Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

Materialien zur Geschichte der Farbenlehre.

377

aber warum verwandelt sich der entgegengesetzte Schatten beidieser Gelegenheit aus dem Blauen in's Grüne? Daß dieseFarben, wenn die Schatten auf einen wirklich gefärbten Grundgeworfen werden, sich nach demselben modificiren und mischen,zeigt er umständlich.

III. Ueber die Farbe der Luft. Enthält die confusen unddunkeln Meinungen der Naturforscher über ein so leicht zu er-klärendes Phänomen (E. 151).

IV. Bemerkungen über die Hervorbringung der farbigenSchatten. Die Bedenklichkeiten und Schwierigkeiten, auf diesemWege die farbigen Schatten zu erklären, vermehren sich nur.Der Verfasser nähert sich jedoch dem Rechten, indem er folgert,die Farben dieser Schatten sey man sowohl dem Lichte schuldig,welches den Schatten verursacht, als demjenigen, das ihnerleuchtet.

Der Verfasser beobachtet so genau und wendet die Sacheso oft hin und wieder, daß er immer sogleich auf Widersprüchestoßt, sobald er einmal etwas festgesetzt hat. Er sieht wohl,daß das früher von ihm aufgestellte Erforderniß einer gewissenProportion der Lichter gegen einander nicht hinreicht; er suchtes nun in gewissen Eigenschaften der leuchtenden Körper, be-sonders der Flammen, und berührt auch den Umstand, daßverschiedene Lichter nicht einerlei gleiche Farben verbreiten.

V. Beobachtungen über die Ursachen der verschiedenenSchattenfarben. Er vermanmchfaltigt die Versuche abermals,besonders um zu erkennen, aus welchem Wege eine Schatten-farbe in die andere übergeht,»und ob dieser Uebergang nacheiner gewissen Ordnung geschehe? Dabei beharrt er immer aufdem Begriff von der verschiedenen Intensität des Lichtes, undsucht sich damit durchzuhelfen, ob es gleich nur kümmerlich ge-lingt. Und weil er durchaus redlich zu Werke geht, begegnenihm immer neue Widersprüche, die er eingesteht und dannwieder mit dem, was er schon festgesetzt, zu vereinigen sucht.Seine letzten Resultate sind folgende.

Farbige Schatten entspringen:

1) durch das stärkere oder schwächere Licht, das die Schattenempfangen;

2) durch die größere oder geringere Klarheit des Lichtes,welches die Schatten hervorbringt;

3) durch die größere oder kleinere Entfernung der Lichtervon den Schatten;

4) von der größeru oder geringern Entfernung der schatten-werfenden Körper von dem Grunde, der sie empfängt;

5) von der größer« oder geringern Jncidenz sowohl derSchatten als des Lichtes, das sie erleuchtet, gegen den Grund,der sie aufnimmt.

6) Man könnte noch sagen von der Farbe des Grundes,welcher die Schatten aufnimmt.

Aus diese Weise beschließt der Verfasser seine Arbeit, dieich um so besser beurtheilen kann, als ich, ohne seine Be-mühungen zu kennen, früher auf dem selbigen Wege gewesen;aus welcher Zeit ich noch eine kleine in diesem Sinne geschrie-bene Abhandlung besitze.

An Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit fehlt es diesem ruhigteilnehmenden Beobachter nicht. Die geringsten Umstände zeigter an: das Jahr, die Jahreszeit, den Tag, die Stunde; dieHöhen der himmlischen, die Stellung der künstlichen Lichter;die größere oder geringere Klarheit der Atmosphäre; Entfernung

und alle Arten von Bezug: aber gerade die Hauptsache bleibtihm verborgen, daß das eine Licht den weißen Grund,worauf es fällt und den Schatten projicirt, einigermaaßenfärben müsse. So entgeht ihm, daß die sinkende Sonne dasPapier gelb und sodann roth färbt, wodurch im ersten Fall derblaue, sodann der grüne Schatten entsteht. Ihm entgeht, daßbei einem von Mauern zurückstrahlenden Lichte leicht ein gelb-licher Schein auf einen weißen Grund geworfen und daselbstein violetter Schatten erzeugt wird; daß die dem Tageslichtentgegengesetzte Kerze dem Papier gleichfalls einen gelblichrothen Schein mittheilt, wodurch der blaue Schatten gefordertwird. Er übersieht, daß wenn er ein atmosphärisches Licht vonzwei Seiten in ein Zimmer fallen läßt, von einem benachbartenHause abermals ein gelblicher Schein sich hereimnischen kann.

! So darf, selbst wenn bei Nachtzeit mit zwei Kerzen operirt! wird, die eine nur näher als die andere an einer gelblichenWand stehen. So ist ein Kaminfeuer nicht sowohl stärker undmächtiger als eine Kerze, sondern es bringt, besonders wennviele glühende Kohlen sich dabei befinden, sogar einen rothen. Schein hervor; deßwegen, wie beim Untergang der Sonne,^ leicht grüne Schatten entstehen. Das Mondlicht färbt jede weiße! Fläche mit einem entschieden gelben Schein. Und so entspringenalle die Widersprüche, die dem Verfasser begegnen, bloß daher,daß er die Nebenumstände auf's genaueste beachtet, ohne daß! ihm die Hauptbedinguug deutlich geworden wäre.l Daß indessen schwach wirkende Lichter selbst schon als farbig! und färbend anzusehen, daraus haben wir auch schon hingedeutet! (E. 81 fs.). Daß sich also, in einem gewissen Sinne, die mehr! oder mindere Intensität des Lichtes an die Erscheinung der far-bigen Schatten anschließe, wollen wir nicht in Abrede seyn:

! nur wirkt sie nicht als eine solche, sondern als eine gefärbte und^ färbende. Wie man denn überhaupt das Schattenhafte und^ Schattenverwandte der Farbe, unter welchen Bedingungen sie^ auch erscheinen mag, hier recht zu beherzigen abermals auf-! gefordert wird.

Diego de Carvalho e Sampayo.

! Druckst» äss oores. Aslts 1787.

! vwsertsyLo 8»dre so eoreo princklivss. 1788. Diesem. ist beigefügt:

! Lrevs Drstscko sodre s coinposiyLo srtiüeial ckss corss.bllsinent»8 äs SArlonItura. Aackriä 1790. 1791.üleiiwris «obre s tormsyäo natural cksu eoreu. ülsckriä1791.

! Der Verfasser, ein Malteserritter, wird zufälliger Weise^ auf die Betrachtung farbiger Schatten geleitet. Nach wenigens Beobachtungen eilt er gleich zu einer Art Theorie und sucht sich^ von derselben durch mehrere Versuche zu überzeugen. Seine! Erfahrungen und Gesinnungen finden sich in den vier ersten^ oben benannten Schriften aufgezeichnet und in der letzten epito-mirt. Wir ziehen sie noch mehr in's Enge zusammen, umunsern Lesen: einen Begriff von diesen zwar redlichen, dochseltsamen uiid unzulänglichen Bemühungen zu geben.

Theoretische Grundsätze.

„Die Farben manifestiren und sormiren sich durch'? Licht.Das Licht, welches von leuchtenden Körpern durchstießt oder