372
Materialien zm Geschichte der Farbenlehre.
Zerstreuung und Zerstreubarkeit, welche im Hinterhalt aufGelegenheit warten mußte, sich zu manifestiren; und ein solchesFlickwerk wurde in der wissenschaftlichen Welt, so viel mirbekannt geworden, ohne Widerspruch aufgenommen.
Das Wort Zerstreuung kommt schon in den ältestenZeiten, wenn von Licht die Rede ist, vor. Man kann es alseinen Lrivialausdruck ansehen, wenn man dasjenige, was manals Kraft betrachten sollte, materiell nimmt, und das, waseine gehinderte, gemäßigte Kraft ist, als eine zerstückelte, zer-malmte, zersplitterte ansieht.
Wenn ein blendendes Sonnenlicht gegen eine weiße Wandfällt, so wirkt es von dort nach allen entgegengesetzten Endenund Ecken zurück, mit mehr oder weniger geschwächter Kraft.Führt man aber mit einer gewaltsamen Feuerspritze eineWassermasse gegen diese Wand, so wirkt diese Masse gleichfallszurück, aber zerstiebend und in Millionen Theile sich zer-streuend. Aus einer solchen Vorstellungsart ist der AusdruckZerstreuung des Lichtes entstanden.
Je mehr man das Licht als Materie, als Körper ansah,für desto passender hielt man diese Gleichnißrede. Grimaldiwird gar nicht fertig, das Licht zu zerstreuen, zu zerbrechenund zu zerreißen. Bei Rizzctti findet auch die Dispersion derStrahlen, mit denen er opcrirt, jedoch wider ihren Willenund zu ihren, höchsten Verdrusse, statt. Newton, bei dem dieStrahlen ja auch aus einander gebrochen werden, brauchtediesen und ähnliche Ausdrücke, aber nur discursiv, als erläu-ternd , versinnlichend; und aus diese Weise wird jenes Wortherangetragen, bis es endlich in dem neu eintretenden uner-warteten Nothfälle aufgeschnappt und zum Kunstworte gestem-pelt wird.
Mir sind nicht alle Documente dieses wichtigen Ereignisseszu Handen gekommen; daher ich nicht sagen kann, wer sichzuerst so ausgedrückt. Genug, dieses Kunstwort ward baldohne Bedenken gebraucht, und wird es noch, ohne daß irgendjemand einfiele, wie durch jene große Entdeckung das Altevöllig verändert und aufgehoben worden. Man hat mit diesemPflaster den Schaden zugedeckt, und wer in der Kürze eineneminenten Fall sehen will, wie man mit der größten Gemüths-ruhe und Behaglichkeit einen neuen Lappen auf ein altes Kleidflickt, der lese in den Anfangsgründen der Naturlehre von Jo-hann Tobias Mayer die kurze Darstellung von der Theorie derFarben; besonders vergleiche man den 630. und 635. Para-graphen. Wäre dieß ein alter Autor, so würden die Kritikersich mit der größten Sorgfalt nach andern Codicibus umsehen,um solche Stellen, die gar keinen Sinn haben, mit Bedachtund Vorsicht zu emendiren.
Die Lehre mag sich indessen stellen, wie sie will, das Lebengeht seinen Gang fort. Achromatische Fernröhre werden ver-fertigt , einzelne Männer und ganze Nationen auf die Eigen-schaften der verschiedenen Glasarten aufmerksam. Clairaut inFrankreich bedient sich der sogenannten kierres cks Ltras stattdes Flintglases, und die Entdeckung lag ganz nahe, daß derBleikalk dem Glase jene Eigenschaft, die Farbensäume dispro»portionirlich gegen die Brechung zu verbreitern, mittheilenkönne. Zeiher in Petersburg machte sich um die Sache ver-dient. Was Boscovich und Steiner gethan, um diese Ange-legenheit theoretisch und praktisch zu fördern, bleibt unvergessen.
Le Band erhielt in Frankreich 1773 den Preis für eine
Glasart, die dem Flint nahe kam. Dufougerais hat zu unsererZeit, in seiner Manufactur zu Mont-Cenis, ein Glas ver-fertigt, wovon ein Prisma zu zehn Graden, mit einem Prismavon Crownglas zu achtzehn Graden zusammengestellt, dieFarbenerscheinung aufhebt.
Von dieser Glasart liegt noch eine große Masse vorräthig,und es ist zu wünschen, daß ein Theil derselben von den Fran-zösischen Optikern zu Prismen von allen Winkeln genutzt, undzum Besten der Wissenschaft in einen allgemeinen Handels-artikel verwandelt werde.
Das Weitere und Nähere, was diese wichtige Epoche be-trifft, ist in Priestleys Geschichte der Optik nachzuschlagen;wobei die Kllgelchen Zusätze von großer Bedeutung sind.Uebrigens ist Priestley hier, wie durchaus, mit Vorsicht zulesen. Er kann die Erfahrung, er kaun die großen, gegenNewton daraus entspringenden Resultate nichr leugnen, giebtaber ganz gewissenlos zu verstehen, Euler sey durch einen WinkNewtons angeregt worden; als wenn jemand auf etwas Hin-winken könnte, was er auf's hartnäckigste leugnet, ja, wasnoch schlimmer ist, von dessen Möglichkeit er gar keine Spurhat! Unser in diesem Falle so wie in andern geradsinnigerKlügel läßt es ihm auch nicht durchgehen, sondern macht ineiner Note aufmerksam auf diese Unredlichkeit.
Joseph Priestley.
Llls üistor^ suä present ststs ob ckiseovsries relsllugto visiou, U^dt »nä oolours. iDnckon 1772. 4.
Ohne diesem Werk sein Verdienst verkümmern oder ihmdenjenigen Nutzen ableugnen zu wollen, den wir selbst darausgezogen haben, sind wir doch genöthigt auszusprechen, daß da-durch besonders die anbrüchige Newtonsche Lehre wieder her-gestellt worden. Der Verfasser braucht die eingeführten Phrasenwieder ruhig fort. Alles, was im Alterthum und in der mitt-lern Zeit geschehen, wird für nichts geachtet. Newtons Ver-suche und Theorien werden mit großem Bombast ausgekramt.Die achromatische Entdeckung wird so vorgetragen, als sey jeneLehre dadurch nur ein wenig modificirt worden. Alles kommtwieder in's Gleiche, und der theoretische Schlendrian schleiftsich wieder so hin.
Da man dieses Werk, genau betrachtet, gleichfalls mehrals Materialien denn als wirkliche Geschichtserzählung anzu-sehen hat, so verweisen wir übrigens unsere Leser gern darauf,weil wir auf manches, was dort ausführlich behandelt worden,nur im Vorbeigehen hingedeutet haben.
Paul Frist.
Wir erwähnen hier dieses Mannes, ob er gleich erst später,1778, eine Lobschrift auf Newton herausgegeben, um nur mitwenigem zu bemerken, daß immer noch die ältere Lehre, wiesie Newton vorgetragen, Desaguliers sie vertheidigt, wie siein die Schulen aufgenommen worden, ihre unbedingten Lob-redner findet, selbst in der neuern Epoche, die ihren Untergangentschieden hätte herbeiführen müssen, wenn die Menschen,unter dem Druck einer beschränkten Gewohnheit hinlebend, zu