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Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Zur Farbenlehre

folgendermaaßen un>. Die Ostseite gab das schwarze Kreuz,die Süd- und Nordseite das weiße; die Westseite, ob sie gleichauch überzogen war, hielt sich dem Gesetz gemäß und gab dasweiße Kreuz.

Nun hatten wir aber auch, zu unserer großen Zufrieden-heit, einen uralten, sehr getrübten Metallspiegel gefunden,welcher die Gegenstände zwar noch deutlich genug, aber dochsehr verdüstert wiedergiebt. Auf diesen brachte man den Cubusund richtete ihn bei dem klarsten Zustand der Atmosphäre gegendie verschiedenen Himmelsgegenden. Auch hier zeigte sich dasPhänomen umgekehrt: der directe Widerschein gab das schwarze,der oblique das weiße Kreuz; und daß es ja an Mannichfaltig-keit der Versuche nicht fehle, wiederholte mau sie bei rein ver-breitetem Nebel; nun gab die Sonnenseite und ihr directerWiderschein das weiße, die Seiteuregionen aber das schwarzeKreuz. Von großer Wichtigkeit scheinen uns diese Betrachtungen.

XV.

Rückkehr zu den cntoptischen Gläsern.

Nachdem wir nun die eutoptischen Körper zuerst in ihremeinfachen Zustand benutzt und vor allen Dingen in den Hohenund Tiefen der Atmosphäre den eigentlichen Urquell der Er-scheinungen zu entdecken, auch die polare Umkehruug derselbentheils auf natürlichem, theils auf künstlichem Wege zu verfolgengesucht, so wenden wir uns nun abermals zu gedachten Kör-pern, an denen wir die Phänomene nachgewiesen, um nunauch die mannichfaltigen Bedingungen, welchen diese Vermitt-ler unterworfen sind, zu erforschen und aufzuzählen.

XVI.

Nähere Bezeichnung der cntoptischen Erscheinung.

Um vorerst das Allgemeinste auszusprechen, so läßt sichsagen, daß wir Gestalten erblicken, von gewissen Farben be-gleitet, und wieder Farben an gewisse Gestalten gebunden,welche sich aber beiderseits nach der Form des Körpers richtenmüssen.

Sprechen wir von Tafeln, und es sey ein Viereck gemeint,gleichseitig, länglich, rhombisch, es sey ein Dreieck jeder Art,die Platte sey rund oder oval, jede regelmäßige so wie jedezufällige Form nöthigt das erscheinende Bild, sich nach ihr zubequemen, welchem denn jedesmal gewisse gesetzliche Farbenanhängen. Von Körpern gilt dasselbige, was von Platten.

Das einfachste Bild ist dasjenige, was wir schon genugsamkennen; es wird in einer einzelnen viereckten Glasplatte her-vorgebracht. Vier dunkle Punkte erscheinen in den Ecken desQuadrats, die einen weißen kreuzförmigen Raum zwischen sichlassen; die Umkehrung zeigt uns helle Punkte in den Ecken desQuadrats, der übrige Raum scheint dunkel.

Dieser Anfang des Phänomens ist nur wie ein Hauch, zwardeutlich und erkennbar genug, doch größerer Bestimmtheit,Steigerung, Energie und Mannichfaltigkcit fähig, welches alleszusammen durch Vermehrung auf einander gelegter Plattenhervorgebracht wird.

Hier merke man nun aus ein bedeutendes Wort: die dun-keln und hellen Punkte sind wie Quellpunkte anzusehen, diesich aus sich selbst entfalten, sich erweitern, sich gegen die Mittedes Quadrats hindrängen, erst bestimmtere Kreuze, dann

Kreuz nach Kreuzen, bei Vermehrung der auf einander gelegt«Platten, vielfach hervorbringen.

Was die Farben betrifft, so entwickeln sie sich nach demallgemeinen, längst bekannten, noch aber nicht durchaus aner-kannten ewigen Gesetze der Erscheinungen in und an demTrüben; die hervortretenden Bilder werden unter eben den-selben Bedingungen gefärbt. Der dunkle Ouellpunkt, der sichnach der Mitte zu bewegt, und also über hellen Grund geführtwird, muß Gelb hervorbringen; da aber, wo er den hellenGrund verläßt, wo ihm der helle Grund nachrückt, sich überihn erstreckt, muß er ein Blau sehen lassen. Bewegen sich imGegenfalle die hellen Punkte nach dem Innern, Düstern, soerscheint vorwärts, gesetzlich, Blanroth, am Hintern Endehingegen Gelb und Gelbroth. Dieß wiederholt sich bei jedemneuentstehenden Kreuze, bis die hinter einander folgendenSchenkel nahe rücken, wo alsdann durch Vermischung derRänder Purpur und Grün entsteht.

Da nun durch Glasplatten, über einander gelegt, dieSteigerung gefördert wird, so sollte folgen, daß ein Cubusschon in seiner Einfachheit gesteigerte Figuren hervorbringe;doch dieß bewahrheitet sich nur bis auf einen gewissen Grad.Und obgleich derjenige, welcher sämmtliche Phänomene Zu-schauern und Zuhörern vorlegen will, einen soliden, guteneutoptischen Cubus nicht entbehren kann, so empfiehlt sich dochein Cubus von über einander befestigten Platten dem Liebhaberdadurch, weil er leichter anzuschaffen und noch überdieß diePhänomene auffallender darzustellen geschickt ist. Was vondreieckigen und runden Platten zu sagen wäre, lasten wir aussich beruhen; genug, wie die Form sich ändert, so ändert sichauch die Erscheinung; der Naturfreund wird sich dieses allesgar leicht selbst vor Augen führen können.

XVII.

Abermalige Steigerung.

Vorrichtung mit zwei Spiegeln.

Die im Vorhergehenden angezeigte gesteigerte, vcrmannich-faltigte Erscheinung können wir jedoch auf obige einfache Weisekaum gewahr werden; es ist daher eine dritte, zusammenge-setztere Vorrichtung nöthig.

Wir bilden unsern Apparat aus zwei angeschwärzten, zueinander gerichteten, einander antwortenden Spiegeln, zwischenwelchen der Cubus angebracht ist. Der untere Spiegel ist un-beweglich, so gestellt, daß er das Himmelslicht aufnehme undes dem Cubus zuführe; der obere ist aufgehängt, um eine per-pendiculare Achse beweglich, so daß er das Bild des von untenerleuchteten Cubus dem Zuschauer in's Auge bringe. Hängter gleichnamig mit dem untern, so wird man die helle Erschei«nung sehen; wendet man ihn nach der Seite, so obliquirt erdas Licht, zeigt es obliquirt, und wir sehen das schwarze Kreuz,sodann aber bei der Achtelswendung schwankende Züge.

Manche andere spiegelnde Flächen, die wir durchversucht,Fensterscheiben, farbiges Glas, geglättete Oberflächen jederArt, bringen die Wirkung des untern Spiegels hervor; auchwird sie wenig geschwächt noch verändert, wenn wir die atmo-sphärische Beleuchtung erst auf eine Glastafel, von da aber aufden einfachen oder zusammengesetzten Apparat fallen lassen.

Das klarste Licht des Vollmonds erhellt die Atmosphäre zu