Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Zur Nakinwiffenschast im allgemeinen.

gegönnt, hier jener treuen Jugendforschungen zu erwähnen,wodurch sogar einiges Licht auf gegenwärtige Streitigkeitenfallen könnte.

Ich lehre nicht, ich erzähle." (Montaigne.)

Weimar, im September 1830.

II. Abschnitt.

Ich lehre nicht, ich erzähle", damit schloß ich den erstenAbschnitt meiner Betrachtungen über das genannte Werk; nunaber finde ich, um den Standpunkt, woraus ich beurtheiltwerden möchte, noch näher zu bestimmen, rathsam, die Worteeines Franzosen hier vorzusetzen, welche besser als irgend etwasanderes die Art, womit ich mich verständlich zu machen suche,kürzlich aussprechen möchten.

Es giebt geistreiche Männer, die eine eigene Art des Ver-trags haben; nach ihrer Weise sangen sie an, sprechen zuerstvon sich selbst und machen sich nur ungern von ihrer Persön-lichkeit los. Ehe sie euch die Resultate ihres Nachdenkens vor-legen, fühlen sie ein Bedürfniß, erst aufzuzählen, wo und wiedergleichen Betrachtungen ihnen zukamen."

Werde mir deßhalb in diesem Sinne zugegeben, den Gangder Geschichte jener Wissenschaften, denen ich meine Jahre ge-widmet, ohne weitere Anmaßung, synchronistisch mit meinemLeben, freilich nur im allgemeinsten, zu behandeln.

Hiernach also wäre zu erwähnen, wie früh ein Anklang derNaturgeschichte, unbestimmt, aber eindringlich, auf mich gewirkthat. Graf Buffon gab, gerade in meinem Geburtsjahr 1749,den ersten Theil seiner Uistoire naturelle heraus, und erregtegroßen Antheil unter den damals Französischer Einwirkung sehrzugänglichen Deutschen. Die Bände folgten jahrweise, und sobegleitete das Interesse einer gebildeten Gesellschaft mein Wachs-thum, ohne daß ich mehr als den Namen dieses bedeutendenMannes so wie die Namen seiner eminenten Zeitgenossen wäregewahr worden.

Gras Buffon, geboren 1707. Dieser vorzügliche Mannhatte eine heitere, freie Uebersicht, Lust am Leben und Freudeam Lebendigen des Daseyns; froh interessirt er sich für alles,was da ist. Lebemann, Weltmann, hat er durchaus den Wunsch,im Belehren zu gefallen, im Unterrichten sich einzuschmeicheln.Seine Darstellungen sind mehr Schilderungen als Beschrei-bungen; er führt die Creatur in ihrer Ganzheit vor, besondersgern in Bezug auf den Menschen; deßwegen er diesem dieHausthiere gleich folgen läßt. ErbemächtigtsichallesBekannten;die Staturforscher nicht allein »reiß er zu nutzen, der Resultatealler Reisenden versteht er sich zu bedienen. Man sieht ihn inParis, dem großen Mittelpunkte der Wissenschaften, als Inten-danten des schon bedeutenden Königlichen Cabinets, begünstigtim Aeußern, wohlhabend, iu den Grafenstand erhoben und sichauch so vornehm als anmuthig gegen seine Leser betragend.

Auf diesem Standpunkt weiß er sich aus dem einzelnen dasUmfassende zu bilden, und wenn er auch, was uns hier zunächstberührt, in dem zweiten Band Seite 544 niederschreibt:DieArme des Menschen gleichen auf keine Weise den Vorderfüßender Thiere, so wenig als den Flügeln der Bögel," so spricht erim Sinne der natürlich Hinblickenden, die Gegenstände, wie siefind, aufnehmenden Menge. Aber in seinem Innern entwickelt

stch's besser; denn im vierten Bande Seite 379 sagt er:Esgiebt eine ursprüngliche und allgemeine Verzeichnung, die mansehr weit verfolgen kann," und somit hat er die Grundmaximeder vergleichenden Naturlehre ein- für allemal festgesetzt.

