Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Zur Naturwiffenschast im allgemeinen.

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Aber ein so geistreicher, fort untersuchender und denkenderMann konnte nicht immer bei einer vorgefaßten Meinungverharren, und ich bin ihm, bei traulichen Verhältnissen, überdiesen Punkt, wie über viele andere, eine theilnehmende Be-lehrung schuldig geworden, indem er mich benachrichtigte, daßder Zwischenknochen bei wasserköpfigen Kindern von der obernKinnlade getrennt, auch bei dem doppelten Wolfsrachen alskrankhaft abgesondert sich manifestire.

Nun aber kann ich jene damals mit Protest zurückgewiesenenArbeiten, welche so viele Jahre im Stillen geruht, hervorrufenund für dieselben mir einige Aufmerksamkeit erbitten.

Auf die erwähnten Abbildungen habe ich mich zunächstvollkommener Deutlichkeit wegen zu berufen, noch mehr aberauf das dÄltonsche große osteologische Werk hinzudeuten, woeine weit größere, freiere, in's Ganze gehende Uebersicht zugewinnen ist.

Bei allem diesem aber habe ich Ursache, den Leser zu er-suchen, sämmtliches bisher Gesagte und noch zu Sagende alsmittelbar oder unmittelbar bezüglich aus den Streit jener beidentrefflichen Französischen Naturforscher, von welchem gegen-wärtig immer die Rede bleibt, durchaus anzusehen.

Sodann darf ich voraussetzen, man werde jene so ebenbezeichneten Tafeln vor sich zu nehmen und sie mit uns durch-zugehen geneigt seyn.

Sobald man von Abbildungen spricht, versteht sich, daßeigentlich von Gestalt gehandelt werde, im gegenwärtigenFalle aber sind wir unmittelbar auf die Function der Theilehingewiesen; denn die Gestalt steht in Bezug auf die ganzeOrganisation, wozu der Theil gehört, und somit auch auf dieAußenwelt, von welcher das vollständig organisirte Wesenals ein Theil betrachtet werden muß. In diesem Sinne alsogehen wir ohne Bedenken weiter zu Werke.

Auf der ersten Tafel sehen wir diesen Knochen, welchenwir als den vordersten des ganzen Thierbaues erkennen, aufverschiedene Weise gestaltet; eine nähere Betrachtung läßt unsbemerken, daß durch ihn die nöthigste Nahrung dem Thierzugeeignet werde; so verschieden daher die Nahrung, so ver-schieden wird auch dieses Organ gestaltet seyn. Bei dem Rehfinden wir einen leichten, zahnlosen, knöchernen Bügel, umGrashalmen und Blattzweige mäßig abzurupfen. An deniOchsen sehen wir ungefähr dieselbige Gestalt, nur breiter,plumper, kräfüger, nach Maaßgabe der Bedürfnisse des Ge-schöpfes. In der dritten Figur haben wir das Kameel, welchesschasartig eine gewisse, beinahe monströse Unentschiedenheitzeigt, so daß der Zwischenknochen von der obern Kinnlade,Schneidezahn vom Eckzahn kaum zu unterscheiden sind.

Auf der zweiten Tafel zeigt sich das Pferd mit einem be-deutenden Zwischenknochen, sechs abgestumpfte Schneidezähneenthaltend; der hier, bei einem jungen Subject, unentwickelteEckzahn ist der obern Kinnlade vollkommen zugeeignet.

Bemerkenswerth ist an der zweiten Figur derselben Tafeldie obere Kinnlade der 8us bndirussn, von der Seitebetrachtet; hier sieht man in der obern Kinnlade den wunder-baren Eckzahn ganz eigentlich enthalten, indem dessen Alveolean den schweinartig bezahnten Zwischenkiefer kaum anstreiftund nicht die mindeste Einwirkung auf denselben bemerken läßt.

