Band 
I.
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Grönländische Prozesse.

2Astes. Jedem muß schlüßlichdie Feindschaft zwi-schen der Phantasie und dem Verstände (und alsozwischen dem Genie und den Regeln) aus denentgegengesetzten Wirkungen, die das Alter aufbeide äußert, einleuchten, und jeder wird zugeben,daß die Menge der Jahre nicht nur die wei-chen Theile eines alten Körpers zur Ähnlichkeitmit den Knochen eines Jünglings, sondern auchgraue Gedichte zur Ähnlichkeit mit dem Gerippejugendlicher verhärte.

2-istes. Weiter. Aristoteles behauptet in sei-ner Politik, Laß eine winkelig - und regellos ge-baute Stadt gegen den Feind beschirme, weil die-ser sich und die Bürger darin schwerer zu findenwisse. So beschützet sich ein unregelmäßigesKunst- oder Unkunstwerk herrlich gegen den Kunst-richter, welcher an denselben seine Waffen, näm-lich seine kritischen Maßstäbe gar nicht anzulegenvermag. Aber in einem Werke, das den Regelngehorchte, ist er Selbstherrscher und kann diekleinste Uebertretung derselben leichter entdeckenund bestrafen..

2Sstes. Ein Genie, das alle seine Fehler aus-gefegt hätte, würde dem Leser schmecken, wie ein«Schnepfe, die vor dem Schusse Pillen genommenhätte — es wäre der Schnepfendreck weg.

28steS. Manche Fehler begehen nur großepoetische Flügelmänner; unter allen Vögeln har-nen keine als der Strauß und der Kasuar.

27stes. Und wodurch stehen denn Shakspeareund der Vesuv so groß und hoch da, als durch ihreAuswürfe?

28steS. Käm' eS auf die Kritik an, so be-hielte kein Genius etwas Großes; denn sie istwie die Römer, welche den Karthagern nachdem Ende deS zweiten punischen Kriegs alle Ele-phanten auszuliefern befahlen..

2Sstes. Nein, sie ist nicht blos wie die Rö-mer , sondern auch wie die Zürcher, bei welchenjeder Gelehrte, von den Geistlichen an, sich ineiner Zunft der Handwerker, der Schneider,Schuster rc. einschreiben lassen muß.

SNsteS. Außerdem läuft die ganze durch Kri-tik zu erringende Mittelmäßigkeit doch im Grundnur auf Bedeckung, nicht auf Hiuwegnahme derFehler hinaus; dieses lehret jeden schon der Besen,

welchen die Magd auf das Auskehri ch t lehnetDie Kritik ist also ein Besen.

Allstes. Endlich was wäre thörichter, als wennPygmalion seinen Meißel auf die weiche Brustseiner doppeltbelebten Statue setzte, um dieBrustwarze z» der Kleinheit zuzuspitzen, welcheWinkelmann im ersten Theile seiner Geschichte derKunst als die erste Bedingung eines schönen grie-chischen Busens den Bildhauern angepriesen?Nein, statt seinen Meißel einer so kalten Kri-tik zu leihen, wird der entzückte Künstler sichlieber an den Sitz des verkannten Fehlers selberschmiegen, und die Kunst über der Liebe ver-gessen.

52stes. Zu Athen wurden Pallas und Ce-res zuerst durch unbehauene Pfähle dargestellt,so wie die Grazien durch unbehauene Steine.Eben so kann ein Schriftsteller Wissenschaftenund Fruchtbarkeit (von der Grazie sprech' ich nichteinmal) zum Anbeten für Leser durch Gewächse,die er unbeschnitten läßt, nicht einmal durch bloßeunbehauene Pfähle aus dem Baume, aufstellen.Und dies wird man nirgend besser sehen, als anmir selber, der ich hier zu gleicher Zeit das Bei-spiel einer solchen Schreibart und des Beifalls,den sie erhält, in der Vertheidigung derselbendurch die 32 Gleichnisse oder Vota geben, wovonblos dieses 32ste mein eignes oder des Präsiden-ten Votum ist.

So aber ist die ganze Sache und die Unwich-tigkeit der Regeln durch 31 Gleichnisse oderStimmen gegen 29 vor der Hand durch eineSechziger-Sitzung entschieden. Um so wenigeristS ein Wunder, daß die Entscheidungen darüberbisher so hin und her geschwankt, da der Aus-schlag von zwei so unmerkbaren Stäubchen be-stimmt wurde. Sollte man gegen diese Stim-menmehrheit neue Gleichnisse einwenden, so werd'ich sie mit andern schon wieder zu beantwortenverstehen; denn ich hätte ja schon bei völligerStimmen-Gleichheit von 39 Gleichnissen für dieKritik und 39 dagegen durch mein 5isteS Votumals Vorsitzer der Sitzung den Ausschlag gebenkönnen. Wenn in England zuweilen neue Pairsim Oberhause auf der Stelle zum Uebergewichterschaffen wurden: warum hier nicht noch leichterneue Gleichnisse?

Mit aller Unparteilichkeit aber, deren man insolchen Streitigkeiten fähig ist, hab' ich Gründeund Gegengründe vor deinen Ohren, denkenderLeser, stimmen lassen; und wenn du mit derselbenUnparteilichkeit entscheidest, und dein Verstand,seiner Bestimmung getreu, nicht für Schlingender Dialektik den seidnen Fade» der Ariadne fallenläßt, sondern wie Paris den Siegapfel, kalt gegendie kalte weise Minerva, warm der schönen Venuszuerkennt: so wirst Du, wenn Du dem Lesen das