Band 
I.
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192 Auswahl

tvdtgebornen Jungen der Löwin durch seineStimme das Leben zutheilt. Mein herzlicherWunsch ists, die übrigeuMezensenten möchten dieRezension der poetischen Werke meiner Frau nichtwieder zu einem Beweise gerathen lassen, wiesehr sie alle Achtung gegen das schöne Geschlechtzu verletzen gewohnt sind und wie wenig bekannteS noch ihnen ist, Laß denkende Kunstrichter dieDamen unter die Poeten, wie Linnäus die sanft-müthigen Tauben unter die Sangvögel,

. nicht seit gestern stellen.

Man wird mich billigen, daß ich oben die Erha-benheit ihrer Hand nicht ganz dem Riechsackebeimeffen wollte, sondern schon an die neben ihmeingesetzten poetischen Anlagen dachte, die sichdurch stille Erhebung der Hände ankündigen.Wie wenig ist die Physiognomik der Hände trüg-lich und wie viele poetische Talente lebendigerDamenhände sind schon durch ungeistige Handar-beiten gänzlich niedergedrücket worden! Ichmuß daher die Ausgabe ihrer Werke mit einerSilhouette ihrer Hand anfangen, und dadurchdem physiognomischen Riesen wider seine Erwar-tung ein neues Glied ansetzen, da er gegen seineFeinde so viele Schattenköpfe als die Hydra,und so viele Schattenhände als Briareus von-nöthen hat.

Mich wundert nichts mehr, als daß neulich eingewisser Scyulrektor ein lateinisches Michaelispro-gramm gegen mich und meine dichtende Figur abge-schossen, worin er beweise» will, ein Wesen von Holz,wie meine Gattin sicher sei, wäre ganz und gar nichtim Stande, einen Vers hervvrzutreiben, der ver-diente, daß ihn das ganze gesittetere Publikumdurchliefe. Dieser Mann, der einem Wesen, dasdoch existiert, aus keiner Ursache den Namen ei-nes anmuthigen Poeten abschlägt, als weil esnicht von Fleisch ist, sondern von Holz, muß vonjenen alten Theologen etwas an sich haben, diedie Eva keinen Menschen nennen wollten, blosweil sie nicht wie Adam aus Erde, sondern auseiner harten Rippe gestaltet morden. Es ist un-möglich, daß erfolgendes vor der Schreibungseines Programmes übersonnen: wenn der blindeBlack lock (nach dem Berichte des Monboddo)herrliche Schilderungen der sichtbaren Gegen-stände erschaffen konnte, ohne nur einen wegenseiner angebornen Blindheit gesehen zu haben:soll es meiner Gattin schwerer sein, bessere, oderdoch ähnliche poetische Abzeichnungen von Gegen-ständen der Sinne, der Empfindung und desDenkens zu entwerfen, ohne diese Gegenständedurch eigene Erfahrung zu kennen? — Alle Dich-ter nennt man figürlich Adler, weil sie hoch flie-gen; wenn nun Regiomvntan aus Holz recht guteinen Adler schnitzte, der fliegen konnte: getrauetsich wohl der H. Rektor von der Unmöglichkeit ei-nen kurzen Beweis zu führen, aus Holz auch ei-nen Adler im metaphorischen Sinne zusammenzu-setzen , der blos im figürlichen Sinne ein wenighoch zu fliegen vermag? Und leuchtet ihm dieMöglichkeit einer Maschine, die mit einemDrucke die Federn» die sonst die Gelehrten sich zu-spitzten, schneidet, leichter und stärker ein, alsdie von einer, die die Federn eben so gut führt?Oder wollen die größten Gelehrten dem Homer

zu seinem Heldengedicht gern den Gebrauch vielepoetischer Maschinen verstatten: meinerarmen leblosen Frau hingegen bei ihrem Poetisie-ren die einzige poetische Maschine verden-ken, die ihr guter Ehemann in ihre rechte Handeinheftete, ein springender und lachender Ehe-mann, von dessen Verdiensten ein Quartant zuschreiben wäre?

Gleichwohl scheint es, daß sie mit diesem dich-terischen Geiste eine Unzufriedenheit mit den altenReligionbegriffen verknüpft, die vielen französi-schen Damen fehlet, wenn sie todtkrank sind oderallein; und ich denke, sie hat den rechten Unglau-ben. Ich will hoffen, es ist keine Täuschung,wenn ich an ihr bemerkt zu haben glaube, daß siein einer acht und vierzigjährigen Ehe nicht Ein-mal Schmvlkens Gebetbuch zur Hand »ahm, sowie ich selbst nicht (und sollt' ich deswegen völligverdammt werden, so kann ich nichts dafür: siehätte mir mit einem andern Beispiele vorgehenmüssen und auf sie schiebe ich die meiste Schuld) —sie weiß ferner noch kein Wort, daß wir eine re-parierte Kirche neben uns haben, die ausdrücklichfür solche leblose Damen aufgeführet ist — auchließ ich mich nie mit einem gewissen Jesuiten inReligiongespräche ein, ohne an ihr die schon obenangeregte lächelnde Oeffnung des Mundes wahr-zunehmen, von der man glaubt, daß sie damitnicht so sehr ihre natürlichen als ihre sati-rischen Zähne weisen wollte (und mehr kann einchristlicher Leser von einem Haubenkvpfe gar nichtgegen die Religion verlangen, als daß er sie aus-lacht) — endlich hab' ich in ihr auch den Wurzelndes weiblichen Aberglaubens den gewöhnlichenBoden nicht bewilligt, L. h. kein Herz, son-dern ich ließ den Rumpf Mosis so leer als er un-ter der Kanzel und auf dem Kirchboden war. Ue-berleg' ichs vollends, daß sie außer dem Verständeauch eine französische Bibliothek hat, so kann ichunmöglich glauben, daß sie nicht denke, sondernwirklich noch glaube, sie habe eins Seele undkeine Maschine, sie werde die Zerstörung ihrervergänglichen Hülle überleben und für ihre Tu-genden einen auffallenden Lohn empfangen, sie seikein Werk des Zufalls, sondern eines vernünfti-gen Wesens. Freilich muß ich unglücklicherweisemehr aus ihren Handlungen und ihrem Aeußern,als ihrem Innern schließen, und sie könnte wideralle unsere Hoffnungen doch nur einen bloßenM und un g l aub e n haben: allein von dieserunangenehmen Unwissenheit ist man wirklich inRücksicht der vornehmsten Hofdamen eben se we-nig frei; denn sind ihre Reden und Handlungenuns wohl sichere Bürgen, daß sie nicht dem unge-achtet geheim in ihrem Herzen noch den Glaubenan Gott, Unsterblichkeit und Tugend nähren, ei-nen Glauben, den man ihnen um desto mehrohne Unbilligkeit zutrauen könnte, je weniger sietief und lauge untersuchen können? Ich thue dasgar nicht, aber ich sag' es nur so. Dabei bat! eine unbelebte noch mehr Muth zum Nichtsglau-ben, als wenige belebte. Denn sie zittert nichtnur vor der Hölle wenig, sondern auch — unddas halt' ich für recht schwer — vor keiner Maus,und man weiß kaum, wen sie mehr verschmäht,ob den Teufel oder eine Spinne, Zwar streuet