Didakttscher Theil,
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und Licht stehen einander urrnfänglich entgegen, eins demandern ewig fremd; nur die Materie, die in und zwischen beidesich stellt, hat, wenn sie körperhaft undurchsichtig ist, eine be-leuchtete und eine finstere Seite, bei schwachem Gegenlicht abererzeugt sich erst der Schatten. Ist die Materie durchscheinend,so entwickelt sich in ihr, im Helldunkeln, Trüben, in Bezugans's Auge das, was wir Farbe nennen.
Diese, so wie Hell und Dunkel, manifestirt sich überhauptin polaren Gegensätzen. Sie können aufgehoben, neutralisirt,indifserenziirt werden, so daß beide zu verschwinden scheinen;aber sie lassen sich auch umkehren, und diese Umwendung istallgemein, bei jeder Polarität, die zarteste Sache von der Welt.Durch die mindeste Bedingung kann das Plus in Minus, dasMinus in Plus verwandelt werden. Dasselbe gilt also auchvon den entoptischen Erscheinungen, Durch den geringstenAnlaß wird das weiße Kreuz in das schwarze, das schwarze indas weiße verwandelt, und die begleitenden Farben gleichfallsin ihre geforderten Gegensätze umgekehrt. Dieses aber aus-einanderzulegen ist gegenwärtig unsere Pflicht. Man laste denHauptbegriff nicht los, und man wird, bei aller Veränderlich-keit, die Grunderschcinnng immer wieder finden.
IX.
Nordliindische Atmosphäre selten klar.
Ist nun die uranfängliche Erscheinung an dem klarsten,reinsten Himmel zu suchen, so läßt sich leicht einsehen, daß wirin unsern Gegenden nur selten eine vollkommene Anschauungzu gewinnen im Falle sind. Nur langsam entdeckte man dieHanptbedingung, langsamer die Nebenumsiände, welche dasGrundgesetz abermals gesetzmäßig bedingen, und mehrfach irre-führende Ab- und Ausweichungen verursachen.
X.
Beständiger Bezug aus den Sonnenstand.
Die Sonne, welche hier weder als leuchtender Körper nochals Bild in Betracht kommt, bestimmt, indem sie den auch inseinem reinsten Zustande immer für trüb zu haltenden Luftkreiserhellt, die erste Grundbedingung aller entoptischen Farben;der directe Widerschein der Sonne giebt immer das weiße, derrechtwinkelige, oblique das schwarze Kreuz: dieß muß man zuwiederholen nicht müde werden, da noch manches dabei inBetracht zu ziehen ist.
XI.
Theilung des Himmels in vier gleiche oder ungleicheTheile.
Daraus folgt nun, daß nur in dem Moment der Sonnen-gleiche, bei Aufgang und Untergang, die oblique Erscheinunggenau auf den Meridian einen rechten Winkel bilde. ImSonimer, wo die Sonne nordwärts rückt, bleibt die Erschei-nung in sich zwar immer rechtwinkelig, bildet aber mit demMeridian und, im Verlauf des Tages, mit sich selbst geschobeneAndreaskreuze.
XII.
Höchster Sonnenstand.
Zu Johanni, um die Mittagsstunde, ist der hellste Moment.Bei Lulmination der Sonne erscheint ein weißes Kreuz rings
um den Horizont. Wir sagen deßhalb, daß in solcher Stellungdie Sonne rings um sich her directcn Widerschein in dem Luft-kreis bilde. Da aber bei polaren Erscheinungen der Gegensatzimmer sogleich sich manifestiern muß, so findet man, da wo esam wenigsten zu suchen war, das schwarze Kreuz unfern vonder Sonne. Und es muß sich in einem gewissen Abstand vonihr ein unsichtbarer Kreis obliquen Lichtes bilden, den wir nurdadurch gewahr werden, daß dessen Abglanz im Cubns dasschwarze Kreuz hervorbringt.
Sollte man in der Folge den Durchmesser dieses Ringesmessen wollen und können, so würde sich wohl finden, daß ermit jenen sogenannten Höfen um Sonne und Mond in Ver-wandtschaft stehe. Ja wir wagen ausznsprcchen, daß die Sonneam klarsten Tage immer einen solchen Hof potvntia um sichhabe, welcher, bei nebelartiger, leichtwolkiger Verdichtung derAtmosphäre, sich vollständig oder theilweise, größer oder kleiner,farblos oder farbig, ja zuletzt gar mit Sounenbildcrn geschmückt,meteorisch wiederhol! und durchkreuzt, mehr oder weniger voll-kommen darstellt.
XIII.
Tiefe Nacht.
Da unsere entoptischen Erscheinungen sämmtlich aus demWiderschein der Sonne, den uns die Atmosphäre zusendet,beruhen, so war zu folgern, daß sie sich in den kürzesten Nächtensehr spät noch zeigen würden; und so fand sich's auch. Am18. Juli Nachts halb 10 Uhr war das schwarze Kreuz desVersuches VI noch sichtbar, am 23. August schon um 8 Uhrnicht mehr. Das weiße Kreuz, welches ohnehin im zweifel-haften Falle etwas schwerer als das schwarze darzustellen ist,wollte sich mir nicht offenbaren; zuverlässige Freunde versichernmich aber, es zu gleicher Zeit gesehen zu haben.
XIV.
Umwandlung durch trübe Mittel.
Zu den ersten Beobachtungen und Versuchen haben wirden klarsten Himmel gefordert: denn es war zu bemerken, daßdurch Wolken aller Art das Phänomen unsicher werden könne.Um aber auch hierüber zu einiger Gesetzlichkeit zu gelangen,beobachtete man die verschiedensten Zustände der Atmosphäre;endlich glückte folgendes. Man kennt die zarten, völlig gleichausgetheilten Herbstnebel, welche den Himmel mit reinem,leichtem Schleier, besonders des Morgens, bedecken, und dasSonnenbild entweder gar nicht oder doch nur strahlenlos durch-scheinen lassen. Bei einer auf diese Weise bedeckten Atmosphäregiebt sowohl die Sonnenseite als die gegenüberstehende dasschwarze Kreuz, die Seitenregionen aber das weiße.
An einem ganz heitern stillen Morgen in Carlsbad, An-fangs Mai 1820, als der Rauch, aus allen Essen aufsteigend,sich über dem Thal sanft zusammenzog und nebelartig vor derSonne stand, konnte ich bemerken, daß auch dieser Schleier ander Sonnenseite das weiße Kreuz in das schwarze verwandelte,anstatt daß aus der reinen Westseite über dem Hirschsprung dasweiße Kreuz in völliger Klarheit bewirkt werde.
Ein gleiches erfuhr ich, als ein verästeter, verzweigter Luft-baum sich, vor und nach Aufgang der Sonne, im Osten zeigte;er kehrte die Erscheinung um wie Nebel und Rauch.
Völlig überzogener Regenhimmel kehrte die Erscheinung