Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Zur Naturwlsscnschakt lm allgemeinen.

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Elektricität der Leydener Flasche, den geheimen Zwiespalt durch 1eine gewaltige Explosion offenbart.

Fahren wir jedoch fort, über jene vier so oft genanntenund in der Naturwissenschaft iminer wieder zu nennendenMänner unsere Betrachtungen anzustellen, wenn wir uns aucheinigermaaßen wiederholen sollten; denn sie sind es, die, allenübrigen unbeschadet, als Stifter und Beförderer der Französi-schen Naturgeschichte vorleuchten und den Kern bilden, auswelchem sich so manches Wünschenswerthe glücklich hervorthut;seit fast einem Jahrhunderte der wichtigen Anstalt vorgesetzt,dieselbe vermehrend, benutzend und auf alle Weise die Natur-geschichte fördernd, die synthetische und analytische Behand-lungsweise der Wissenschaft repräsentirend. Buffon nimmt dieAußenwelt, wie er sie findet, in ihrer Mannichfaltigkeit als einzusammengehörendes, bestehendes, in wechselseitigen Bezügensich begegnendes Ganzes. Daubenton, als Anatom, fort-während im Trennen und Sondern begriffen, hütet sich,irgend das, was er einzeln gefunden, mit einem andern zu-sammenzufügen; sorgfältig stellt er alles neben einander hin,mißt und beschreibt ein jedes für sich.

In deniselben Sinne, nur mit mehr Freiheit und Umsicht,arbeitet Cuvier; ihm ist die Gabe verliehen, gränzenlose Ein-zelheiten zu bemerken, zu unterscheiden, unter einander zuvergleichen, sie zu stellen, zu ordnen, und sich dergestalt großesVerdienst zu erwerben.

Aber auch er hat eine gewisse Apprehension gegen einehöhere Methode, die er denn doch selbst nicht entbehrt und,obgleich unbewußt, dennoch anwendet; und so stellt er in einemhöhern Sinne die Eigenschaften Daubentons wieder dar. Ebenso möchten wir sagen, daß Geoffroy einigermaaßen auf Buffonzurückweist. Denn wenn dieser die große Synthese der empi-rischen Welt gelten läßt und in sich aufnimmt, sich aber zugleichniit allen Merkmalen, die sich ihm zum Behuf der Unterschei-dung darbieten, bekannt macht und sie benutzt, so tritt Geoffroybereits der großen abstracten, von jenem nur geahnten Einheitnäher, erschrickt nicht vor ihr und weiß, indem er sie auffaßt,ihre Ableitungen zu seinem Vortheil zu nutzen.

Vielleicht kommt der Fall in der Geschichte des Wissensund der Wissenschaft nicht wieder vor, daß an dem gleichenOrt, auf eben derselben Stelle, in Bezug auf dieselben Gegen-stände, Amt und Pflicht gemäß, durch so lange Zeit eine Wissen-schaft im beständigen Gegensatze von so höchst bedeutendenMännern wäre gefördert worden, welche, anstatt durch dieEinheit der ihnen vorgelegten Aufgabe sich zu einer gemein-samen Bearbeitung, wenn auch aus verschiedenen Gesichts-punkten, einladen zu lassen, nicht durch den Gegenstand, sonderndurch die Art, ihn anzusehen, bis zu feindseligem Widerstreithingerissen, gegen einander auftreten. Ein so merkwürdigerFall aber muß uns allen, muß der Wissenchaft selbst zumBesten gereichen! Möge doch jeder von uns bei dieser Gelegen-heit sagen, daß Sondern und Verknüpfen zwei unzertrennlicheLebensacte sind. Vielleicht ist es besser gesagt, daß es unerläß-lich ist, man möge wollen oder nicht, aus dem Ganzen in'seinzelne, aus dem einzelnen in's Ganze zu gehen, und je leben-diger diese Functionen des Geistes, wie Aus- und Einathmen,sich zusammen verhalten, desto besser wird für die Wissenschaftenund ihre Freunde gesorgt seyn.

