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Zur Farbenlehre.
verpflichtete, jene streitenden Elemente versöhnen und ordnenzu wollen. Auch wllrde dieses völlig unmöglich seyn, wenn mrnnicht vorher, wie von uns mit Sorgfalt geschehen, die Farben-phänomene in einer gewissen natürlichen Verknüpfung nacheinander aufgeführt und sich dadurch in den Stand gesetzt hätte,eine künstliche und willkürliche Stellung und Entstellung der-selben anschaulicher zu machen. Wir können uns nunmehr auseinen natürlichen Vortreg sogleich beziehen, und so in die größteVerwirrung und Verwicklung ein heilsames Licht verbreiten.Dieses ganz allein ist's, wodurch die Entscheidung eines Streitesmöglich wird, der schon über hundert Jahre dauert, und so ofter erneuert worden, von der triumphirenden Schule als ver-wegen, frech, ja als lächerlich und abgeschmackt weggewiesenund unterdrückt wurde.
7.
Wie nun eine solche Hartnäckigkeit möglich war, wird sichunsern Lesern nach und nach aufklären. Newton hatte durcheine künstliche Methode seinem Werk ein dergestalt strengesAnsehen gegeben, daß Kenner der Form es bewunderten undLaien davor erstaunten. Hierzu kam noch der ehrwürdige Scheineiner mathematischen Behandlung, womit er das Ganze auf-zustützen wußte.
8 .
Au der Spitze nämlich stehen Definitionen und Axiome,welche wir künftig durchgehen werden, wenn sie unsern Lesernnicht mehr imponiren können. Sodann finden wir Propo-sitionen, welche das immer wiederholt festsetzen, was zu be-weisen wäre; Theoreme, die solche Dinge aussprechen, dieniemand schauen kann; Experimente, die unter verändertenBedingungen immer das vorige wiederbringen, und sich mitgroßem Auswand in einem ganz kleinen Kreise herumdrehen;Probleme zuletzt, die nicht zu lösen sind, wie das alles in derweitem Ausführung umständlich darzuthun ist.
9.
Im Englischen führt das Werk den Titel: Oxtics, or uPrestige ob tiie keüeotiovs, kdelmotioiw, Ivüeetioim suäOolours ok lüß-llr. Obgleich das Englische Wort Optics einetwas naiveres Ansehen haben mag als das Lateinische Optio«und das deutsche Optik, so drückt es doch ohne Frage einenzu großen Umfang aus, den das Werk selbst nicht ausfüllt.Dieses handelt ausschließlich von Farbe, von farbigen Erschei-nungen; alles übrige, was das natürliche oder künstliche Sehenbetrifft, ist beinahe ausgeschlossen, und man darf es nur indiesem Sinne mit den optischen Lectionen vergleichen, sowird man die große Masse eigentlich mathematischer Gegen-stände, welche sich dort findet, vermissen.
10 .
Es ist nöthig, hier gleich zu Anfang diese Bemerkung zumachen: denn eben durch den Titel ist das Vorurtheil ent-standen, als wenn der Stoff und die Ausführung des Werkesmathematisch sey, da jener bloß Physisch ist und die mathe-matische Behandlung nur scheinbar; ja, beim Fortschritt derWissenschaft hat sich schon längst gezeigt, daß, weil Newtonals Physiker seine Beobachtungen nicht genau anstellte, auchseine Formeln, wodurch er die Erfahrungen aussprach, unzu-länglich und falsch befunden werden mußten, welches manüberall, wo von der Entdeckung der achromatischen Fernröhregehandelt wird, umständlich nachlesen kann.
11 .
Diese sogenannte Optik, eigentlicher Chromatik, bestehtaus drei Büchern, von welchen wir gegenwärtig nur das erste,das in zwei Theile getheilt ist, Polemisch behandeln. Wirhaben uns bei der Uebersetzung meistens des Englischen Ori-ginals in der vierten Ausgabe, London 1730, bedient, das ineinem natürlichen, naiven Styl geschrieben ist. Die LateinischeUebersetzung ist sehr treu und genau, wird aber durch dieRömische Sprachweise etwas pomphafter und dogmatischer.
12 .
Da wir jedoch nur Auszüge liefern und die sämmtlichenRewtonschen Tafeln nachstecheu zu lassen keinen Beruf fanden,so sind wir genöthigt, uns öfters auf das Werk selbst zu be-ziehen, welches diejenigen unserer Leser, die bei der Sachewahrhaft interessirt sind, entweder im Original oder in derUebersetzung zur Seite haben werden.
13.
Die wörtlich übersetzten Stellen, in denen der Gegnerselbst spricht, haben wir mit größerer Schrift, unsere Bemer-kungen aber mit der gewöhnlichen abdrucken lassen.
14.
Uebrigens. haben wir die Sätze, in welche unsere Arbeitsich theilen ließ, mit Nummern bezeichnet. Es geschieht dieseshier, so wie im Entwurf der Farbenlehre, nicht umdem Werke einen Schein höherer Consequenz zu geben, sondernbloß um jeden Bezug, jede Hinweisung zu erleichtern, welchesdem Freunde sowohl als dem Gegner angenehm seyn kann.Wenn wir künftig den Entwurf citiren, so setzen wir ein E.vor die Nummer des Paragraphen.
Zwischenrede.
15.
Vorstehendes war geschrieben und das Nachstehende zumgrößten Theil, als die Frage entstand, ob es nicht räthlich sey,mit wenigem gleich hier anzugeben, worin sich denn die Mei-nung, welcher wir zugethan sind, von derjenigen unterscheidet,die, von Newton herstammend, sich über die gelehrte und un-gelehrte Welt verbreitet hat.
16.
Wir bemerken zuerst, daß diejenige Denkweise, welche wirbilligen, uns nicht etwa eigenthümlich angehört oder als eineneue, nie vernommene Lehre vorgetragen wird. Es finden sichvielmehr von derselben in den frühern Zeiten deutliche Spuren,ja sie hat sich immer durch alle schwankenden Meinungen hin-durch, so manche Jahrhunderte her lebendig erhalten, und istvon Zeit zu Zeit wieder ausgesprochen worden, wovon unsdie Geschichte weiter nnterichten wird.
17.
Newton behauptet, in dem weißen farblosen Lichte überall,besonders aber in dem Sonnenlicht, seyen mehrere farbige (dieEmpfindung der Farbe erregende) verschiedene Lichter wirklichenthalten, deren Zusammensetzung das weiße Licht (die Em-pfindung des weißen Lichtes) hervorbringe.
18.
Damit aber diese Lichter zum Vorschein kommen, setzt erdem weißen Licht gar mancherlei Bedingungen entgegen,