Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Materialien zur Geschichte 'der Farbenlehre.

Ein entschiedenes Apercu ist wie eine inoculirte Krankheitanzusehen: man wird sie nicht los, bis sie durchgekämpft ist.Schon längst hatte ich angefangen, über die Sache nachzulesen.Die Nachbeterei der Compendien ward mir bald zuwider undihre beschränkte Einförmigkeit gar zu auffallend. Ich ging nunan die Newtonsche Optik, auf die sich doch zuletzt jedermannbezog, und freute mich, das Captiöse, Falsche seines erstenExperiments mir schon durch meine Tafeln anschaulich gemachtzu haben und mir das ganze Räthsel bequem auflösen zu können.Nachdem ich diese Vorposten glücklich überwältigt, drang ichtiefer in das Buch, wiederholte die Experimente, entwickelteund ordnete sie, und fand sehr bald, daß der ganze Fehler daraufberuhe, daß ein complicirtes Phänomen zum Grunde gelegtund das Einfachere aus dem Zusammengesetzten erklärt werdensollte. Manche Zeit und manche Sorgfalt jedoch bedurfte es,um die Jrrgänge alle zu durchwandern, in welche Newton seineNachfolger zu verwirren beliebt hat. Hierzu waren mir dieIwetiones optieae höchst behülflich, indem diese einfacher, mitmehr Aufrichtigkeit und eigener Ueberzeugung des Verfassersgeschrieben sind. Die Resultate dieser Bemühungen enthältmein polemischer Theil.

Wenn ich nun auf diese Weise das Grundlose der Newton-schen Lehre, besonders nach genauer Einsicht in das Phänomender Achromasie, vollkommen erkannte, so half mir zu einemneuen theoretischen Weg jenes erste Gewahrwerden, daß einentschiedenes Auseinandertreten, Gegensetzen, Vertheilen, Diffe-renziiren, oder wie man es nennen wollte, bei den prismati-schen Farbenerscheinungen statthabe, welches ich mir kurz undgut unter der Formel der Polarität zusammenfaßte, von der ichüberzeugt war, daß sie auch bei den übrigen Farbenphänomenendurchgeführt werden könne. .

Was mir inzwischen als Privatmann nicht gelingen mochte,bei irgend jemand Theilnahme zu erregen, der sich zu meinenUntersuchungen gesellt, meine Ueberzeugungen aufgenommenund danach fortgearbeitet hätte, das wollte ich nun als Autorversuchen; ich wollte die Frage an das größere Publicumbringen. Ich stellte daher die nothwendigsten Bilder zusam-men, die man bei den subjektiven Versuchen zum Grunde legenmußte. Sie waren schwarz und weiß, damit sie als Apparatdienen, damit sie jedermann sogleich durch's Prisma beschauenkönnte; andere waren bunt, um zu zeigen, wie diese schwarzenund weißen Bilder durch's Prisma verändert würden. DieNähe einer Kartcnfabrik veranlaßte mich, das Format vonSpielkarten zu wählen, und indem ich Versuche beschrieb undgleich die Gelegenheit, sie anzustellen, gab, glaubte ich dasErforderliche gethan zu haben, um in irgend einem Geiste dasApercu hervorzurufen, das in dem »reinigen so lebendig gewirkt §hatte.

Allein ich kannte'damals, ob ich gleich alt genug war, die !Beschränktheit der wissenschaftlichen Gilden noch nicht, diesenHandwerkssinn, der wohl etwas erhalten und fortpflanzen,aber nichts fördern kann; und es waren drei Punkte, die fürmich schädlich wirkten. Erstlich hatte ich mein kleines HeftBeiträge zur Optik betitelt. Hätte ich Chromatik ge-sagt, so wäre es unverfänglicher gewesen: denn da die Oprikzum größten Theil mathematisch ist, so konnte und wollte nie-mand begreifen, wie einer, der keine Ansprüche an Meßkunstmachte, in der Optik wirken könne. Zweitens hatte ich, zwar