Man verzeihe diese flüchtigen, fast frevelhaft eilenden Worte,womit wir einen so verdienten Mann vorüberführen; es istgenug, uns zu überzeugen, daß, ungeachtet der gränzenlosenEinzelnheiten, denen er sich hingiebt, er nicht verfehlte, einUmfassendes anzuerkennen. Gewiß ist, wenn wir jetzt- seineWerke durchgehen, so finden wir, daß er aller Hauptproblemesich bewußt war, mit welchen die Naturlehre sich beschäftigt,ernstlich bemüht, sie, wenn auch nicht immer glücklich, aufzu-lösen; dabei leidet die Ehrfurcht, die wir für ihn empfinden,nicht im mindesten, wenn man einsieht, daß wir Spätern, alshätten wir manche der dort aufgeworfenen Fragen schon voll-kommen gelöst, nur allzu frühzeitig triumphiren. Dem allemungeachtet müssen wir gestehen, daß, wenn er sich eine höhereAnsicht zu gewinnen suchte, er die Hülfe der Einbildungskraftnicht verschmähte; wodurch denn freilich der Beifall der Weltmerklich zunahm, er aber sich von dem eigentlichen Element,woraus die Wissenschaft gebildet werden soll, einigermaaßeuentfernte, und diese Angelegenheiten in das Feld der Rhetorikund Dialektik hinüberzuführen schien.

Suchen wir in einer so bedeutenden Sache immer deut-licher zu werden. Graf Buffon wird als Oberaufseher desllarckin cku Uoi angestellt; er soll eine Ausarbeitung der Natur-geschichte darauf gründen. Seine Tendenz geht in das Ganze,in sofern es lebt, in einander wirkt und sich besonders auf denMenschen bezieht.

Für das Detail bedarf er eines Gehülfen und beruft Dau-benton, einen Landsmann. Dieser faßt die Angelegenheit vonder entgegengesetzten Seite, ist ein genauer, scharfer Anato-miker. Dieses Fach wird ihm viel schuldig, allein er hält sichdergestalt am einzelnen, daß er auch das Nächstverwandte nichtan einander fügen mag.

Leider veranlaßt diese ganz verschiedene Behandlungsartauch zwischen diesen beiden Männern eine nicht herzustellendeTrennung. Wie sie sich auch mag entschieden haben, genug,Daubenton nimmt seit dem Jahre 1768 keinen Theil mehr ander Buffonschen Naturgeschichte, arbeitet aber emsig für sichallein fort; und nachdem Buffon im hohen Alter abgegangen,bleibt der gleichfalls bejahrte Daubenton an seiner Stelle undzieht-sich in Geoffroy de Saint-Hilaire einen jiingern Mit-arbeiter heran. Dieser wünscht sich einen Gesellen und findetihn in Cuvier. Sonderbar genug, daß sich in diesen beiden,gleichfalls höchst verdienten Männern im Stillen die gleicheDifferenz entwickelt, nur auf einer höhern Stufe. Cuvier hältsich entschieden und in einem systematisch ordnenden Sinnean's einzelne: denn eine größere Uebersicht leitet schon undnöthigt zu einer Methode der Aufstellung. Geoffroy, feinerDenkart gemäß, sucht in's Ganze zu dringen, aber nicht wieBuffon in's Vorhandene, Bestehende, Ausgebildete, sondernin's Wirkende, Werdende, sich Entwickelnde. Und so nährt'sich heimlich der abermalige Widerstreit und bleibt länger ver-borgen als der ältere, indem höhere gesellige Bildung, gewisseConvenienzen, schweigende Schonungen den Ausbruch ein Jahrnach dem andern hinhalten, bis denn doch endlich eine geringeVeranlassung, die nach außen und innen künstlich getrennte