Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Mineralogie und Geologie.

Tagflöze abgebaut, welche nah unter der Oberfläche lagenund zeigen, daß der ganze Berg zinnisch war, und das,was man Dammerde nennt, in den Westen Zeiten un-bedeutend.

Wir wanderten nun den Berggraben hin, welcher dasWasser dieser Höhen, wie es hier von den Pochwerken kommt,nach Altenberg leitet; er zieht sich wie gewöhnlich an dem Berg»rllcken her, und der Weg ist sehr angenehm, weil es immerdurch Waldung geht.

Ist man ungefähr eine halbe Stunde, so überschaut mandie sich abstufenden Berge und Hügel zwischen hier und derElbe. Den Fluß sieht man zwar nicht, aber die Bergreihendrüben bei klarem Wetter ganz deutlich.

Der kleine Ort Geißing wird zuerst im Thale sichtbar; dieHäuser ziehen sich in dem engen Grunde herauf. Nun öffnetsich der Blick nach Altenberg, und zwar sieht man zuerst einehohe, steile Felswand; diese ist aber nicht durch Natur, sonderndurch jenen großen Erdfall, Erdbruch entstanden, wodurch soviele Gruben zu Grunde gegangen.

Man muß sich vorstellen, daß die sämmtlichen Gruben andem Abhänge eines Berges gelegen, und da sie zusammen-gestürzt, so hat sich ein Trichter gebildet, mit Wänden vonungleicher Höhe, die vordere viel niedriger als die Hintere.Sie nennen diesen Trichter, nach dem gewöhnlichen berg-männischen Ausdruck, die Binge.

Punkt Neun hatten wir den untern Rand erreicht. Vondem obern bis in die Tiefe mag es viel über hundert Fuß be-tragen. Das Gestein an den Wänden ist sowohl senkrecht alsauch nach allen Richtungen zerklüftet, hat äußerlich eine rotheFarbe, die sich von dem Eisengehalte des Gesteines Her-schreiben mag.

Unsere Absicht zu melden, ging mein Führer zu dem Berg-meister; dieser war nicht zu Haufe, sondern in der Bergpredigt,indem heute gerade das Quartal Crucis eintrat, mit den ge-wöhnlichen Feierlichkeiten.

Das Städtchen Altenberg liegt näher zusammen als Zinn-rvalde, an einem sauften Abhänge des Berges, und ist, nachSächsischer Art, schon städtischer gebaut als jenes. Man siehtauch hier verschiedene Göpel. Der mit Fichten wohl bewachseneGeißingsberg, welcher rechter Hand in einiger Entfernunghervorragt, giebt eine angenehme Ansicht.

Da ich auszuruhen wünschte, trat ich in die Kirche, undfand die ganze Knappschaft im Putz und Ornat versammelt.Der Diaconus predigte in hergebrachten bergmännischen Phra-sen. Der Auszug aus der Kirche war nicht feierlich wie sonst;man bemerkte aber schöne Männer, besonders unter den Knapp-schaftsältesten, fast zu groß für Bergleute.

Wir besuchten einen Handelsmann, um ein Glas Wein zutrinken; diesen fanden wir in einer sonderbaren Beschäftigung.Er hatte nämlich einen Juden bei sich, wie sie mit Ferngläsernin dem Lande herumziehen; dieser stellte ein Mikroskop auf,weil der Kaufmann die Jnsecten näher betrachten wollte, dieihm seine Käse leichter machen, seinen Reiß mit Staub über-ziehen und die Rosinen verderben. Es kamen unter dem Ver-größerungsglas die abscheulichsten Thiere zum Vorschein,Mittelthiere zwischen Läusen und Käfern, durchscheinend amLeibe und den meisten Gliedern, übrigens grau; sie bewegtensich mit vieler Behendigkeit und waren von verschiedener

Größe; man konnte auch ganz deutlich lange, stillliegendeLarven erkennen, aus denen sie hervorgehen mögen.

Man versicherte uns, daß diese Geschöpfe einen großenHolländischen Käse in einigen Wochen um ein paar Pfundleichter machen; ein Mittel dagegen sey, aus Ziegelmehl einenfeinen Brei zu bereiten und damit die Käse zu überstreichen;so blieben sie unangetastet. Die Ursache ist wohl, weil die Luftabgehalten wird, welche diese Geschöpfe zum Leben nöthighaben.

Nun nahmen wir unsern Weg gegen die Pochwerke. Ichkonnte die Steinhaufen, welche daneben aufgeschüttet waren,nicht begreifen; sie schienen aus taubem Gestein zu bestehen,wovon ich Musterstücke mitnahm und mich nach gehaltreichemStufen umsah. Allein ich war sehr verwundert, als ich be-merken mußte, daß diese sämmtlichen Steine, wie sie durcheinander lagen, zum Pochen bestimmt, hierher gefahren worden.

Weil nun alle Bergleute nach dem Bergamte gezogen warenund überhaupt heute nicht gearbeitet wurde, so war die Stadtwie ausgestorben, und wir unsern eigenen Betrachtungen über-lassen. Mein Führer hatte ziemliche Kenntnisse dieser Dinge,und ein alter Mann, der heranschlich, bestätigte seine Aussage,daß wirklich das ganze Gebirge zinnhaltig sey und selten einigeTheile desselben vor andern vorzuziehen. Es werde deßhalballes auf die Pochwerke gebracht, deren sehr viele hinunter indem Thal gegen'Geißing angebracht sind.

Wir gingen von einer Halde zur andern und fanden sehrviele Abweichungen desselben Gesteines, die wir so lange auf-lasen und als Handstufen zerschlugen, bis wir zuletzt keine neueAbänderung mehr fanden. Wir traten darauf unsern Rückwegan, verfügten uns aber noch vorher an das Mundloch einesVersuchsstollens, den sie in der Gegend der Schmelzhüttetreiben; dort kommt ein schöner Porphyr vor, den sie Syenit-porphyr mit Recht nennen, weil röthliche Feldspathkrystallein einem Grund von Hornblende liegen. Wir stiegen nun soweit wieder aufwärts, bis wir den Berggraben erreichten, undgingen auf dem kühlen Wege ganz bequem zurück.

Vom Stollenmundloch an, den Zinnwalder kahlen Berghinauf, hatten wir dagegen in der Mittagsonne einen beschwer-lichen Weg, und waren wohl zufrieden, als wir um Ein Uhrin dem Gasthofe wieder anlangten.

Gegen Abend besuchte mich der Bergamtsassessor FriedrichAugust Schmidt von Altenberg, bedauerte, daß sie heute ver-hindertworden, wie sie gewünscht hätten, mich zu empfangen,daß sie mit der Bergpredigt und dem Anschnitt beschäftigt ge-wesen, auch erst nach meiner Abreise meine Ankunft ver-nommen. Ich ersuchte ihn um einige Nachrichten, die er mirdenn auch ertheilte.

Das große sogenannte Stockwerk zu Altenberg hat schon1547 und 1548 einige Brüche erfahren; der Hauptbruch ge-schah aber 1620, wo 36 Gruben mit 36 Göpeln zu Grundegingen. Dieses Unglück entstand aus der Natur des Bergesund des Bergbaues; denn indem der Zinngehalt durch dieganze Masse des Berges ausgetheilt ist und sich in den ver-schiedenen Steinarten, woraus derselbe besteht, zerstreut be-findet, ohne daß sich besondere bauwürdige Gänge oder Flözezeigten, so muß das sämmtliche Gestein weggenommen undüberhaupt verpacht werden, wobei man denn, da man dieentstandenen Räume nicht mit Holz wieder ausbauen kann,