nur ganz leise, angedeutet, daß ich die Newtonsche Theorienicht zulänglich hielte, die vorgetragenen Phänomene zu er-klären. Hierdurch regte ich die ganze Schule gegen mich aus,und nun verwunderte man sich erst höchlich, wie jemand, ohnehöhere Einsicht in die Mathematik, wagen könne, Newtonzu widersprechen: denn daß eine Physik unabhängig von derMathematik existire, davon schien man keinen Begriff mehrzu haben. Die uralte Wahrheit, daß der Mathematiker, so-bald er in das Feld der Erfahrung tritt, so gut wie jederandere dem Irrthum unterworfen sey, wollte niemand indiesem Falle anerkennen. In gelehrten Zeitungen, Journalen,Wörterbüchern und Compendien sah man stolzmitleidig aufmich herab, und keiner von der Gilde trug Bedenken, denUnsinn nochmals abdrucken zu lassen, den man nun fast hun-dert Jahre als Glaubensbekenntniß wiederholte. Mit mehroder weniger dünkelhafter Selbstgefälligkeit betrugen sich Grenin Halle, die Gothaischen gelehrten Zeitungen, die allgemeineJenaische Literaturzeitung, Gehler und besonders Fischer inihren physikalischen Wörterbüchern. Die Göttingischen gelehrtenAnzeigen, ihrer Ausschrift getreu, zeigten meine Bemühungenauf eine Weise an, um sie sogleich auf ewig vergessen zumachen.

Ich gab, ohne mich hierdurch weiter rühren zu lassen, daszweite Stück meiner Beiträge heraus, welches die subjectivenVersuche mit bunten Papieren enthält, die mir um so wichtigerwaren, als dadurch für jeden, der nur einigermaaßen in dieSache hätte sehen wollen, der erste Versuch der NewtonschenOptik vollkommen enthüllt und dem Baum die Axt an dieWurzel gelegt wurde. Ich fügte die Abbildung des großenWasserprismas hinzu, die ich auch wieder unter die Tafeln desgegenwärtigen Werkes ausgenommen habe. Es geschah damals,weil ich zu den objectiven Versuchen übergehen und die Naturaus der dnnkeln Kammer und von den winzigen Prismen zubefreien dachte.

Da ich in dem Wahn stand, denen, die sich mit Natur-wissenschaften abgeben, sey es um die Phänomene zu thun, sogesellte ich wie zum ersten Stücke meiner Beiträge ein PacketKarten, so zum zweiten eine Foliotafel, aus welcher alle Fällevon hellen, dunkeln und farbigen Flächen und Bildern der-gestalt angebracht waren, daß man sie nur vor sich hinstellen,durch ein Prisma betrachten durfte, um alles, wovon in demHefte die Rede war, sogleich gewahr zu werden. Allein dieseVorsorge war gerade der Sache hinderlich, und der dritteFehler, den ich beging. Denn diese Tafel, viel mehr noch alsdie Karten, war unbequem zu packen und zu versenden, so daßselbst einige aufmerksam gewordene Liebhaber sich beklagten, dieBeiträge nebst dem Apparat durch den Buchhandel nicht er-halten zu können.

Ich selbst war zu andern Lebensweisen, Sorgen und Zer-streuungen hingerissen. Feldzüge, Reisen, Aufenthalt anfremden Orten nahmen mir den größten Theil mehrerer Jahreweg: dennoch hielten mich die einmal angefangenen Betrach-tungen , das einmal übernommene Geschäft — denn zum Ge-schäft war diese Beschäftigung geworden — auch selbst in denbewegtesten und zerstreutesten Momenten fest; ja ich fand Ge-legenheit, in der freien Welt Phänomene zu bemerken, die meineEinsicht vermehrten und meine Ansicht erweiterten.

Nachdem ich lange genug in der Breite der Phänomene