Didaktischer Theil.
197
ohne jedoch weder Tubus noch Spiegel zu bescheinen, das Kreuzzu schwanken anfängt, sich verändert, und zuletzt in das ent-gegengesetzte mit umgekehrten Farben sich verwandelt. DiesesRäthsel wird nur bei völlig heiterm Himmel im Freien gelös't.
Man wende bei Sonnenaufgang den Apparat gegenWesten, das schönste weiße Kreuz wird erscheinen; man wendeden Cnbns gegen Süden und Norden, und das schwarze Kreuzwird sich vollkommen abspiegeln. Und so richtet sich nun dieserWechsel den ganzen Tag über nach jeder Sonnenstellung: dieder Sonne entgegengesetzte Himmelsgegend giebt immer dasweiße Kreuz, weil sie das directe Licht reflectirt; die anderSeite liegenden Himmelsgegenden geben das schwarze Kreuz,weil sie das oblique Licht zurückwerfen. Zwischen den Haupt-gegenden ist die Erscheinung als Uebergang schwankend.
Je höher die Sonne steigt, desto zweifelhafter wird dasschwarze Kreuz, weil bei hohem Sonnenstände der Seiten-himmel beinahe directes Licht reflectirt. Stünde die Sonne imZenith, im reinen blauen Aether, so müßte von allen Seitendas weiße Kreuz erscheinen, weil das Himmelsgewölbe vonallen Seiten directes Licht zurückwürfe.
Unser meist getrübter Atmvsphärenzustand wird aber denentscheidenden Hauptversuch selten begünstigen; mit destogrößerm Eifer fasse der Naturfreund die glücklichen Momente,und belehre sich an hinderlichen und störenden Zufälligkeiten.
Wie wir diese Erscheinungen, wenn sie sich bestätigen, zuGunsten unserer Farbenlehre deuten, kann Freunden derselbennicht verborgen seyn; was der Physik im ganzen hieraus Guteszuwüchse, werden wir uns mit Freuden aneignen.
Mit Dank haben wir jedoch sogleich zu erkennen, wie sehrwir durch belehrende Unterhaltung, vorgezeigte Versuche, mit-getheilten Apparat durch Hern: Geheimen Hofrath Boigt beiunserm Bemühen in diesen Tagen gefördert worden.
Jena, den 8. Juni 1817.
Lntoptische Farben.
Ansprache.
Bei diesem Geschäft erfuhr ich, wie mehrmals im Leben,günstiges und ungünstiges Geschick, fördernd und hindernd.Nun aber gelange ich, nach zwei Jahren, an demselben Tagezu eben demselben Ort, wo ich, bei gleich heiterer Atmosphäre,die entscheidenden Versuche nochmals wiederholen kann. Mögemir eine hinreichende Darstellung gelingen, wozu ich michwenigstens wohl zubereitet fühle. Ich war indessen nicht müßigund habe immerfort versucht, erprobt und eine Bedingungnach der andern ausgeforscht, unter welchen die Erscheinungsich offenbaren möchte.
Hierbei muß ich aber jener Beihülfe dankbar anerkennendgedenken, die mir von vorzüglichen wissenschaftlichen Freundenbisher gegönnt worden. Ich erfreute mich des besondern An-theils der Herren Döbereiner, Hegel, Körner, Lenz,Noux, Schnitz, Seebeck, Schweigger, Boigt. Durchgründlich motivirten Beifall, warnende Bemerkungen, Beitrageingreifender Erfahrung, Mittheilung natürlicher, Bereitungkünstlicher Körper, durch Verbesserung und Bereicherung des
Apparats und genaueste Nachbildung der Phänomene, wie siesich steigern und Schritt für Schritt vermannigfaltigen, wardich von ihrer Seite höchlich gefördert. Von der meinen ver-fehlte ich nicht, die Versuche fleißig zu wiederholen, zu ver-einfachen, zu vermannichfaltigen, zu vergleichen, zu ordnenund zu verknüpfen. Und nun wende ich mich zur Darstellungselbst, die auf vielfache Weise möglich wäre, sie aber gegen-wärtig unternehme, wie sie mir gerade zum Sinne Paßt;früher oder später wäre sie anders ausgefallen.
Freilich müßte sie mündlich geschehen, bei Vorzeigung allerVersuche, wovon die Rede ist: denn Wort und Zeichen sindnichts gegen sicheres, lebendiges Anschauen. Möchte sich derApparat, diese wichtigen Phänomene zu vergegenwärtigen,einfach und zusammengesetzt, durch Thätigkeit geschickter Mecha-niker von Tag zu Tag vermehren.
Uebrigens hoffe ich, daß man meine Ansicht der Farbenüberhaupt, besonders aber der physischen kenne; denn ichschreibe Gegenwärtiges als einen meiner Farbenlehre sich un-mittelbar anschließenden Aussatz, und zwar am Ende derzweiten Abtheilung, hinter dem 485. Paragraph, Seite 31.
Jena, den M. Juli 182V.
1 .
Woher benannt?
Die entoptischen Farben haben bei ihrer Entdeckung diesenNamen erhalten nach Analogie der übrigen mehr oder wenigerbekannten und anerkannten physischen Farben, wie wir solchein dem Entwurf einer Farbenlehre sorgfältig aufge-führt. Wir zeigten nämlich daselbst zuerst dioptrische Farbenohne Refraction, die aus der reinen Trübe entspringen,dioptrische mit Refraction, die prismatischen nämlich, bei welchenzur Brechung sich noch die Begränzung eines Bildes nöthigmacht; katoptrische, die aus der Oberfläche der Körperdurch Spiegelung sich zeigen; Par optische, welche sich zudem Schatten der Körper gesellen; ep optische, die sich aufder Oberfläche der Körper unter verschiedenen Bedingungenflüchtig oder bleibend erweisen; die nach der Zeit entdecktenwurden ent optische genannt, weil sie innerhalb gewisserKörper zu schauen sind, und damit sie, wie ihrer Natur, alsoauch dem Namensklange nach, sich an die vorhergehenden an-schlössen. Sie erweiterten höchst erfreulich unsern Kreis, gabenund empfingen Aufklärung und Bedeutung innerhalb desherrlich ausgestatteten Bezirks.
II.
Wie sie entdeckt worden?
In Gefolg der Entdeckungen und Bemühungen Französi-scher Physiker, Malus, Biet und Arago, im Jahre 1809,über Spiegelung und doppelte Strahlenbrechung, stellte Seebeckim Jahre 1812 sorgfältige Versuche wiederholend und fort-schreitend an. Jene Beobachter hatten schon bei den ihrigen,die sich auf Darstellung und Aufhebung der Doppelbilder desKalkspaths hauptsächlich bezogen, einige Farbenerscheinungenbemerkt. Auch Seebeck hatte dergleichen gesehen; weil er sichaber eines unbequemen Spiegelapparates mit kleiner Oeffnnngbediente, so ward er die einzelnen Theile der Figuren gewahr,