Didaktischer Theil.
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wird es uns in diesem Ton erscheinen. Es ist der Mühe werth,diesen Versuch zu machen und zu wiederholen, um genaukennen zu lernen, was bei einer solchen Operation eigentlichvorgeht. Es ist eine Art Nachtbeleuchtung, eine Steigerung,aber zugleich Verdüsterung der Plusseite, und eine Beschmutzungder Minusseite.
8S3.
Dieser unächte Ton ist durch Jnstinct aus Unsicherheitdessen, was zu thun sey, entstanden, so daß man anstatt derTotalität eine Uniformität hervorbrachte.
Schwaches Colorit.
894.
Eben diese Unsicherheit ist Ursache, daß man die Farben derGemälde so sehr gebrochen hat, daß man aus dem Grauenheraus und in das Graue hinein malt, und die Farbe so leisebehandelt als möglich.
895.
Man findet in solchen Gemälden oft die harmonischen Ge-genstellungen recht glücklich, aber ohne Muth, weil man sichvor dem Bunten fürchtet.
Das Bunte.
896.
Bunt kann ein Gemälde leicht werden, in welchem manbloß empirisch, nach unsichern Eindrücken, die Farben in ihrerganzen Kraft neben einander stellen wollte.
897.
Wenn man dagegen schwache, obgleich widrige Farben nebeneinander setzt, so ist freilich der Effect nicht auffallend. Manträgt seine Unsicherheit auf den Zuschauer hinüber, der dennan seiner Seite weder loben noch tadeln kann.
898.
Auch ist es eine wichtige Betrachtung, daß man zwar dieFarben unter sich in einem Bilde richtig aufstellen könne, daßaber doch ein Bild bunt werden müsse, wenn man die Farbenin Bezug auf Licht und Schatten falsch anwendet.
899.
Es kann dieser Fall um so leichter eintreten, als Licht undSchatten schon durch die Zeichnung gegeben und in derselbengleichsam enthalten ist, dahingegen die Farbe der Wahl undWillkür noch unterworfen bleibt.
Furcht vor dem Theoretischen.
900.
Man fand bisher bei den Malern eine Furcht, ja eine ent-schiedene Abneigung gegen alle theoretischen Betrachtungenüber die Farbe, und was zu ihr gehört; welches ihnen jedochnicht übel zu deuten war: denn das bisher sogenannte Theo-retische war grundlos, schwankend und aus Empirie hin-deutend. Wir wünschen, daß unsere Bemühungen diese Furchteinigermaaßen vermindern, und den Künstler anreizen mögen,die aufgestellten Grundsätze praktisch zu prüfen und zu beleben.
Letzter Zweck.
901.
Denn ohne Uebersicht des Ganzen wird der letzte Zwecknicht erreicht. Von allem dem, was wir bisher vorgetragen,durchdränge sich der Künstler. Nur durch die Einstimmungdes Lichtes und Schattens, der Haltung, der wahren undcharakteristischen Farbengebung kann das Gemälde von derSeite, von der wir es gegenwärtig betrachten, als vollendeterscheinen.
Gründe.
902.
Es war die Art der ältern Künstler, auf hellen Grund zumalen. Er bestand aus Kreide, und wurde auf Leinwand oderHolz stark aufgetragen und polirt. Sodann wurde der Umrißaufgezeichnet, und das Bild mit einer schwärzlichen oder bräun-lichen Farbe ausgetuscht. Dergleichen auf diese Art zum Lolo-riren vorbereitete Bilder sind noch übrig von Leonardo daVinci, Fra Bartolomeo und mehrere von Guido.
903.
Wenn man zur Lolorirung schritt und weiße Gewänderdarstellen wollte, so ließ man zuweilen diesen Grund stehen.Tizian that es in seiner spätern Zeit, wo er die große Sicher-heit hatte, und mit wenig Mühe viel zu leisten wußte. Derweißliche Grund wurde als Mitteltinte behandelt, die Schattenaufgetragen und die hohen Lichter aufgesetzt.
904.
Beim Coloriren war das untergelegte gleichsam getuschteBild immer wirksam. Man malte z. B. ein Gewand mit einerLasurfarbe, und das Weiße schien durch und gab der Farbe einLeben, sowie der schon früher zum Schatten angelegte Theildie Farbe gedämpft zeigte, ohne daß sie gemischt oder beschmutztgewesen wäre.
905.
Diese Methode hatte viele Vortheile. Denn an den lichtenStellen des Bildes hatte man einen hellen, an den beschatteteneinen dunklen Grund. Das ganze Bild war vorbereitet; mankonnte mit leichten Farben malen, und man war der Ueber-einstimmung des Lichtes mit den Farben gewiß. Zu unsernZeiten ruht die Aquarellmalerei auf diesen Grundsätzen.
906.
Uebrigens wird in der Oelmalerei gegenwärtig durchausein Heller Grund gebraucht, weil Mitteltiuten mehr oder we-niger durchsichtig sind, und also durch einen hellen Grundeinigermaaßen belebt, so wie die Schatten selbst nicht so leichtdunkel werden.
907.
Auf dunkle Gründe malte man auch eine Zeit lang. Wahr-scheinlich hat sieTintorctto eingeführt; ob Giorgione sichderselben bedient, ist nicht bekannt. Tizians beste Bildersind nicht auf dunkeln Grund gemalt.
908.
Ein solcher Grund war rothbraun, und wenn auf denselbendas Bild ausgezeichnet war, so wurden die stärksten Schattenaufgetragen, die Lichtfarben impastirte man auf den hohenStellen sehr stark, und vertrieb sie gegen den Schatten zu, da