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Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Mineralogie und Geologie.

Wenn nun schon in der Hauptsammlung von den Sprudel-producten Nr. 35 bis 48 incl. die Hauptunterschiede zu findensind, so ist es doch erfreulich, nunmehr diesen Gegenstand ganzinsbesondere behandelt zu sehen. Es wird deßhalb, nach einembeigefügten Verzeichniß, den Liebhabern eine Sammlung vonfünfzig rohen Stücken des Sprudelsinters angeboten, auf wel-chen ihre Färbung vorn dunkelsten Braun bis zum klaren Weißmit allen Mittelfärbungen und Zeichnungen vorgelegt wird.

Damit aber auch eine solche Sammlung zu ihrem erstenInteresse, in ihrer ganzen Anmuth zurückkehre, so ist dieselbein Form kleiner halbirter Ovalsteine auf das vollkommenstepolirt und edeln Steinen gleichgestellt, in welcher Art sie nuneinem jeden Freunde der Natur nicht allein, sondem auch demsich am Schmuck erfreuenden Auge vorgelegt werden, und wirihnen denn zur Belohnung und Aufmunterung des so thätigenUnternehmer« und Anordners viel günstige Kunden zu wün-schen haben.

Ä» Herrn von Leonharö.

Weimar, den 2l> November t8V7.

Sie haben die Gefälligkeit gehabt, meinem Aufsatz überdie Carlsbader geognostische Sammlung in Ihrem Taschenbucheeinen schönen Platz anzuweisen; wofür ich meine Dankbarkeitdadurch ausdrücken möchte, daß ich gegenwärtig einigen Nach-trag übersende.

Unter Ihrer Anleitung tritt jene kleinere Schrift nunmehrvor ein anderes Publicum, vor das wissenschaftliche, da siefrüher nur bestimmt war, ein allgemeines Interesse zu erregenund gewisse Gegenstände vor den Augen der Kenner und Nicht-kenner in einer bequemern Ordnung aufzuführen, als sie bis-her, mehr oder weniger bekannt, betrachtet wurden. Vielleichtkönnte man , da ich mich in einem neuen Fach mit dem Publi-cum zu unterhalten anfange, nach meiner Legitimation fragen;doch giebt vieljährige Neigung und Beobachtung wohl einigesRecht, in einer Sphäre mitzuwirken, wo ein jeder auch mitdem geringsten Beitrag willkommen ist.

Um manches Mißverständniß zu vermeiden, sollte ich frei-lich vor allen Dingen erklären, daß meine Art, die Gegenständeder Natur anzusehen und zu behandeln, von dem Ganzen zudem einzelnen, vom Totaleindruck zur Beobachtung der Theilefortschreitet, und daß ich mir dabei recht wohl bewußt bin, wiediese Art der Naturforschung, so gut als die entgegengesetzte,gewissen Eigenheiten, ja wohl gar gewissen Vorurtheilen unter-worfen sey.

So gestehe ich gern, daß ich da noch oft simultane Wirkun-gen erblicke, wo andere schon eine successive sehen; daß ichmanchem Gestein, das andere für ein Conglomerat, für einaus Trümmern zusammengeführtes und zusammengebackeneshalten, ein auf Porphyrweise aus einer heterogenen Masse insich selbst geschiedenes und getrenntes und sodann durch Con«solidation festgehaltenes zu schauen glaube. Hieraus folgt, daßmeine Erklärungsart sich mehr zur chemischen als zur mechani-schen hinneigt.

Gewiß würde man, nach meiner Ueberzeugung, überGegenstände des Wissens, ihre Ableitung und Erklärung vielweniger streiten, wenn jeder vor allen Dingen sich selbst kennte

und wüßte, zu welcher Partei er gehöre, was für eine Denk-weise seiner Natur am angemessensten sey. Wir würden als-dann die Maximen, die uns beherrschen, ganz unbewundenaussprechen und unsere Erfahrungen und Urtheile diesemgemäß ruhig mittheilen, ohne uns in irgend einen Streit ein-zulassen: denn bei allen Streitigkeiten kommt am Ende dochnichts weiter heraus, als daß sich zwei entgegengesetzte, nichtzu vereinigende Vorstellungsarten recht deutlich aussprechen,und jeder auf der seinigen nur desto fester und strenger beharrt.Sollte man also mit meinen geologischen Aeußerungen sichnicht durchaus vereinigen können, so wird man den Punkt inBetracht ziehen, von dem ich ausgehe und zu dem ich wiederzurückkehre. In diesem Sinne gedenke ich zu jenem Aufsätzeeinige Bemerkungen nachzubringen.

Die Mannichfaltigkeit des Granits kann man in Carlsbadneben einander in einem ziemlich engen Raume kennen lernen.Er wechselt groß-, grob- und feinkörnig, mit verschiedenerProportion und Verbindnngsweise der Bestandtheile, öftersmit einander ab und läßt sich, sowohl durch Natur als durchMenschenhand entblößt, an vielen Stellen gut genug beob-achten. Sieht man alsdann, wie genau alles zusammenhängt,und wie eine durchgehende allgemeine Eigenschaft jenesMannichfaltige verbindet, so mag man die großen Massen, diein Gestalt von Bänken, Schichten, Gängen sich aneinanderlehnen, neben und durch einander erscheinen, gern als gleich-zeitig aussprechen. Die Fragen, welcher Granit älter oderneuer sey, ob es wohl gar einen regenerirten Granit gebe?kommen uns immer bedenklicher vor: denn, genau betrachtet,so entstehen solche Zweifelsfragen daher, daß man erst denBegriff des Granits zu eng gefaßt und ihn bei vielfachem Er-fahrungen nicht zu erweitern getraut, und lieber bei Erklärungder Phänomene zu äußern Bedingungen und Nebenbestim«münzen seine Zuflucht genommen.

Von Nummer 6, 7 und 8 kommen merkwürdige monströseExemplare vor. Es ist schwer, über sie etwas anzusprechen;doch glaubt man folgendes daran zu bemerken. Der Feldspathfängt an, sich auf die bekannte Weise innerhalb der Granitmafsezu gestalten. Sehr oft, ja meistens, finden sich die Krystallevöllig zusammen, und bilden sich zur Hauptform aus; aberauch manchmal ergreift dieses werdende Bilden einen bildsamenGranit und nimmt ihn mit in sich auf, so daß er nunmehrals Gang, wenn man will, durch einen Krystall durchzugehen,oder zwei Krystalle, zu denen beiden er gehört, als inter-mediäre Masse zu verbinden scheint. Wie dem auch sey, undwie man dergleichen Stücke beschreiben mag, so gewähren siedem Beschauer diesen Vortheil, daß man daran, wie an allenmonströsen Ausgeburten der Natur, das Eintreten der ideellenGestalt in die Wirklichkeit, das sich uns bei regelmäßigen,vollendeten, abgeschlossenen Formen. geheimnißvoll verbirgt,wo nicht mit Augen sehen, doch mit dem Sinn und der Ein-bildungskraft einigermaaßen erreichen kann.

Bei Nummer 12,13 und 14 läßt sich anmerken, daß manüber die rothen Krystalle, welche manchmal von einer weißen,entweder oberflächlichen oder tiefer eindringenden Schale um-geben sind, auf dreierlei Weise denken könne. Es läßt sichnämlich annehmen, daß der Krystall von Natur weiß sey,nachher im Kerne roth werde, daß diese Nöthe sich nach undnach von innen heraus verbreite, und endlich das Weiße