Auf der dritten Tafel schenken wir unsere Aufmerksamkeitder dritten Figur, dem Wolfsgebiß. Der vorgeschobene, mit

Goethe Werke. VI.

sechs tüchtigen, scharfen Schneidezähnen versehene Zwischen-knochen unterscheidet sich an Figur d durch eine Sutur sehrdeutlich an der obern Kinnlade, und läßt, obgleich sehr vor-geschoben, die genaue Nachbarschaft mit dem Eckzahne ersehen.Das Löwengebiß, mehr zusammengezogen, zahnkräftiger undgewaltsamer, zeigt jene Unterscheidung und Nachbarschaft nochgenauer. Des Eisbärs gleiches Vordergebiß, mächtig, aberunbehülflich, plump, eine charakterlose Bildung, auf alle Fälleweniger zum Eingreifen als zum Zerknirschen fähig; dieOans,ke8 pnlntini breit und offen; von jener Sutur aber keineSpur, die man jedoch im Geiste zeichnen und ihr den Laufanweisen wird.

Auf der vierten Tafel Trieüserw rosmsrus giebt zumancherlei Betrachtungen Anlaß. Das große Uebergewicht derEckzähne gebietet dem Zwischenknochen zurückzutreten, und daswiderwärtige Geschöpf erhält dadurch ein menschenähnlichesAnsehen. Fig. 1, eines schon erwachsenen Thieres verkleinerteAbzeichnung, läßt den abgesonderten Zwischenknochen deutlichsehen; auch beobachtet man, wie die mächtige, in der obernKinnlade gegründete Wurzel, bei fortwachsendem Hinauf-strcben, eine Art Geschwulst aus der Wangenfläche hervor-brachte. Die Figuren 2 und 3 sind nach einem jungen Thieregleicher Größe gebildet. Bei diesem Exemplar ließ sich derZwischenknochen völlig von der obern Kinnlade sondern, daalsdann der Eckzahn in seiner der obern Kinnlade ganz alleinangehörigeu Alveole ungestört zurückbleibt.

Nach allem diesem dürfen wir kühnlich behaupten, daß dergroße Elephanteuzahn gleichfalls in der obern Kinnlade wurzele;wobei wir zu bedenken haben, daß bei der ungeheuernForderung, die hier an die obere Kinnlade geschieht, derbenachbarte Zwischenknochen, wo nicht zur Bildung der un-geheuern Alveolen, doch zu deren Verstärkung eine Lamellehergeben sollte. So viel haben wir bei sorgfältiger Untersuchungmehrerer Exemplare auszufinden geglaubt, wenn auch schondie im vierzehnten Bande vorgestellten Schädelabbildungenhierin keine Entscheidung herbeiführen.

Denn hier ist es, wo uns der Genius der Analogie alsSchutzengel zur Seite stehen möge, damit wir eine an vielenBeispielen erprobte Wahrheit nicht in einem einzigen, zweifel-haften Fall verkennen, sondern auch da dem Gesetz gebührendeEhre erweisen, wo es sich uns in der Erscheinung entziehenmöchte.

Auf der fünften Tafel ist Affe und Mensch einander ent-gegengestellt. Was den letztem betrifft, so ist, nach einembesondern Präparat, Trennung und Verschmelzung des ge-dachten Knochens deutlich genug angegeben. Vielleicht wärenbeide Gestalten, als Ziel der ganzen Abhandlung, mannich-faltiger und klarer abzubilden und gegen einander zu stellengewesen. Aber gerade zuletzt, in der prägnantesten Zeit,stockte Neigung und Thätigkeit in jenem Fache, so daß wirschon dankbar anerkennen müssen, wenn eine hochzuverehrendeSocietät der Naturforscher diese Fragmente ihrer Aufmerksam-keit würdigen, und das Andenken redlicher Bemühungen indem unzerstörbaren Körper ihrer Acten aufbewahren wollen.

Noch aber müssen wir unsere Leser um fortgesetzte Auf-merksamkeit bitten: denn, von Herrn Geoffroy selbst veran-laßt, haben wir noch ein anderes Organ in eben diesem Sinnezu betrachten.

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