212 Auswahl aus de
Welt nach Kepler) am längsten Tage schafft,durchaus vom Leser am kürzesten Tage muß gele-sen werden — oder doch vor dem Frühlingäqui-nokzio.
Da mir kein Mensch in der Welt soviel vonmeiner probaten Fuchswitterung abkaust, als dieEdelleute: so schätz' ich die letzter» in vielem Be-tracht. Ich berg' es daher gar nicht, daß ich Er-zählungen, wie die folgende, weit lieber ins Pu-blikum trage als solche, die auf die besten Käufervon Fuchswitterungen böse Schatten werfen:gleichwohl darf niemand deswegen meine Erzäh-lung für ein lobsüchtiges Gewebe von wahrenund ersonnenen Thatsachen ansehen, und ich habezwar einen Landedelmann lieb, aber noch mehrdie Wahrheit, — zumal in einer recht ange-nehmen Erzählung vom Edelmann nebst seinemkalten Fieber.
Der hiesige adelige Rittergutbssitzer duelliertesich zwölf Wochen lang mit dem kalten Fieber,der Doktor war der Sekundant von beiden undverließ sich auf seinen Degen. Ich hingegenstand mit probaten Fuchswitterungen unten imkalten HauSplatz und sah wie ein melierter leben-diger Eiszapfe aus, indeß ich vom Koche, dernoch mehr Kälte hatte, erfuhr, sein gnädiger Herr-habs noch eins größere als wir beide — ganznatürlich, sagt' ich, weil seine aus der Physio-logie und Pathologie her ist — und wolle, um dieKälte früher wegzuschmelzen, dazu das Gelübdeprobieren, so vielen Unterthanen Häuser zubauen' und zu schenken, so viele Wochen ihndas Fieber schwenken und rütteln werde. ESschwenkte ihn bis zum ersten Epiphanias, undder Pfarrer auf der Kanzel sagte es, der fürdie Genesung und für einige Batzen sich heiserdankte. Am Montage wurde» zwölf Bauernzwölf Baustätten vonr Vogte angewiesen. WaSdie Baumaterialien betrifft, so wohnte keinMensch im ganzen Dorfe, der auf andere alsdie gewöhnlichen schlechten im Geringsten aufge-sehen hätte, und ein alter polizierter Garnwebersagte: wenn wir nur Bauholz und Dreck haben,so lasset uns genügen; allein der erwärmte Edel-mann wollte so weit über sein Gelübde hinaus-sieigen, daß er zu Baumaterialien nichts geringeresnehmen ließ, als eine kostbare durchsichtige Ma-terie, die über das Kristall in jedem Vorzüge, so-gar in der Zerbrechlichkeit und Menge siegt, de-ren Mangel in Italien so unerträglich ist, als derMangel eines Papstes, nämlich ächtes Eis. Esist diese glasartige Materie, die unserm Welt-.theile darum in Menge geschenkt und dem reichenIndien darum abgeschlagen zu sein scheint, damitEuropa allen Kostbarkeiten Indiens durcheine einzige die Wage hielte, völlig die nämliche,woraus das Empyräum — so viel man erfahrenkönnen — zusammengenagelt ist, und woraus aufder Erde die silbernen Dächer der Fische und Frö-sche gegossen werden. Gleichwohl ließ der Edel-mann, dem die Kostbarkeit dieses Materials sogut wie mir bekannt gewesen, oder vielmehr ebendarum ließ er Eis aus seinen Eiskellern undTeichen ohne Kargheit brechen und abliefern. In
Teufels Papieren.
wenig Wochen sah ein armseliges Dorf— stattdaß das reiche Rußland nie mehr als Einen Pal-las! von Eis und nur für einen reichen Hofnar-ren hervorgctrieben — zwölf solche Häuser fürbloße Bauern in seinen Ringmauern aufschießen,wenn man sich anders die endlichen Schrankendes Dorfes als Mauern denken will. Als ich istTage darauf durchritt, faßt'ich auf dem Pferdeein langes Kannen auf den Vorfall ab und sang:"v du mein Geist, in der Schweiz oder sonst woist am besten Hause nichts von Eis, als dieFensterscheiben: aber hier alles bis auf die Ofen-bank, und wer in Europa und Wien besingt diesetwa» nach Würden?" Weder ich noch meinPferd beantworteten die dithyrambische Frage:sondern wir machten blos die prosaische Bemer-kung, daß, da man in diesen zwölf himmlischenHäusern wenigstens mit Naphta hätte heizen kön-nen und eS doch nicht thäte, die zwölf Bauernmit ihren Kindern und Knechten und Mägden zuder Holzersparenden Gesellschaft in Berlin gehö-ren müßten.
Man kann die Zeit mit etwas bessert» verbrin-gen, als mit langem Erhärten, daß der Bauernicht wie der Städter Sommerhäuser brauche;es war daher nicht wider das Naturrecht, daß derFrühling diese zwölf Winterhäuser in wenig Ta-gen subhastierte, und eS war aus dem Win-ter kein Moratorium zu bringen. Das ist ebenso viel, aber weit vernünftiger, als wenn ich bloserzählte, daß im April das kleine Dorf zsrlief undvertrocknete; und nachdem dasselbe wieder —alswär' es aus den gewöhnlichen M a t er i a-lien gezimmert gewesen — in die Kellerund Teiche des Edelmanns geschwommen war, sokonnten die zwölf Bauern so gut als der reichsteEdelmann von der Stadt aufs Land ziehen.
Ist es nun so äußerst nöthig, als viele imSchlafe glauben, daß ein wichtiger Autor dreiJahre auf einer Universität, um Verstand genug,und eben so lange bei einem Cdelmanne muß ge-sessen haben, um auch Billigkeit genug zu besitzen,damit er so viel einsehen und im Nothfall erwei-sen kann, daß ein einziges solches Beispiel vonadeligem Verschenken der Häuser — und es kannja in Zukunft zu mehrern Beispielen befeuern —zehnmal im Stande ist, zehn andere Beispiele, dieden Adel verschreien, aufzuwiegen und gut zumachen, ich meine nicht blos jene Beispiele, woder Edelmann den Leuten Geld zum Bauen leihet,um solches, wenn das Haus fertig ist, plötzlichaufzukündigen und dann die mühsam zusammen-gebaute Hütte an Zahlungstatt zu rauben, —sondern überhaupt jeden andern Fall, wo derGerichtherr in der Gestalt des Gerichthalters dieBauern geschickt aus ihren Häusern stäubt undtrommelt
mit dem Naturrecht,
mit dem römischen Recht,
mit dem Landesrecht,
mit dem Lehnrecht,
mit dem Dorf- und Bauerrecht,
mit dem Faust- und Kolbenrecht,
mit des Teufels und seiner Großmutter Recht ?