Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Aur Fardenlehrc

bedingen, daß künstliche Wirkungen, jenen natürlichen ähnlich,hervorgebracht werden konnten.

Hierbei war freilich sehr viel gewonnen: man hatte einenäußern, künstlichen Apparat, wodurch man den innern, natür-lichen nachahmen, controliren und beide gegeneinander ver-gleichen konnte.

Nach deni Gange unserer Darstellung haben wir zuerst denkünstlichen Apparat, in seiner größten Einfalt, mit der Naturin Rapport gesetzt, wir haben den Urquell aller dieser Er-scheinungen in der Atmosphäre gefunden, sodann unsere Vor-richtungen gesteigert, um das Phänomen in seiner größtenAusbildung darzustellen; nun gehen wir zu den natürlichen,durchsichtigen, krystallisirten Körpern über, und sprechen alsovon ihnen aus, daß die Natur in das Innerste solcher Körpereinen gleichen Spiegelapparat aufgebaut habe, wie wir es mitäußerlichen, Physisch-mechanischen Mitteln gethan, und esbleibt uns noch zu zeigen Pflicht, wie die doppelt refrangirendenKörper gerade die sämmtlichen uns nun schon bekannten Phä-nomene gleichfalls hervorbringen; daß wir daher, wenn wirihren natürlichen Apparat mit unserm künstlichen verbinden,die anmuthigsten Erscheinungen vor Augen zu stellen fähig sind.Auch hier werden wir ans's einfachste verfahren und nur dreiKörper in Anspruch nehmen, da sich die Erscheinung bei andernähnlichen immerfort wiederholen muß und wiederholt. Diesedrei Körper aber sind der Glimmer, das Fraueneis und derrhombische Kalkspath.

XXIII.

Glimmerbliittchen.

Die Glimmerblätter haben von der Natur den Spiegelungs-apparat in sich und zugleich die Fähigkeit, entoptische Farbenhervorzubringen; deßhalb ist es so bequem als lehrreich, siemit unsern künstlichen Vorrichtungen zu verbinden.

Um nun das Glimmerbliittchen an und für sich zu unter-suchen, wird es allein zwischen beide, vorerst parallel gestellteSpiegel gebracht, und hier entdecken sich nach und nach die füruns so merkwürdigen Eigenschaften.

Man bewege das Blättchen hin nnd her, und der Beschauerwird sogleich bemerken, daß ihm das Gesichtsfeld bald Heller,bald dunkler erscheine; ist er recht aufmerksam nnd die Eigen-schaft des Glimmerblättchens vollkommen zusagend, so wird ergewahr werden, daß die helle Erscheinung von einem gelblichen,die dunkle von einem bläulichen Hauch begleitet ist. Wir greifennun aber zu einer Vorrichtung, welche uns dient, genauereVersuche vorzunehmen.

Wir stellen den entoptischen Cubus zwischen die zwei Pa-rallelen Spiegel an den gewohnten Ort, legen das Glimmer-blatt darauf und bewegen es hin und her; auch hier findet dieAbänderung vom Hellen in'ö Dunkle, vom Gelblichen in'sBläuliche statt; dieses aber ist zugleich mit einer Umkehrungder Formen nnd der Farben in dem Cubus verbunden. Einsolches nun geschieht durch innere Spiegelung des Glimmers,da unsere äußern Spiegel unbewegt bleiben. Um nun hierüberferner in's Klare zu kommen, verfahre man folgendermaaßen.Man wende das auf dem Tubus liegende Blättchen so langehin nnd her, bis die Erscheinung des weißen Kreuzes voll-kommen rein ist, als wenn sich nichts zwischen dem Cubus und

unsern Augen befände. Nun zeichne man mit einer scharf ein-schneidenden Spitze auf das Glimmerblatt einen Strich an derSeite des Cubus, die mit uns parallel ist, her, und schneidemit der Scheerc das Glimmerblatt in solcher Richtung durch.Hier haben wir nun die Basis unserer künftigen Operationen.Man drehe nun das Glimmerblatt immer horizontal auf demCubus bedächtig herum, und man wird erst Figur und Farbeiin Schwanken, endlich aber die völlige Umkehrung, das schwarzeKreuz, erblicken. Nun zeichne man die gegenwärtige Lage desGlimmcrblattes zu der uns immer noch parallelen Seite desCubus nnd schneide auch in dieser Richtung das Glimmerblattdurch, so wird man einen Winkel von 135 Graden mit derGrundlinie finden; hiernach läßt sich nun, ohne weiteres em-pirisches Hernmtasten, sogleich die Form der Tafel angeben,welche uns künftig sämmtliche Phänomene gesetzlich zeigen soll;es ist die, welche wir einschalten.

Hier sehen wir nun ein größeres Quadrat, aus dem sichzwei kleinere entwickeln, und sagen, um beim Bezeichnen unsererVersuche alle Buchstaben und Zahlen zu vermeiden: der Be-schauer halte die längere Seite Parallel mit sich, so wird er dielichte Erscheinung erblicken; wählt man die schmale Seite, sohaben wir die finstere Erscheinung.

Die etwas umständliche Bildung solcher Tafeln können wiruns dadurch erleichtern, wenn wir, nach obiger Figur, eineKarte ausschneiden und sie unter die Spiegel, die lange Seiteparallel mit uns haltend, bringen, auf derselben aber dasGlimmerblatt hin und her bewegen, bis wir die helle Er-scheinung vollkommen vor uns sehen. Klebt man in diesemMoment das Blättchen an die Karte fest, so dient uns derAusschnitt als sichere Norm bei allen unsern Versuchen.

Wenn wir nun die Erscheinungen sämmtlich mehrmalsdurchgehen, so finden wir Blättchen, welche uns entschiedenenDienst leisten und das Phänomen vollkommen umkehren; andereaber bringen es nicht völlig dazu, sie erregen jedoch ein starkesSchwanken. Dieses ist sehr unterrichtend, indem wir nundaraus lernen, daß die bekannten Kreuze nicht etwa aus zweisich durchschneidenden Linien entstehen, sondern aus zwei Haken,welche sich, aus den Ecken hervor, gegen einander bewegen,wie es bei den Chladnischen Tonfiguren der Fall ist, wo solcheHaken gleichfalls von der Seite hercinstreben, um das Kreuzim Sande auszubilden.

Ferner ist zu bemerken, daß es auch Glimmerblättchen gebe,welche kaum eine Spur von allen diesen Erscheinungen bemerkenlassen. Diese Art ist, da die übrigen meist farblos, wie Glastafeln,anzusehen sind, auch in ihren feinsten Blättern tombackbraun;die meinigcn sind von einer großen Glimmersäule abgetrennt.

Schließlich haben wir nun noch einer sehr ausfallendenFarbcnerscheinung zu gedenken, welche sich unter folgendenBedingungen erblicken läßt. Es giebt Glimmerblätter, vor-geschriebener Maaßen als sechsseitige Tafeln zugerichtet, diesezeigen in der ersten Hanptrichtung, d. h. die längere Seite pa-rallel mit dem Beobachter gelegt, keine besondere Farbe, als