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Zur Naturwiffcnschaft im allgemeinen.
geistigerThätigkeit, die sich nur deßwegen nicht durch bedeutendeWirkungen auszeichnete, weil er, als talentvoller Dilettant,nach allen Seiten hingezogen und getrieben wurde.
Auch er ergab sich der vergleichenden Anatomie mit Leb-haftigkeit, wo ihm denn auch ein zeichnerisches Talent, das sichleicht und bestimmt auszudrücken wußte, glücklich zu Hülse kam.
Die eigentliche Veranlassung jedoch hierzu gaben die merk-würdigen Fossilien, auf die man in jener Zeit erst eine wissen-schaftliche Aufmerksamkeit richtete, und welche mannichfaltigund wiederholt in der Flußregion des Rheins ausgegrabenwurden. Mit habsüchtiger Liebhaberei bemächtigte er sich man-cher vorzüglichen Exemplare, deren Sammlung nach seinemAbleben in das Großherzoglich Hessische Museum geschasst undeingeordnet, und auch daselbst durch den einsichtigen Custosvon Schleiermacher sorgfältig verwahrt und vermehrt worden.
Mein inniges Verhältniß zu beiden Männern steigerte,zuerst bei persönlicher Bekanntschaft, sodann durch fortgesetzteCorrespondenz, meine Steigung zu diesen Studien; deßhalbsuchte ich, meiner angeborenen Anlage gemäß, vor allen Din-gen nach einem Leitfaden, oder wie man es auch nennen möchte,nach einem Punkt, wovon man ausginge, eine Maxime, an derman sich halten, einen Kreis, aus welchem nicht abzuirren wäre.
Ergeben sich nun heutiges Tags in unserm Felde ausfallendeDifferenzen, so ist nichts natürlicher, als daß diese damals sichnoch mehr und öfter hervorthun mußten, weil jeder, von seinen!Standpunkt ausgehend, jedes zu seinen Zwecken, alles zu allemnützlich anzuwenden bemüht war.
Bei der vergleichenden Anatomie im weitesten Sinne, insofern sie eine Morphologie begründen sollte, war man denndoch immerfort so mit den Unterschieden wie mit den Ueber-einstimmungen beschäftigt. Aber ich bemerkte gar bald, daßman sich bisher ohne Methode nur in die Breite bemüht habe;man verglich, wie es gerade vorkam, Thier mit Thier, Thieremit Thieren, Thiere mit Menschen, woraus eine unüberseh-bare Weitläufigkeit und eine sinnebetäubende Verworrenheitentstand, indem es theils allenfalls Paßte, theils aber ganz undgar sich nicht fügen wollte.
Nun legte ich die Bücher bei Seite und ging unmittelbaran die Natur, an ein übersehbares Thierskelett; die Stellungauf vier Füßen war die entschiedenste, und ich fing an, vonvorn nach hinten, der Ordnung nach, zu untersuchen.
Hier fiel der Zwischenknochen vor allen, als der vorderste,in die Augen, und ich betrachtete ihn daher durch die verschie-densten Thiergeschlechter.
Aber ganz andere Betrachtungen wurden eben dazumalrege. Die nahe Verwandtschaft des Affen zu dem Menschennöthigte den Naturforscher zu peinlichen Ueberleguugen, undder vortreffliche Camper glaubte den Unterschied zwischen Assenund Menschen darin gefunden zu haben, daß jenem ein Zwi-schenknochen der obern Kinnlade zugetheilt sey, diesem aber einsolcher fehle.
Ich kann nicht ausdrücken, welche schmerzliche Empfindunges mir war, mit demjenigen in entschiedenem Gegensatz zustehen, dem ich so viel schuldig geworden, dem ich mich zunähern, mich als seinen Schüler zu bekennen, von dem ich alleszu lernen hoffte.
