Band 
I.
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Die nnsichtbare Loge.

Ob man gleich in jedem Falle Teufelsnvth miteiner Tochter bat, man mag Abonnenten an sie an-docken oder abzutreiben haben: so hatte doch Knörbei der Sache seinen wahren Himmel auf Erden-unter so vielen Schachrittern, die sämmtlich eineErnestine bekriegten und verspielten. Denn miteinem Kopfe, in den der Vater Licht, und mit ei-nem Herzen, in das die Mutter Tugend eingeführthatte, eroberte sie leichter als sie zu erobern war;daher ärgerte und spielte sich an ihr eine ganzeBrigade ehelustfger Junker halb todt. Und dochwaren unter ihnen Leute, die auf allen nahenSchlössern den Namen süßerHerren behaup-teten , weil sie keine Matrose nsitten hatten,wie man in Vergleichung mit dem See wasserunser schales süßes nennt.

Aber ich und der Leser wollen über die ganzespielende Kompagnie wegspringen und uns nebenden Rittmeister von Falke nberg stellen, der beidem Vater steht und auch heirathen will. DieserOffizier — ein Mann voll Muth und Gutherzig-keit, ohne alle Grundsätze, als die der Ehre, der,um sich nichts hinter seine Ohren zu schreiben, diesonst bei einiger Länge das sch warzeVret undderKerbstock empfangener Beleidigungen sindlieber andere Christen hinter die ihrigen schlug, der,feiner handelte als er sprach und dessen Kniestückich nicht zwischen diesen zwei Gedankenstrichen aus-breiten kann — warb in dieser Gegend so langeRekruten, bis er selber wollte angeworben sein vonEruestinen. Er haßte nichts so sehr als Schachund Herrnhutismus; indessen sagte Knör zu ihm,„ Abends um zwölf Uhr fingen, weil er so wollte,die sieben Spiel-Tournierwochen an, und wenn ernach sieben Wochen um zwölf Uhr die Spielerinnicht aus dem Schlachtfelde ins Brautbette hinein-geschlagen hätte: so that' es ihm von Herzen leid,und aus der achtjährigen Erziehung brauchte dannohnehin nichts zu werden. "

Die ersten vierzehn Tage würd' in der That zunachlässig gespielt und — geliebt. Allein damalshatten weder andere gescheite Leute noch ich selberjene hitzigen Romane geschrieben, wodurch wir (wirHabens zu verantworten) die jungen Leute in kni-sternde, wehende Zi rkuli erösen der Liebe um-setzen, welche darüber zerspringen und verkalkenund nach der Trauung nicht mehr zu heizen sind.Ernestine gehörte unter die Töchter, die bei derHand sind, wenn man ihnen befiehlt, --künftigenSonntag, so Gott will, werke um vier Uhr in denHerrn A — Z, wenn er kommt — verliebt. -- DerRittmeister biß im Artikel der Liebe überhaupt,weder in den gährenden Pumpernickel der physi-schen — noch in das weiße kraftlose Waizenbrodder parisischen — noch in das Quitten - und Him-melbrvd der platonischen, sondern in einen hübschenSchnitt Gesindebrod der ehelichen Liebe: er warsieben und dreißig Jahre alt.

Sechzehn Jahre früher hatt' er sich einen Bissenvom gedachten Pumpernickel abgeschnitten: seineGeliebte und sein und ihr Sohn wurden nachhervom ehrlichen Kommerzien- Agenten Röper ge-he! rathet.

Wir Belletristen hingegen könnenS recht sehrbei unsern Romanen gebrauchen, daß es unsermMagen und unsern Magenhaut gut thut, wenn

wir in Einem Nachmittage jene vier Brodsortenauf einmal anschneiden: denn wir müssen allerHenker sein, um allen Henker zu schildern; wiewollten wir es sonst machen, wenn wir im näm- iliehen Monat aus dem nämlichen Herzen, wie §aus dem nämlichen Buchladen (ich ärgere hier jHrn. Adelung durchs Wort --nämlichen--) Spott-gedichte — Lobgedichte — Nachtgedanken —Nachtszenen — Schlachtgesänge — Idyllen — Zo-tenlieder und Sterbelieder liefern sollen, so daßman hinter und vor uns erstaunt übers Pantheonund Pandämonium unter Einem Dache — mehrals über des Galeerensklaven Bazile nachgelasse-nen Magen, in welchem ein Mvbiliarvermögenvon fünf und dreißig Effekten hausete, z. B. Pfei-fenköpfe, Leder, Glasstücke und so fort.

Wenn die beiden jungen Leute am Schachbretsaßen, das entweder ihre Scheidewand oder ihreBrücke werden sollte: so stand der Vater allemalals Marqueur dabei; es war aber wirklich nichtnöthig — nicht blos weil der Rittmeister soerbärmlich spielte und seine Gegenfüßlerin so phi-likorisch; auch darum nicht, weil ihr die weib-liche Kleiderordnung ohnehin verbot, matt oderverliebt zu werden (denn am Ende kehren Weiberund Ruderknechte allzeit eben den Rücken demUfer zu, an das sie anzurudern streben) sondernaus einem noch sonderbarern Grunde war derAuriliarforsimeister zu entrathen: die Ernestinewollte nämlich um alles gern schachmatt werdenund eben deswegen spielte sie so gut. Dennaus Rache gegen das zögernde Schicksal arbeitetman gerade Dingen, die von ihm abhängen, ab-sichtlich entgegen und wünschet sie Loch. Die bei-den kriegenden Mächte wurden zwar sich einan-der immer lieber, eben weil sie einander einzu-büßen fürchteten; gleichwohl stands in den Kräf-ten der weiblichen nicht, nur Einen Zug zuunterlassen, der gegen ihre doppelseitigen Wünschestritt; in fünf Wochen konnte der Werbeoffiziernicht Einmal sagen: Schach der Königin. DieWeiber spielen ohnehin dieses Königspiel (wieandere Königspiele) recht gut... Da aber daseine Digression der Natur zu sein scheint unddoch keine ist: so kann eins schriftstellerische darausgemacht werden, aber erst im zwanzigsten Sektor;weil ich erst ein paar Monate geschrieben habenmuß, bis ich den Leser so eingesponnen habe, daßich ihn werfen und zerren kann wie ich nurwill.

Wäre die Liebe des Rittmeisters von derArt der neuern gigantischen Liebe gewesen, dienicht wie ein aufblätternder Zephyr, sondern wieein schüttelnder Sturmwind die armen dünnenBlümchen umfasset, welche sich in den bellettri-stischen Orkan gar nicht schicken können, so wäredas Wenigste, was er hätte thun können, das ge-wesen, daß er auf der Stelle des Teufels gewor-den wäre; fo aber würd' er blos — böse, nichtüber den Vater, sondern über die Tochter, undnicht darüber, daß sie das Schachbret nicht zumPräsentierteller ihrer Hand und ihres Herzensmachte, oder daß sie gut gegen ilm spielte, sonderndarüber, daß sie so sehr gut spielte. So ist derMensch, und ich ersuche den Menschen, meinenRittmeister nicht auszulachen. Freilich — hätt'