Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

378

Materialien ;ur Geschichte der Farbenlehre.

das von dunkeln Körpern zurückstrahlt, enthält die nämlichenFarben und prodncirt eben dieselben Phänomene. Die Leb-haftigkeit des Lichtes ist eben so zerstörend für die Farben, alsdie Tiefe des Schattens. Bei einem Mittellicht erscheinen undbilden sich die Farben.

„Primitive Farben giebt es zwei, Roth und Grün. Blauund Gelb sind keine primitiven Farben. Schwarz ist eine posi-tive Farbe, sie entsteht aus Roth und Grün. Weiß ist einePositive Farbe, sie entsteht durch die äußerste Trennung derPrimitiven Farben, Roth und Grün."

Erfahrungen, die den Verfasser auf seineTheoriegeleitet.

„Der Anlaß, Roth und Grün als primitive Farben anzu-nehmen und zu sehen, gab sich mir durch einen Zufall im De-cember 1788 zu Lamego. Ich kam in ein Zimmer und sah ander Wand grüne und rothe Reflexe. Als ich das Licht suchte,welches dieselben hervorbrachte, fand ich, daß es von der Sonnekam, die durch das Fenster drang und auf die entgegengesetzteWand und das grüne Tuch fiel, mit welchem ein Tisch bedecktwar. Dazwischen stand ein Stuhl, mit dessen Schatten diefarbigen Reflexe von Roth und Grün zusammentrafen.

„Ich zog den Stuhl weg, daß kein Körper dazwischen stehenmöchte, und sogleich verschwanden die Farben. Ich stellte meinSpanisches Rohr, das ich in der Hand hatte, dazwischen, undsogleich bildeten sich dieselben Farben, und ich bemerkte, daßdie rothe Farbe mit der Zurückstrahlung des grünen Tuchscorrespondirte, und die grüne mit dem Theile der Wand, aufwelchen die Sonne fiel.

„Ich nahm das Tuch vom Tische, so daß die Sonne bloßauf die Wand fiel, und auch da verschwanden die Farben, undaus den dazwischen liegenden Körpern resultirte nur ein dunklerSchatten. Ich machte, daß die Sonne bloß auf das Tuch fiel,ohne auf die Wand zu fallen, und ebenfalls verschwanden dieFarben, und aus den zwischenliegenden Körpern resultirte derdunkle Schatten, den das von der Wand reflectirende Lichthervorbrachte.

„Indem ich diese Experimente anstellte, beobachtete ich, daßdie Farben lebhafter erschienen, wenn das Zimmer dmckcl unddie Reflexe stärker waren als das natürliche Licht; und daß siesogar endlich verschwanden, wenn das natürliche Licht, welchesman durch Fenster oder Thüre eingehen ließ, die Reflexe anStärke übertraf.

„Bei der Wiederholung der Versuche stellte ich mich so, daßein Theil der Sonne auf dje weiße Wand fiel und ein andererauf einen Theil meiner scharlachrothen Maltescruniform, undindem ich die Reflexe der Wand beobachtete, sah ich sie noch-mals roth und grün, so daß die grüne Farbe mit dem rothenReflex und die rothe mit dem Lichte an der Wand correspondirte.

„So oft ich diese Observationen machte, so oft ergaben sichdie nämlichen Resultate. Es crgiebt sich also, daß das Licht derSonne eine achromatische Flüssigkeit ist, mit der Eigenschaft,wie das Wasser, sich mit allen Farben färben zu können, unddaß in dieser Flüssigkeit einige farbige und sehr feine Theilchcnschwimmen, welche, das Licht verschiedentlich färbend, durchNefraction, Reflexion und Jnflexion alle diejenigen Farbenbilden, die wir auf den natürlichen Körpern und in dem ge-färbten Lichte erblicken.

„Das Licht, als Element angesehen, ist kein einfacher Körper,sondern aus unter sich verschiedenen Principien zusammengesetzt.Eine achromatische, höchst feine durchsichtige Flüssigkeit bildetseine Basis, und eine farbige, heterogene dunkle Materieschwimmt beständig in dieser Flüssigkeit.

„Wenn nicht in dem Lichte eine achromatische Flüssigkeitexistirte, so würde die Intensität der Farben des Lichtes injeder seiner Arten immer dieselbe seyn; z. B. das Rothe würdeimmer dieselbe Stärke behalten, ohne sie zum Hellern diluirenoder zum Dunklern concentriren zu können. Nun aber zeigtdie Erfahrung, daß die Farben des Lichtes sich concentrirenund diluiren, ohne ihre Natur zu verändern; also folgt, daßin demselben Lichte eine achromatische Materie existiren muß,die dergleichen Modifikationen hervorzubringen vermögend ist.

„So muß auch die farbige Materie des Lichtes nicht homogenseyn: denn wäre sie bloß von Einer Natur, z. B. roth, sowürde man in allen Körpern nichts mehr sehen als diese Farbe,hell oder dunkel, nach dem Grade der Intensität oder der Ver-dünnung des Lichtes. Nun aber sieht man in den Körpern eineerstaunliche Mannichfaltigkeit verschiedener Farben, nicht nur derIntensität, sondern auch der Qualität nach; folglich ist die far-bige Materie, welche in der achromatischen Flüssigkeit schwimmt,nicht homogen, sondern von verschiedenen Beschaffenheiten.

„Durch eine Reihe neuer und entschiedener Experimente,die von mir über das Licht gemacht worden, ist es hinlänglichbewiesen, daß es eine farbige Materie von zweierlei.Art gebe,eine, die vermögend ist, in uns ein Gefühl der rothen Farbezu erwecken, und eine andere, die ein Gefühl der grünen Farbehervorbringen kann. Alle die andern Farben, die man imLichte sieht, sind aus diesen beiden zusammengesetzt, und sindanzusehen als bloße Resultate ihrer wechselseitigen Verbindungmit der achromatischen Materie zu einem Zustand von größereroder kleinerer Dichtigkeit. Denn das Licht hat eine Kraft, sichzu concentriren, daß es einen Glanz und eine unerträglicheStärke für das Gesichtsorgan erhält und zugleich die Fähigkeit,sich so sehr zu verdünnen, daß es demselben Organ nicht mehrmerklich ist, und die Gegenstände nicht mehr sichtbar macht.

„Endlich ist die farbige Materie des Lichtes von Naturdunkel, weil sie, indem sie sich vermittelst schicklicher Vorrich-tungen verbindet, entweder den freien Durchgang der achroma-tischen Strahlen verhindert oder uns die Oberfläche der Gegen-stände verdeckt, über welche sich diese farbige Materie verbreitet."

Versuche.

Seine Vorrichtung ist nicht ungeschickt, farbige Schattenhervorzubringen. Er bereitet hohle Röhren, bespannt das eineEnde mit leichten seidenen Zeugen, theils weißen theils vonverschiedenen Farben. Diese bringt er in dem Laden einer6ninern obsourn dergestalt an, daß er auf eine entgegen-gestellte Tafel entweder sei» achromatisches oder seine verschiedengefärbten Lichter hereinbringen kann. Dazwischen stellt er irgendeinen Körper, um einen einfachen oder Doppelschatten hervor-zubringen. Da er seine seidenen Ueberzllgc Objective nennt,so wollen wir der Kürze wegen diesen Ausdruck beibehalten.

Ein weißes Objectiv giebt farbloses Licht und schwarzenSchatten.

Zwei weiße Objective geben farbloses Licht und farbloseHalbschatten.