Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Didaktischer Theil.

191

Verdacht der Schwärmerei auszusetzen, um so mehr als es,wenn unsere Farbenlehre Gunst gewinnt, an allegorischen, sym-bolischen und mystischen Anwendungen und Deutungen, demGeiste der Zeit gemäß, gewiß nicht fehlen wird.

Zugabe.

Das Bedürfniß des Malers, der in der bisherigen Theoriekeine Hülfe fand, sondern seinem Gefühl, seinem Geschmack,einer unsicher» Ueberlieferung in Absicht auf die Farbe völligüberlassen war, ohne irgend ein physisches Fundament gewahrzu werden, worauf er seine Ausübung hätte gründen können,dieses Bedürfniß war der erste Anlaß, der den Verfasser ver-mochte , in eine Bearbeitung der Farbenlehre sich einzulassen.Da nichts wünschenswertster ist, als daß diese theoretische Aus-führung bald im Praktischen genutzt und dadurch geprüft undschnell weiter geführt werde, so muß es zugleich höchst willkom-men seyn, wenn wir finden, daß Künstler selbst schon den Wegeinschlagen, den wir für den rechten halten.

Ich lasse daher zum Schluß, um hiervon ein Zeugniß ab-zugeben, den Brief eines talentvollen Malers, des Herrn Phi-lipp Otto Runge, mit Vergnügen abdrucken, eines jungenMannes, der ohne von meinen Bemühungen unterrichtet zuseyn, durch Naturell, Uebung und Nachdenken sich auf diegleichen Wege gefunden hat. Man wird in diesem Briefe, denich ganz mittheile, weil seine sämmtlichen Glieder in einen!innigen Zusammenhange stehen, bei aufmerksamer Vergleichunggewahr werden, daß mehrere Stellen genau mit meinem Ent-wurf übereinkommen, daß andere ihre Deutung und Erläute-rung aus meiner Arbeit gewinnen können, und daß dabeider Verfasser in mehrern Stellen mit lebhafter Ueberzeugungund wahrem Gefühle mir selbst auf meinem Gange vorge-schritten ist. Möge sein schönes Talent praktisch bethätigen,wovon wir uns beide überzeugt halten, und möchten wir, beifortgesetzter Betrachtung und Ausübung, mehrere gewogeneMitarbeiter finden I

Wollga», tea 3. Juli IMS.

Nach einer kleinen Wanderung, die ich durch unsere un-muthige Insel Rügen gemacht hatte, wo der stille Ernst desMeeres von den freundlichen Halbinseln und Thälern, Hügelnund Felsen auf mannichsaltige Art unterbrochen wird, fand ichzu dem freundlichen Willkommen der Meinigen auch nochIhren werthen Brief; und es ist eine große Beruhigung fürmich, meinen herzlichen Wunsch in Erfüllung gehen zu sehen,daß meine Arbeiten doch auf irgend eine Art ansprechen möch-ten. Ich empfinde es sehr, wie Sie ein Bestreben, was auchaußer der Richtung, die Sie der Kunst wünschen, liegt, wür-digen; und es würde eben so albern seyn, Ihnen meine Ur-sachen, warum ich so arbeite, zu sagen, als wenn ich beredenwollte, die meinige wäre die rechte.

Wenn die Praktik für jeden mit so großen Schwierigkeitenverbunden ist, so ist sie es in unsern Zeiten im höchsten Grade.Für den aber, der in einem Alter, wo der Verstand schon einegroße Oberhand erlangt hat, erst anfängt, sich in den Anfangs-gründen zu üben, wird es unmöglich, ohne zu Grunde zu gehen,aus seiner Individualität heraus sich in ein allgemeines Be-streben zu versetzen.

Derjenige, der, indeni er sich in der unendlichen Fülle vonLeben, die um ihn ausgebreitet ist, verliert, und unwiderstehlichdadurch zum Nachbilden angereizt wird, sich von dem totalenEindrucke eben so gewaltig ergriffen fühlt, wird gewiß auf ebendie Weife, wie er in das Charakteristische der Einzelnheiteneingeht, auch in das Verhältniß, die Natur und die Kräfte dergroßen Waffen einzudringen suchen.

Wer in dem beständigen Gefühl, wie alles bis in's kleinsteDetail lebendig ist und auf einander wirkt, die großen Massenbetrachtet, kann solche nicht ohne eine besondere Cynnexion oderVerwandtschaft sich denken, noch viel weniger darstellen, ohnesich auf die Grundursachen einzulassen. Und thut er dieß, sokann er nicht eher wieder zu der ersten Freiheit gelangen, wenner sich nicht gewiffermaaßen bis auf den reinen Grund durch-gearbeitet hat.

Um es deutlicher zu machen, wie ich es meine, ich glaube,daß die alten deutschen Künstler, wenn sie etwas von der Formgewußt hätten, die Unmittelbarkeit und Natürlichkeit des Aus-drucks in ihren Figuren würden verloren haben, bis sie in dieserWissenschaft einen gewissen Grad erlangt hätten.

Es hat manchen Menschen gegeben, der aus freier FaustBrücken und Hängewerke und gar künstliche Sachen gebaut hat.Es geht auch wohl eine Zeit lang; wenn er aber zu einergewissen Hohe gekommen und er von selbst auf mathematischeSchlüsse verfällt, so ist sein ganzes Talent fort, er arbeitesich denn durch die Wissenschaft durch wieder in die Freiheithinein.

So ist es mir unmöglich gewesen, seit ich zuerst mich überdie besondern Erscheinungen bei der Mischung der drei Farbenverwunderte, mich zu beruhigen, bis ich ein gewisses Bild vonder ganzen Farbenwelt hatte, welches groß genug wäre, umalle Verwandlungen und Erscheinungen in sich zu schließen.

Es ist ein sehr natürlicher Gedanke für einen Maler, wenner zu wissen begehrt, indem er eine schöne Gegend sieht oderauf irgend eine Art von einem Effect in der Natur angesprochenwird, aus welchen Stoffen gemischt dieser Effect wiederzugebenwäre. Dieß hat mich wenigstens angetrieben, die Eigenheitender Farben zu studiren, und ob es möglich wäre, so tief einzu-dringen in ihre Kräfte, damit es mir deutlich würde, was sieleisten oder was durch sie gewirkt wird oder was auf sie wirkt.Ich hoffe, daß Sie mit Schonung einen Versuch ansehen, denich bloß aufschreibe, um Ihnen meine Ansicht deutlich zu machen,die, wie ich doch glaube, sich praktisch nur ganz auszusprechenvermag. Indeß hoffe ich nicht, daß es für die Malerei unnützist, oder nur entbehrt werden kann, die Farben von dieser Seiteanzusehen; auch wird diese Ansicht den Physicalischen Versuchen,etwas Vollständiges über die Farben zu erfahren, weder wider-sprechen noch sie unnöthig machen.

Da ich Ihnen hier aber keine unumstößlichen Beweise vor-legen kann, weil diese auf eine vollständige Erfahrung begründetseyn müssen, so bitte ich nur, daß Sie auf Ihr eigenes Gefühlsich reduciren möchten, um zu verstehen, wie ich meinte, daßein Maler mit keinen andern Elementen zu thun hätte als mitdenen, die Sie hier angegeben finden.

1) Drei Farben, Gelb, Roth und Blau, giebt es be-kanntlich nur. Wenn wir diese in ihrer ganzen Kraft an-nehmen, und stellen sie uns wie einen Lirkel vor, z. B. (siehedie Tafeln)