht im ganzen auf der activen Seite; dochspielt das Bläuliche der passiven auch mit herein. Die Farbeist durchaus ihrem elementarischen Zustande entrückt und durchOrganisation neutralisirt.
879 .
Das Colorit des Ortes und das Colorit der Gegenständein Harmonie zu bringen, wird nach Betrachtung dessen, wasvon uns in der Farbenlehre abgehandelt worden, dem geist-reichen Künstler leichter werden, als bisher der Fall war, under wird im Stande seyn, unendlich schöne, mannichfaltige undzugleich wahre Erscheinungen darzustellen.
Charakteristisches Colorit.
880 .
Die Zusammenstellung farbiger Gegenstände sowohl alsdie Färbung des Raumes, in welchem sie enthalten sind, sollnach Zwecken geschehen, welche der Künstler sich vorsetzt. Hierzuist besonders die Kenntniß der Wirkung der Farben aufEmpfindung, sowohl im Einzelnen als in Zusammenstellung,nöthig. Deßhalb sich denn der Maler von dem allgemeinenDualism sowohl als von den besondern Gegensätzen penetrirensoll; wie er denn überhaupt wohl inne haben müßte, was wirvon den Eigenschaften der Farben gesagt haben.
881 .
Das Charakteristische kann unter drei Hauptrubriken be-griffen werden, die wir einstweilen durch das Mächtige, dasSanfte und das Glänzende bezeichnen wollen.
882 .
Das erste wird durch das Uebergewicht der activen, daszweite durch das Uebergewicht der passiven Seite, das drittedurch Totalität und Darstellung des ganzen Farbenkreises imGleichgewicht hervorgebracht.
883 .
Der mächtige Effect wird erreicht durch Gelb, Gelbroth undPurpur, welche letzte Farbe auch noch auf der Plusseite zuhalten ist. Wenig Violett und Blau, noch weniger Grün istanzubringen. Der sanfte Effect wird durch Blau, Violett undPurpur, welcher jedoch auf die Minnsseite zu führen ist,hervorgebracht. Wenig Gelb und Gelbroth, aber viel Grünkann stattfinden.
884.
Wenn man also diese beiden Effecte in ihrer vollen Bedeu-tung hervorbringen will, so kann man die geforderten Farbenbis auf ein Minimum ausschließen und nur so viel von ihnensehen lassen, als eine Ahnung der Totalität unweigerlich zuverlangen scheint.
Harmonisches Colorit.
885 .
Obgleich die beiden charakteristischen Bestimmungen, nachder eben angezeigten Weise, auch gewissermaaßen harmonischgenannt werden können, so entsteht doch die eigentliche harmo-nische Wirkung nur alsdann, wenn alle Farben neben einanderim Gleichgewicht angebracht sind.
886 .
Man kann hierdurch das Glänzende sowohl als das Ange-nehme hervorbringen, welche beide jedoch immer etwas All-gemeines und in diesem Sinne etwas Charakterloses habenwerden.
887 .
Hierin liegt die Ursache, warum das Colorit der meistenNeuern charakterlos ist: denn indem sie nur ihrem Jnstinctfolgen, so bleibt das letzte, wohin er sie führen kann, dieTotalität, die sie mehr oder weniger erreichen, dadurch aberzugleich den Charakter versäumen, den das Bild allenfallshaben könnte.
888 .
Hat man hingegen jene Grundsätze im Auge, so steht man,wie sich für jeden Gegenstand mit Sicherheit eine andereFarbeustimmung wählen läßt. Freilich fordert die Anwendungunendliche Modificationen, welche dem Genie allein, wenn esvon diesen Grundsätzen durchdrungen ist, gelingen werden.
Rechter Ton.
889 .
Wenn man das Wort Ton oder vielmehr Tonart auchnoch künftig von der Musik borgen und bei der Farbengebungbrauchen will, so wird es in einem bessern Sinne als bishergeschehen können.
890 .
Man würde nicht mit Unrecht ein Bild von mächtigemEffect mit einem musicalischen Stücke aus dem Durton, einGemälde mit sanftem Effect mit einem Stücke aus dem Moll-ton vergleichen, so wie man für die Modifikation dieser beidenHaupteffecte andere Vergleichungen finden könnte.
Falscher Ton.
891 .
Was man bisher Ton nannte, war ein Schleier von einereinzigen Farbe, über das ganze Bild gezogen. Man nahm ihngewöhnlich gelb, indem man aus Jnstinct das Bild auf diemächtige Seite treiben wollte.
892 .
Wenn man ein Gemälde durch ein gelbes Glas ansieht, so