Grönländische Prozesse
oder
satirische Skizzen.
Erstes U ä n d c!) e n.
I.
Ueber die Schriftstellerei.
Ein Opusculum posUiumwu *,
Eine Priesterin der Venus, die" ihre letztenReize auf den weichen Altären ihrer Göttin ge-opfert, und deren Schönheit kein Käufer) derWollust eines verstohlnen Wunsches mehr wür-digt, ist darum noch nicht auf dem Wege, gegendie alte Schande den Ruhm der Besserung einzu-tauschen , und auf den sichtbaren Wink der neuenHäßlichkeit den Dienst des Vergnügens zu verlas-sen. Vielmehr wiederholt ihr Geist die Rolle desKörpers; denn Sie wird aus einer Schülerin derLiebe die Lehrerin derselben, sie nährt sich von denLastern, die sie nur lehren und nicht üben kann,sie beschaut ihr voriges Leben in der Gelehrigkeitihrer Zöglinge, und erleichtert sich dadurch dasschmerzliche Andenken ihres jetzigen Unwerths. —Eben so ich. Das Mißvergnügen, nicht mehrschreiben zu können, lindere ich mir durch dasVergnügen, es andern zu lehren. Nämlich: ichwidmete vor vielen Jahren meine rechte Hand mitallen ihren Muskeln dem großen Apoll; und inder That, ich konnte ihm kein wichtigeres Gliedmeines Körpers widmen. Schon der leere Raumin meinem Magen versprach der gelehrten Welteine Feder, so unerschöpflich an Dinte, als dasKrüglein jener Wittwe an Oel; und in der langanhaltenden Theurung war ich auf dem Wege,ein Polyhistor, wenigstens ein Polygraph zu wer-
* Der Verfasser dieses Wcrkchcns gab "vor einem halbenZahrc seinen unsterblichen Geist auf. Er war Famuluseines berühmten Professors; daher er auch nichts lernte.Er würde eben darum Kollegien gelesen und Beifall ge-funden haben; allein er hatte zu wenig Geld, um sichein lateinisches bi. oder v zur Vorzicrdc vor seinem Na-men kaufen zu können. Was er aber hatte, fraß einelangwierige Krankheit auf, die ihn bis ins Alter beglei-tete, wo er starb, doch nicht ohne sich unsterblich gemachtzuhaben. —
den, eine unglückliche Handgicht lahmte alle Mus-keln des Genies und zog die Schöpfer der Unsterb-lichkeit, die Werkzeuge der Begattung mit denMusen, die fruchtbaren Staubfäden, ich meinedie fünf Finger, in einen schmerzlichen Krampfzusammen! An dieser Gicht starb eigentlich meineUnsterblichkeit, weil keine neue Lorbeeren meinenerkämpften Ruhm behaupteten, und ich viel ehervergessen wurde, als hergestellt. Da es mir aberin meinen alten kranken Tagen immer schwererwird, die Flechsen meines steifen Arms .für diegelehrte Republik anzuspannen : so will ich dassauer erworbne Schreibgeld für einen Schreiberanwenden, dem ich alles in die Feder sage, undwill meine fast erloschnen Gedanken durch eineneue Anstrengung wieder zu einem Buche anfa-chen. Der Invalide lehrt exerzieren, und ich lehrein diesem Werkchen, wie gesagt, schreiben. Dasheißt, ich entwickle die Ursachen der Autorschaft,als da sind Hunger, (aber nicht Sättigung,)Trunkenheit, (aber nicht Durst,) Jugend, Liebeu. s. w., und ziehe aus den vortrefflichsten neuenSchriftstellern die Erfordernisse.eines guten Buchs,z. B. zweckmäßigen Unsinn u. so ferner, ab. Ichhabe meistens die schönen Wissenschaften im Auge,die literarische Gemeinweide, den Spielplatz derschriftstellerischen Jugend. —
Dem leiblichen Hunger der Schriftsteller ver-dankt daS Publikum seine geistliche Sättigung.Einige Aerzte leiten aus dem Magen alle Krank-heiten her; ich wollte aus demselben noch leichterden Ursprung der meiste» Schriften erklären, undzeigen, daß weniger der Nervensaft des Gehirnsals die unbefriedigte Galle des Magens an derErzeugung eines Buchs arbeiten. Ein überfüllterMagen schickt dem Kopfe, als Folgen der Ueberla-dung, Trägheit und Dumpfheit zu; warum sollteein leerer nicht besser das Dachstübchen der Seeleerleuchten, und sie nicht mit der Heiterkeit unddem Verstände begeistern können, durch derenHülfe seinen Bedürfnissen abgeholfen wird? —Der leere Magen setzt einen Autor in ein gelehr-tes Feuer durch die von unten aufsteigenden Dünste,