Band 
I.
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aus des Teufels Papieren. 203

ehelichung, auf ihre Krönung, auf ihren Tod,auf ihre Siege vorkamen: so wollt' ich auf kame-ralistischö Betrachtungen verfallen und fing — esging aber nicht — so an: Ich weiß so gut alsirgend ein Rock, der in einem Vorzimmer auf-passet , daß der Fürst ein Landesvater ist, der sei-nen Kindern, den unapanagierten Unterthanen,wie ein guter Vater wenig mehr Geld lassen sollals blos zum Spaße, oder wenn sie einen neuenRock und neue Taschen anbekommen, und das blosum sie zum Besitze und Sparen des Geldes abzu-richten — ich müßte auch meine Pandekten gar zuschlecht gelesen haben, wenn ich nicht wüßte, daßmithin dieser Vater wie jeder römische seine Kin-der — und das geht bis zum Urenkel — für einenützliche Art von Sklaven ansehen kann, derenHöflichkeit, etwas eignes zu besitzen, und derenFreiheit und Emanzipazion wahrhaftig noch nichtda sein kann, nachdem sie nicht öfter nach Ame-rika , Asia, Afrika und Europa verkauft wordenals Einmal, da das römische Kind dreimal ver-handelt wurde: — Allein ein Fürst, bis zum ge-bürsteten Abt herunter, kann nicht allemal (erwisse immerhin, eS sei seine Pflicht) durch ori-entalische — sinesische — persische — flämische undafrikanische Mittel das Vermögen seiner Untertha-nen erheben und einkassieren: sondern es ist ge-nug und er thut schon seiner Pflicht Genüge,wenn er blos Finanzkammerräthe und Hebungbe-diente anstellst, die sich als gesunde einsän-gende Gefäße am Staatkörper aufführen, unddie von Zeit zu Zeit so viel von ihren Reple-z tonen, als sie mit der Hand fassen können, aufseinen Thron hinauswerfen. Freilich machen wirjetzt wenig oder nichts aus dieser nützlichen Ampu-tazivn unsers Vermögens, die uns dadurch zu-wüchset : allein wir würden den Werth einer sol-chen Amxutazion schon mehr zu schätzen wissen,wen» wir nur jemals so unglücklich gewesen wären,aus eigner Erfahrung ( nicht blos aus vagen ge-druckten Schilderungen) zu wissen, wie es insolchen Ländern hergeht, wo man den Unter-thanen alles lässet und wo die Kammerräthenichts nehmen.

Bei so vielen fürstlichen Köpfen fiel mir desSteuereinnehmers seiner ein, für den ich vor vie-len Zähren eine Defension geführt hatte, weilweder er noch ich wollte, daß er ins Zuchthaussollte: die Kammer wollt' es nämlich, weil er dielandesherrliche Kasse so sehr wie seine eigene ge-liebt und geleert hatte. Allein ich sagte in derbekannten Defensionschrift, ich hätte verschiedenekleine Reisebeschreibungen gelesen und wüßte alsorecht wohl der Welt Lauf) besonders der landes-herrlichen Kaffenbedienten ihren. Ich hättebeim Steuereinnehmer oft Abends gegessen undwüßte mithin, wie wenig er aus dem Gelde macheund wie gern er es zum Fenster hinauswerfe,wenn er voraussehe, daß es in Gestalt eines aus-ländischen Gerichts oder eines Korb Weins wie-der zur Hausthür hineintrete. Ich folgerte also,daß er seinen anziehenden Pol (statt des zurück-stoßenden) an die Steuergelder aus einer ganz an-dern Liebe gehalten hätte, als der zum Gelde, daser so wegwürfe — nämlich aus der zum Fürstenselbst. Das sollte aber in den Akten bemerkt sein.

Seine Liebe ging wie bei jedem Liebhaber soweit, daß er Tag und Nacht auf ein Bild, aufeine Silhouette des geliebten Objektes aus war,und zwar auf eine recht dauerhafte Abbildung auswürdiger Materie, wofür ich und er Gold undSilber halten; diese Abbildungen des Fürstenhatte er nun in seiner Steuerkaffe ganz an derHand und eignete sie sich natürlich zu und that sichauch nach frischen um, wenn ihm die alten abhan-den gekommen waren. Ich bezeugte in der De-fensionschrift , hätt' ich ein Ding auf meinen Haa-ren, das meine Kollegien keinen Fürstenhut, son-der» eine Fürstenkrons nennen dürften, so würd'ich solche Evaknazionen meiner Kasse in die Ru-brik des Diebstahls bringen, den der Stutzer amSchnupftuch einer Schönen verübt, und für dener wie Sakrales sich die Strafe selbst diktieretnämlich eins Belohnung. Endlich versichert' ich,ich hoffte nicht, daß man übrigens dem Steuer-einnehmer auch den Meineid, den er dabei hättebegehen müssen, aufmuzen würde, da ein Eid jakein Ehrenwort wäre, das man halten müßte,und er überhaupt einen Mann so wenig bindenkönnte, daß die Fürsien sich seiner, als eines zubrüchigen Siegellacks in ihren Verträgen jetztgar nicht mehr bedienen möchten/und ihn den Ge-richthaltern und Amtleuten überließen, die aberihrer Seits wieder versicherten, auch sie könntenmit diesem künstlichen Beweis nichts rechtes inwichtigern Dingen anfangen, und sie ließen da-her am häufigsten bei den kleinsten Kleinigkeitenschwören und den Juden die Hand bis anden Knorren aus Gesetzbuch legen, wie dieReichskammergerichtordnung Th. 4. Ht. 98. aus-drücklich verlange. *

Jetzt ging ich gar nach Hause, weil auf einmalin meinem heitern Kopf das Gedankenwölkchen(es dehnte sich zuletzt über den ganzen Kraniums-horizont aus) aufstieg, daß ich hier die Münzenblos darum philosophisch betrachtete, weil ich selberkeine hätte — und in diesem schlechten Humorwürd' ich zu Hause die Münzbetrachtungen »ie-dergezeichnet haben, wär' er nicht wieder unendlichdurch einen magern Bettler verbessert und beleh-ret worden, der auf einem unbeschreiblichen Pferdesaß und damit nach Almosen vor den Thüren her-um ritt — die Knie waren seine Lenkzügel undeine Hausthür war sein Brrrr! — das Pferdwußte nichts von Hülsen, noch von Hülfe — esbeherrschte seine Leidenschaften ganz — und derReiter es selbst — ich glaube nicht, daß das Pferdvor meiner Hausthür sang oder einen Bettelbriefvorwies oder einen Armsneid ablegte — aber jedemilde Seele mußte eher an das Trauer- und Ste-ckenpferd denken, als an den Obensiher — der Ober-sitzer war nämlich an beiden Beinen meistens

' Die Juristen nennen mit Recht den Eid eine Torturder Seele. Aber eben die stoische Gelassenheit und Apathie,mit der wir letzt diese Folter ausstehen und uns oft vonfreien Stücken und zur Uebung in der Standhaftigkeit aufsie hinlegen, sollte, dünkt mich, für uns alle ein willkomme-ner Erfahrungbcwcis sein, daß die Stärke unsers Geistesund Gewissens gerade im umgekehrten Verhältnisse m t derStärke unsers Körpers gewachsen sei, nicht gesunken ; dasGewissen des edelsten Lakaien hat in unsern Tagen eine Ge-sundheit und Abhärtung gegen die besagte Folter erlangtdie sonst dem geübtesten Welt- und Staatsmanne fehlte.