Wir verlassen diesen Punkt, um darauf wieder zurück-

zukehren, wenn wir nur erst von denjenigen Männern ge-sprochen haben, die in den siebziger und achtziger Jahren desvorigen Hunderts uns auf dem eigens eingeschlagenen Wegeförderten.

Peter Camper, ein Mann von ganz eigenem Beob-achtungs- und Berknüpfungsgeiste, der mit dem aufmerksamenBeschauen zugleich eine glückliche Nachbildungsgabe verband,und so, durch Reproduktion des Erfahrenen, dieses in sichselbst belebte und sein Nachdenken durch Selbstthätigkeit zuschärfen wußte.

Seine großen Verdienste sind allgemein anerkannt; ich er-wähne hier nur seiner Faciallinie, wodurch das Vorrücken derStirn, als Gefäß des geistigen Organs, über die untere, mehrthierische Bildung anschaulicher und dem Nachdenken angeeig-neter worden.

Geoffroy giebt ihm das herrliche Zeugniß, Seite 149 inder Note:Ein weitumfassender Geist, hochgebildet undimmerfort nachdenkend; er hatte von der Uebereinstimmungorganischer Systeme so ein lebhaftes und tiefes Gefühl, daß ermit Vorliebe alle außerordentlichen Fälle aufsuchte, wo ereinen Anlaß fände, sich mit Problemen zu beschäftigen, eineGelegenheit, Scharfsinn zu üben, um sogenannte Anomalienauf die Regel zurückzuführen." Und was ließe sich nicht alleshinzufügen, wenn hier mehr als Andeutung sollte geliefertwerden!

Hier möchte nun der Ort seyn zu bemerken, daß der Natur-forscher auf diesem Wege am ersten und leichtesten den Werth,die Würde des Gesetzes, der Regel erkennen lernt. Sehen wirimmerfort nur das Geregelte, so denken wir, es müsse so seyn,von jeher sey es also bestimmt und deßwegen stationär. Sehenwir aber die Abweichungen, Mißbildungen, ungeheure Miß-gestalten, so erkennen wir, daß die Regel zwar fest und ewig,aber zugleich lebendig sey, daß die Wesen, zwar nicht aus der-selben heraus, aber doch innerhalb derselben sich in's Unförm-liche umbilden können, jederzeit aber, wie mit Zügeln zurück-gehalten, die unausweichliche Herrschaft des Gesetzes anerkennenmüssen.

SamuelThomasSömmeriug, ward durch Camperangeregt. Ein höchst fähiger, zum Schauen, Bemerken, Denkenaufgeweckter, lebendiger Geist. Seine Arbeit über das Gehirnund der höchst sinnige Ausspruch, der Mensch unterscheide sichvon den Thieren hauptsächlich dadurch, daß die Masse seinesGehirns den Complex der übrigen Nerven in einem hohenGrad überwiege, welches bei den übrigen Thieren nicht statt-habe, war höchst folgereich. Und was gewann nicht, in jenerempfänglichen Zeit, der gelbe Fleck im Mittelpunkte der Re-tina für eine Theilnahme! Wie viel wurden in der Folge dieSinnesorgane, das Auge, das Ohr, seinem Einblick, seinernachbildenden Hand schuldig!

Sein Umgang, ein briefliches Verhältniß zu ihm, wardurchaus erweckend und fördernd. Ein neues Factum, einefrische Ansicht, eine tiefere Erwägung wurden mitgetheilt, undjede Wirksamkeit aufgeregt; alles Aufkeimende entwickelte sichschnell, und eine frische Jugend ahnte die Hindernisse nicht,die sich ihr entgegenzustellen auf dem Wege waren.

Johann Heinrich Merck, als Kriegszahlmeister imHessen-Darmstädtischen angestellt, verdient auf alle Weise hiergenannt zu werden. Er war ein Mann von uuermüdeter