Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Polemischer Theil.

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einander gestellt, ein Sonnenbild durch jedes durchfallen lassen, !uni beide zugleich durch ein vertikales Prisma aufzufangen und ^nach der Seite zu biegen. Wahrscheinlich war dieses letztere inicht lang genug, um zwei vollendete Spectra aufzufassen; er ^rückte also damit nahe an die ersten Prismen heran, und !findet, was wir lange kennen und wissen, auch nach der Re-fraktion zwei runde und ziemlich farblose Bilder. Dieß irrt 'ihn aber gar nicht; denn anstatt einzusehen und einzugestehen, ^daß seine bisherige Darstellung durchaus falsch sey, sagt er ganz ^naiv und unbewnnden: !

112 . >

Uebrigens würde dieses Experiment einen völliggleichen Erfolg haben, man mag das dritte Prismagleich hinter die beiden ersten oder auch in größere Ent-fernung stellen, so daß das Licht im ersten Falle, nach-dem es durch die beiden vordern Prismen gebrochen !worden, von dem dritten entweder weiß und rund oder !

gefärbt und länglich aufgenommen werde. s

113.

Wir haben also hier auf einmal ein durch das Prismadurchgegangenes und gebrochenes Farbenbild, das noch weißund rund ist, da man uns doch bisher dasselbe durchaus alslänglich aus einander gezogen und völlig gefärbt dargestellt !hatte. Wie kommt nun auf einmal das Weiße durch die Hinter- sthür herein? wie ist es abgeleitet? ja, wie ist es, nach dem ^bisher Vorgetragenen, nur möglich? Dieß ist einer von den !sehr schlimmen Advocatenstreichen, wodurch sich die Newtonsche -Optik so sehr auszeichnet. Ein gebrochenes und doch weißes,ein zusammengesetztes und durch Brechung in seine Elementenicht gesondertes Licht haben wir nun auf einmal durch einebeiläufige Erwähnung erhalten. Niemand bemerkt, daß durchdie Erscheinung dieses Weißen der ganze bisherige Bortragzerstört ist, daß man ganz wo anders ausgehen, ganz wo andersanfangen müsse, wenn man zur Wahrheit gelangen will. DerVerfasser fährt vielmehr auf seinem einmal eingeschlagenenWege ganz geruhigt fort, und hat nun außer seiner grünenMitte des fertigen Gespenstes auch noch eine weiße Mitte deserst werdenden, noch unfarbigen Gespenstes; er hat ein langesGespenst, er hat ein rundes, und operirt nun mit beidenWechselsweise wie es ihm beliebt, ohne daß die Welt, die hun-dert Jahre seine Lehre nachbetet, den Taschenspielerstreich ge-wahr wird, vielmehr diejenigen, die ihn an's Licht bringenwollen, verfolgt und übel behandelt.

Denn sehr künstlich ist diese Bemerkung hier angebracht,indem der Verfasser diese weiße Mitte, welche hier auf einmal sin den Vertrag hineinspringt, bei dem nächsten Versuch höchst !nöthig braucht, um sein Hocuspocus weiter fortzusetzen.

Sechster Versuch.

114.

Haben wir uns bisher lebhaft, ja mit Heftigkeit, vorgesehenund verwahrt, wenn uns Newton zu solchen Versuchen berief,die er vorsätzlich und mit Bewußtseyn ausgesucht zu habenschien, um uns zu täuschen und zu einem übereilten Beifall zuverführen, so haben wir es gegenwärtig noch weit ernstlicher zunehmen, indem wir an jenen Versuch gelangen, durch welchenGoethe, Werke. VI.

sich Newton selbst zuerst von der Wahrheit seiner Erklärungsartüberzeugte, und welcher auch wirklich unter allen den meistenSchein für sich hat. Es ist dieses das sogenannte llixparimen-tum ci-uom, wobei der Forscher die Natur auf die Folterspannte, um sie zu dem Bekenntniß dessen zu nöthigen, was erschon vorher bei sich sestgestzt hatte. Allein die Natur gleichteiner standhaften und edelmüthigen Person, welche selbst unterallen Qualen bei der Wahrheit verharrt: steht es anders imProtocoll, so hat der Inquisitor falsch gehört, der Schreiber-falsch niedergeschrieben. Sollte darauf eine solche unter-geschobene Aussage für eine kleine Zeit gelten, so findet sich dochwohl in der Folge noch jemand, welcher sich der gekränkten Un-schuld annehmen mag; wie wir uns denn gegenwärtig gerüstethaben, für unsere Freundin diesen Ritterdienst zu wagen. Wirwollen nun zuerst vernehmen, wie Newton zu Werke geht.

115.

In der Mitte zweier dünnen Breter machte ich rundeOeffnungen, ein drittel Zoll groß, und in den Fenster-laden eine viel größere. Durch letztere ließ ich in meindunkles Zimmer einen breiten Strahl des Sonnen-lichtes herein, ich setzte ein Prisma hinter den Ladenin den Strahl, damit er auf die entgegengesetzte Wandgebrochen würde, und nahe hinter das Prisma befestigteich eines der Breter dergestalt, daß die Mitte des ge-brochenen Lichtes durch die kleine Oeffnung hindurch-ging, und das übrige von dem Rande aufgefangenwurde.

116.

Hier verfährt Newton nach seiner alten Weise: er giebt Be-dingungen an, aber nicht die Ursache derselben. Warum ist dennhier auf einmal die Oeffnung im Fensterladen groß? und wahr-scheinlich das Prisma auch groß, ob er es gleich nicht meldet? DieGröße der Oeffnung bewirkt ein großes Bild, und ein großesBildfällt, auch nach der Refraction, mit weißer Mitte auf eine nahhinter das Prisma gestellte Tafel. Hier ist also die weiße Mitte,die er am Schluß des vorigen Versuches (112) heimlich herein-gebracht. In dieser weißen Mitte operirt er; aber warum ge-steht er denn nicht, daß sie weiß ist? warum läßt er diesenwichtigen Umstand errathen? Doch wohl darum, weil seineganze Lehre zusammenfällt, sobald dieses ausgesprochen ist.

117.

Dann in einer Entfernung von zwölf Fuß von demersten Bret befestigte ich das andere dergestalt, daß dieMitte des gebrochenen Lichtes, welche durch die Oeff-nung des ersten Breies hindurchfiel, nunmehr auf dieOeffnung dieses zweiten Breies gelangte, das übrigeaber, welches von der Fläche des Bretes aufgefangenwurde, das farbige Spectrum der Sonne daselbstzeichnete.

118.

Wir haben also hier abermals eine Mitte des gebrochenenLichtes, und diese Mitte ist, wie man aus dem Nachsatz deutlichsieht, grün; denn das übrige soll ja das farbige Bild darstelle».Uns werden zweierlei Mitten, eine farblose und eine grüne,gegeben, in denen und mit denen wir nach Belieben operiren,ohne daß man uns den Unterschied im mindesten anzeigt, und

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