Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Polemischer Theil.

213

durchsichtige Körper, welche das Licht von seiner Bahn ablenken,undurchsichtige, die es zurückwerfen, andere, an denen es her-geht; aber diese Bedingungen sind ihm nicht einmal genu^Er giebt den brechenden Mitteln allerlei Formen, den Raum,in dem er operirt, richtet er auf mannichfaltige Weise ein, erbeschränkt das Licht durch kleine Oeffnungen, durch winzigeSpalten, und bringt es aus hunderterlei Art in die Enge.Dabei behauptet er nun, daß alle diese Bedingungen keinenandern Einfluß haben, als die Eigenschaften, die Fertigkeiten(tlt8) des Lichtes rege zu machen, so daß dadurch sein Inneresaufgeschlossen werde, und was in ihm liegt, an den Tagkomme.

19.

Jene farbigen Lichter sind die integrirenden Theile seinesweißen Lichtes. Es kommt durch alle obgemeldeten Operationennichts zu dem Licht hinzu, es wird ihm nichts genommen,sondern es werden nur seine Fähigkeiten, sein Inhalt geoffen-bart. Zeigt es nun bei der Refraction verschiedene Farben,so ist es divers refrangibel: auch bei der Reflexion zeigt esFarben; deßwegen ist es divers reflexibel u. s. w. Jede neueErscheinung deutet auf eine neue Fähigkeit des Lichtes, sichauszuschließen, seinen Inhalt herzugeben.

20 .

Die Lehre dagegen, von der wir überzeugt sind, und vonder wir dießmal nur in sofern sprechen, als sie der Newtonschenentgegensteht, beschäftigt sich auch mit dem weißen Lichte. Siebedient sich auch äußerer Bedingungen, um farbige Erschei-nungen hervorzubringen; sie gesteht aber diesen BedingungenWerth und Würde zu, sie bildet sich nicht ein, Farben ausdem Licht zu entwickeln, sie sucht uns vielmehr zu überzeugen,daß die Farbe zugleich von dem Lichte und von dem, was sichihm entgegenstellt, hervorgebracht werde.

21 .

Also, um nur des Resractionsfalles, mit dem sich Newtonin der Optik vorzüglich beschäftigt, hier zu gedenken, so ist eskeineswegs die Brechung, welche die Farben aus dem Lichthervorlcckt, vielmehr bleibt eine zweite Bedingung unerläßlich,daß die Brechung aus ein Bild wirke und solches von der Stellewegrücke. Ein Bild entsteht nur durch Gränzen; diese Gränzenübersieht Newton ganz, ja er leugnet ihren Einfluß. Wir aberschreiben dem Bilde sowohl als seiner Umgebung, der hellenMitte sowohl als der dunkeln Gränze, der Thätigkeit sowohlals der Schranke in diesem Falle vollkommen gleiche Wirkungzu. Alle Versuche stimmen uns bei, und je mehr wir sie ver-mannichfaltigen, desto mehr wird ausgesprochen, was wir be-haupten, desto planer, desto klarer wird die Sache. Wir gehenvorn Einfachen aus, indem wir einen sich wechselseitig ent-sprechenden Gegensatz zugestehen, und durch Verbindungdesselben die farbige Welt hervorbringen.

22 .

Newton scheint vvm Einfachern auszugehen, indem er sichbloß an's Licht halten will; allein er setzt ihm auch Bedingungenentgegen, so gut wie wir, nur daß er denselben ihren integri-reuden Antheil an dem Hervorgebrachten ableugnet. SeineLehre hat nur den Schein, daß sie monadisch oder unitarischsey. Er legt in seine Einheit schon die Mannichfaltigkeit, dieer herausbringen will, welche wir aber viel besser aus der ein-gestandenen Dualität zu entwickeln und zu construiren glauben.

23.

Wie er nun zu Werke geht, um das Unwahre wahr, dasWahre unwahr zu machen, das ist jetzt unser Geschäft zuzeigen und der eigentliche Zweck des gegenwärtigen polemischenTheils.

Der tlewton scheu Optik

erstes Buch.

Erster Theil.

Erste Proposition. Erstes Theorem.

Lichter, welche an Farbe verschieden sind, dieselbensind auch an Refrangibilität verschieden, und zwargradweise.

24.

Wenn wir gleich von Anfang willig zugestehen, das Werk,welches wir behandeln, sey völlig aus Einem Gusse, so dürfenwir auch bemerken, daß in den vorstehenden ersten Worten, indieser Proposition, die uns zum Eintritt begegnet, schon dieganze Lehre wie in einer Nuß vorhanden sey, und daß auchzugleich jene captiöse Methode völlig eintrete, wodurch uns derVerfasser das ganze Buch hindurch zum Besten hat. Dieses zuzeigen, dieses anschaulich und deutlich zu machen, dürfen wirihm nicht leicht ein Wort, eine Wendung hingehen lassen; undwir ersuchen unsere Leser um die vollkommenste Aufmerksamkeit,dafür sie sich denn aber auch von der Knechtschaft dieser Lehreauf ewige Zeiten befreit fühlen werden.

25.

Lichter Mit diesem Plural kommt die Sub- und Ob-reption, deren sich Newton durch das ganze Werk schuldigmacht, gleich recht in den Gang. Lichter, mehrere Lichter! undwas denn für Lichter?

welche an Farbe verschieden sind Indem erste»und zweiten Versuche, welche zum Beweis dienen sollen, führtman uns farbige Papiere vor, und diejenigen Wirkungen, dievon dorther in unser Auge kommen, werden gleich als Lichterbehandelt. Offenbar ein hypothetischer Ausdruck: denn der ge-meine Sinn beobachtet nur, daß uns das Licht mit verschie-denen Eigenschaften der Oberflächen bekannt macht; daß aberdasjenige, was von diesen zurückstrahlt, als ein verschieden-artiges Licht angesehen werden könne, darf nicht vorausgesetztwerden.

Genug, wir haben schon farbige Lichter fertig, ehe nochvon einem farblosen die Rede gewesen. Wir operireu schon mitfarbigen Lichtern, und erst hinterdrein vernehmen wir, wieund wo etwa ihr Ursprung seyn möchte. Daß aber hier vonLichtern die Rede nicht seyn könne, davon ist jeder überzeugt, >der den Entwurf unserer Farbenlehre wohl erwogen hat. Wirhaben nämlich genugsam dargethan, daß alle Farbe einem Lichtund Nicht-Licht ihr Daseyn schuldig sey, daß die Farbe sichdurchaus zum Dunkeln hinneige, daß sie ein sey, daß

wenn wir eine Farbe auf einen hellen Gegenstand hinwerfen,es sey, auf welche Weise es wolle, wir denselben nicht be-leuchten, sondern beschatten. Mit solchem Schattenlicht, mitsolcher Halbfinsterniß sängt Newton sehr künstlich seinen ganzen