Wer sich meine damaligen Bemühungen zu vergegenwärti-gen die Absicht hätte, findet, was schriftlich verfaßt worden, in
dem ersten Bande dessen, was ich zur Morphologie gelieferthabe (S. 1—98 d. Bds.); und welche Mühe man sich gegeben,auch bildlich, worauf doch alles ankommt, die verschiedenen ab-weichenden Gestalten jenes Knochens zu verzeichnen, läßt sichnunmehr aus den Verhandlungen der Kaiserlich Leopoldinisch-Carolinischen Akademie der Naturforscher ersehen, wo sowohlder Text wieder abgedruckt als die dazu gehörigen, lange Jahreim Verborgenen gebliebenen Tafeln freundlichst aufgenommenworden. Beides findet sich in der ersten Abtheilung des fünf-zehnten Bandes.
Doch ehe wir jenen Band aufschlagen, habe ich noch etwaszu erzählen, zu bemerken und zu bekennen, welches, wenn esauch nicht von großer Bedeutung wäre, doch unsern strebendenNachkommen zum Vortheil gereichen kann.
Nicht allein die ganz frische Jugend, sondern auch der schonherangebildete Mann wird, sobald ihm ein Prägnanter folge-rechter Gedanke aufgegangen, sich mittheilen, bei andern einegleiche Denkweise aufregen wollen.
Ich merkte daher den Mißgriff nicht, da ich die Abhand-lung , die man so eben finden wird, in's Lateinische übersetzt,mit theils umrissenen theils ausgeführten Zeichnungen ausge-stattet, an Peter Camper zu übersenden die unbesonnene Gut-mllthigkeit hatte. Ich erhielt darauf eine sehr ausführliche,wohlwollende Antwort, worin er die Aufmerksamkeit, die ichdiesen Gegenständen geschenkt, höchlich lobte, die Zeichnungenzwar nicht mißbilligte, wie aber solche Gegenstände besser vonder Natur abzunehmen seyen, guten Rath ertheilte und einigeVortheile zu beachten gab. Er schien sogar über diese Be-mühung etwas verwundert, fragte, ob ich dieses Heft etwaabgedruckt haben wollte? zeigte die Schwierigkeiten wegen derKupfer umständlich an, auch die Mittel, sie zu überwinden.Genug, er nahm als Vater und Gönner allen billigen Antheilan der Sache.
Aber davon war nicht die geringste Spur, daß er meinenZweck bemerkt habe, seiner Meinung entgegenzutreten undirgend etwas anderes als ein Programm zu beabsichtigen. Icherwiederte bescheiden, und erhielt noch einige ausführlichewohlwollende Schreiben, genau besehen nur materiellen In-halts , die sich aber keineswegs auf meinen Zweck bezogen, der-gestalt daß ich zuletzt, da diese eingeleitete Verbindung nichtsfördern konnte, sie ruhig fallen ließ, ohne jedoch daraus, wieich wohl hätte sollen, die bedeutende Erfahrung zu schöpfen,daß man einen Meister nicht von seinem Irrthum überzeugenkönne, weil er ja in seine Meisterschaft aufgenommen und da-durch legitimirt ward.
Verloren sind leider, mit so vielen andern Documenten,jene Briefe, welche den tüchtigen Zustand jenes hohen Mannesund zugleich meine gläubige, jllngerhafte Deferenz sehr lebhaftvergegenwärtigen müßten.
Aber noch ein anderes Mißgeschick betraf mich: ein aus-gezeichneter Mann, Johann Friedrich Blumenbach,der sich niit Glück der Naturwissenschaft gewidmet, auch beson-ders die vergleichende Anatomie durchzuarbeiten begonnen,trat in seinem Compendium derselbe» auf Campers Seite,und sprach dem Menschen den Zwischenknochen ab. Meine Ver-legenheit wurde dadurch auf's höchste gesteigert, indem einschätzbares Lehrbuch, ein vertrauenswürdiger Lehrer meineGesinnungen, meine Absichten durchaus beseitigen sollte.