Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Didaktischer Theil.

205

Formen und Farben zeigen, uns nur an's Phänomen gehalten,ohne weiter darauf einzugehen, ob sich ausmitteln lasse, wo-durch denn diese Erscheinung eigentlich bewirkt werde. Da wirnun jedoch erfahren, daß gleiche Phänomene innerhalb natür-licher Körper zu bemerken sind, deren integrirende Theiledurch eigenthümliche Gestalt und wechselseitige Richtung gleich-falls Formen und Farben hervorbringen, so dürfen wir nunauch weiter gehen und aussuchen, welche Veränderung innerhalbder Glasplatten bei schnellem Abkühlen sich ereignen und ihnenjene bedeutend anmuthige Fähigkeit ertheilen möchte?

Es läßt sich beobachten, daß in Glastafeln, indem sie er-hitzt werden, eine Undulation vorgehe, die bei allmähligemAbkühlen verklingt und verschwindet. Durch einen solchen ge-ruhigen Uebergang erhält die Masse eine innere Bindung, Con-sistenz und Kraft, um, bis auf einen gewissen Grad, äußererGewalt widerstehen zu können. Der Bruch ist muschelich, undman könnte diesen Zustand, wenn auch-uneigentlich, zähnennen.

Ein schnelles Abkühlen aber bewirkt das Gegentheil: dieSchwingungen scheinen zu erstarren, die Masse bleibt innerlichgetrennt, spröde, die Theile stehen neben einander und, ob-gleich vor wie nach durchsichtig, behält das Ganze etwas, dasman Punctualität genannt hat. Durch den Demant geritzt,bricht die Tafel reiner als eine des langsam abgekühlten Glases;sie braucht kaum nachgeschliffen zu werden.

Auch zerspringen solche Gläser entweder gleich oder nachher,entweder von sich selbst oder veranlaßt. Man kennt jene Fla-schen und Becher, welche durch hineingeworfene Steinchenrissig werden, ja zerspringen.

Wenn von geschmolzenen Glastropfen, die man zu schnell-ster Verkühlung in's Wasser fallen ließ, die Spitze abgebrochenwird, zerspringen sie und lassen ein pulverartiges Wesen zu-rück; darunter findet ein aufmerksamer Beobachter einen nochzusammenhängenden kleinen Bündel stängeliger Krystallisation,die sich um das in der Mitte eingeschlossene Luftpünktchen bildete.Eine gewisse Solutio eoutiimi ist durchaus zu bemerken.

Zugleich mit diesen Eigenschaften gewinnt nun das Glasdie Fähigkeit, Figuren und Farben in seinem Innern sehen zulassen. Denke man sich nun jene beim Erhitzen beobachtetenSchwingungen unter dem Erkalten sixirt, so wird man sichnicht mit Unrecht dadurch entstehende Hemmungspunkte, Hem-mungslinien einbilden können und dazwischen freie Räume,sämmtlich in einem gewissen Grade trüb, so daß sie bezugs-weise, bei veränderter Lichteinwirkung, bald hell bald dunkelerscheine» können.

Kaum aber haben wir versucht, uns diese wundersameNatnrwirknng einigermaaßen begreiflich zu machen, so werdenwir abermals weiter gefördert; wir finden unter andern ver-änderten Bedingungen wieder neue Phänomene. Wir erfahrennämlich, daß diese Hemmungspunkte, diese Hemmungslinienin der Glaötafel nicht unauslöschlich sixirt und für immer be-festigt dürfen gedacht werden: denn obschon die ursprünglicheFigur der Tafel vor dem Glühen den Figuren und Farben,die innerhalb erscheinen sollen, Bestimmung giebt, so wirddoch auch, nach dem Glühen und Verkühlen, bei veränderterForm die Figur verändert. Man schneide eine viereckte Plattemitten durch und bringe den parallelepipedischen Theil zwischendie Speigel, so werden abermals vier Punkte in den Ecken

erscheinen, zwei und zwei weit von einander getrennt und, vonden langen Seiten herein, der helle oder dunkle Raum vielbreiter als von den schmalen. Schneidet man eine viereckteTafel in der Diagonale durch, so erscheint eine Figur, der-jenigen ähnlich, die sich fand, wenn man Dreiecke glühte.

Suchten wir uns nun vorhin mit einer mechanischen Vor-stellungsart durchzuhelfen, so werden wir schon wieder in einehöhere, in die allgemeine Region der ewig lebenden Natur ge-wiesen ; wir erinnern uns, daß das kleinste Stück eines zer-schlagenen magnetischen Eisensteins eben so gut zwei Pole zeigtals das ganze.

XXIX.

Umsicht.

Wenn es zwar durchaus räthlich, ja höchst nothwendig ist,das Phänomen erst an sich selbst zu betrachten, es in sich selbstsorgfältig zu wiederholen und solches von allen Seiten aber-und abermals zu beschauen, so werden wir doch zuletzt ange-trieben, uns nach außen zu wenden und, von unserm Stand-punkte aus, allenthalben umherzublicken, ob wir nicht ähnlicheErscheinungen zu Gunsten unseres Vernehmens auffindenmöchten; wie wir denn so eben an den so weit abgelegenenMagneten zu gedenken unwillkürlich genöthigt worden.

Hier dürfen wir also die Analogie als Handhabe, als Hebel,die Natur anzufassen und zu bewegen, gar wohl empfehlen und»»rühmen. Man lasse sich nicht irre machen, wenn Analogiemanchmal irre führt, wenn sie, als zu weit gesuchter willkür-licher Witz, völlig in Rauch ausgeht. Verwerfen wir fernernicht ein heiteres, humoristisches Spiel mit den Gegenständen,schickliche und unschickliche Annäherung, ja Verknüpfung desEntferntesten, womit man uns in Erstaunen zu setzen, durchEontrast auf Lontrast zu überraschen trachtet. Halten wir unsaber zu unserm Zweck an eine reine, methodische Analogie,wodurch Erfahrung erst belebt wird, indem das Abgesonderteund entfernt Scheinende verknüpft, dessen Identität entdecktund das eigentliche Gesammtleben der Natur auch in derWissenschaft nach und nach empfunden wird.

Die Verwandtschaft der entoptischen Figuren mit den übri-gen physischen haben wir oben schon angedeutet; es ist dienächste, natürlichste, und nicht zu verkennen. Nun müssen wiraber auch der physiologischen gedenken, welche hier in voll-kommener Kraft und Schönheit hervortreten. Hieran findenwir abermals ein herrliches Beispiel, daß alles im Universumzusammenhängt, sich auf einander bezieht, einander antwortet.Was in der Atmosphäre vorgeht, begiebt sich gleichfalls in desMenschen Auge, und der entoptische Gegensatz ist auch derphysiologische. Man schaue in dem obern Spiegel des drittenApparats das Abbild des unterliegenden Cubus; man nehmesodann diesen schnell hinweg, ohne einen Blick vom Spiegel zuverwenden, so wird die Erscheinung, die helle wie die dunkle,als gespenstiges Bild, umgekehrt im Auge stehen, und dieFarben zugleich sich in ihre Gegensätze verwandeln, das Braun-lichgelb in Blau, und umgekehrt, dem natursinnigen Forscherzu großer Freude und Kräftigung.

Sodann aber wenden wir uns zur allgemeinen Naturlehre,und versichern nach unserer Ueberzeugung folgendes. Sobalddie verschiedene Wirkung des directen und obliquen Widerscheinseingesehen, die Allgemeinheit jenes Gesetzes anerkannt seyn