Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Zur Farbenlehre.

halte sie flach vor sich gegen das Licht; man wird Figuren undGrund deutlich unterscheiden. In einem Fall sieht man denGrund dunkel und die Figuren hell; kehre man die Servietteim rechten Winkel nunmehr gegen das Licht, so wird der Grundhell, die Figuren aber dunkel erscheinen; wendet man dieSpitze gegen das Licht, daß die Fläche diagonal erleuchtet wird,so erblickt man weder Figuren noch Grund, sondern das Ganzeist von einem gleichgültigen Schimmer erleuchtet.

Diese Erscheinung beruht auf dem Princip der Damast-weberei, wo, das nach Borschrist abwechselnde Muster darzu-stellen, die Fäden auf eine eigene Weise llber's Kreuz gerichtetsind, so daß die Gestalten hell erscheinen, wenn das Licht derFadenlänge nach zu unserm Auge kommt, dunkel aber von denFäden, welche quer gezogen sind. Die auf den Beschauer ge-richteten Fäden leiten das Licht bis zu den Augen und bringensolches direct zur Erscheinung, die durchkreuzenden dagegenführen das Licht zur Seite und müssen daher als dunkel oderbeschattet gesehen werden. In der Diagonale beleuchtet, führensie beide das Licht vom Auge abwärts und können sich nur alsgleichgültigen Schein manisestiren.

Hier geht nun eben dasselbe vor, was sich am großen Him-mel ereignet, und des Webers Geschicklichkeit verständigt unsüber die Eigenschaften der Atmosphäre. Zu meinen! Apparatließ ich durch eine geschickte Nähten» erst ein Damenbretmuster,woran sich die Erscheinung am entschiedensten zeigt, mit denzartesten Fäden sticken, sodann aber das entoptische Kreuz mitden Punkten in den Ecken, das man denn, je nachdem dieFläche gegen das Licht gerichtet ist, hell oder dunkel schauenkann.

XXXV.

Aehnelnde theoretische Ansicht.

Da wir uns bemühen, in dem Erfahrungskreise analogeErscheinungen aufzusuchen, so ist es nicht weniger wichtig, wennwenn wir auf Vorstellungsarten treffen, welche, theoretischausgesprochen, auf unsere Absicht einiges Licht werfen können.

Ein geistreicher Forscher hat die entoptischen Erscheinungenund die damit nahe verwandten Phänomene der doppelten Re-fraction dadurch aufzuklären getrachtet, daß er longitudinaleund transversale Schwingungen des Lichtes annahm. Da wirnun in der Damastweberei den Widerschein des Lichtes durchFäden bedingt sehen, welche theils der Länge, theils der Querenach zu unserm Auge gerichtet sind, so wird uns niemand ver-argen , wenn wir in dieser Denkart eine Annäherung an dieunsrige finden; ob wir gleich gern bekennen, daß wir jene Be-dingungen nach unserer Weise nicht im Licht als Licht, sondernam Lichte, das uns nur mit der erfüllten Räumlichkeit, mit derzartesten und dichtesten Körperlichkeit zusammentreffend er-scheinen kann, bewirkt finden.

XXXVI.

Gewässertes Seidenzeug.

Dieses wird erst in Riefen oder Maschen gewoben oder ge-strickt, und alsdann durch einen ungleich glättenden Druck der-gestalt geschoben, daß Höhen und Tiefen mit einander abwech-seln, wodurch bei verschiedener Richtung des Seidenzeugesgegen den Tag, der Widerschein bald unserm Auge zugewen-det , bald abgewendet wird.

XXXVII.

Gemodelte Zinnoberfläche.

Hierher gehört gleichfalls die mannichfaltige und wunder-sam erfreuliche Erscheinung, wenn eine glatte Zinnobsrflächedurch verdünnte Säuren angegriffen und dergestalt behandelt! wird, daß dendritische Figuren darauf entstehen. Der Beobach-ter stelle sich mit dem Rücken gegen das Fenster und lasse dasLicht von der einen Seite auf die verticale Tafel fallen, so wirdman den einen Theil der Zweige hell und erhöht, den anderndunkel und vertieft erblicken; nun kehre man sich leise herum,bis das Licht zur rechten Seite Hereintritt: das erste Helle wird^ nun dunkel, das Dunkle hell, das Erhöhte vertieft und be-schattet, das Vertiefte erhöht und erleuchtet in erfreulicherMannichfaltigkeit erscheinen. Solche Bleche, mit farbigem Lack-firniß überzogen, haben sich durch ihren anmuthigen Anblick zu? mancherlei Gebrauch empfohlen. Auch an solchen lackirtenFlächen läßt sich der Versuch gar wohl anstellen, doch ist esbesser, beim entoptischen Apparat der Deutlichkeit wegen unge-firnißte Bleche vorzuzeigen.

XXXVIII.

Oberfläche natürlicher Körper.

Alle diejenigen Steinarten, welche wir schillernde nennen,schließen sich hier gleichfalls an. Mehreres, was zum Feld-spath gerechnet wird, Adular, Labrador, Schriftgranit bringendas Licht durch Widerschein zum Auge, oder, anders gerichtet,leiten sie es ab. Man schleift auch wohl dergleichen Steineetwas erhaben, damit die Wirkung auffallender und abwech-selnder werde, und die helle Erscheinung gegen die dunkleschneller und kräftiger contrastire. Das Katzenauge steht hierobenan; doch lassen sich Asbeste und Selenite gleichmäßig zu-richten.

XXXIX.

Rückkehr und Wiederholung.

Nachdem wir nun die Bahn, die sich uns eröffnete, nachKräften zu durchlaufen gestrebt, kehren wir zum Anfang, zumUrsprung sämmtlicher Erscheinungen wieder zurück. Der Ur-quell derselben ist die Wirkung der Sonne auf die Atmosphäre,auf die unendliche blaue Räumlichkeit. In freiester Weltmüssen wir immer wieder unsere Belehrung suchen.

Bei heiterm Himmel, vor Aufgang der Sonne, sehen wirdie Seite, wo sie sich ankündigt, Heller als den übrigen Him-mel, der uns rein und gleich blau erscheint; eben dasselbe giltvom Untergänge. Die Bläue des übrigen Himmels erscheintuns völlig gleich. Tausendmal haben wir das reine, heitereGewölb des Himmels betrachtet, und es ist uns nicht in dieGedanken gekommen, daß es je eine ungleiche Beleuchtung Her-untersenden könne, und doch sind wir hierüber nunmehr durchVersuche und Erfahrungen belehrt.

Da wir nun aber über diese Ungleichheit der atmosphäri-schen Wirkung schon aufgeklärt waren, versuchten wir mitAugen zu sehen, was wir folgern konnten, es müsse nämlich imdirecten Gegenschein der Sonne der Himmel ein helleres Blauzeigen als zu beiden Seiten; dieser Unterschied war jedoch niezu entdecken, auch dem Landschaftsmaler nicht, dessen Augewir zum Beistand anriefen.